Astralkörper
Der Astralkörper (von lat. astrum, „Stern") ist in der esoterischen Anthropologie der feinstoffliche Träger der Emotionen, Begierden und Empfindungen. Er gilt als jener Leib, der zwischen dem rein physischen Körper, dem Ätherkörper (Lebenskräfte) und dem höheren Mentalkörper steht. Während der physische Körper das Sichtbare ist und der Ätherkörper das Lebendige, ist der Astralkörper das Fühlende — der Sitz von Liebe und Hass, Lust und Schmerz, Sehnsucht und Furcht. Im Schlaf und im Tod soll er sich vom physischen Leib lösen können — daher die Vorstellung der Astralreise oder des „außerkörperlichen Erlebens". Der Begriff stammt aus der mittelalterlichen Alchemie, wurde von der Theosophie systematisiert und prägt bis heute esoterische Anthropologien. Verwandt sind Ätherkörper und Aura.
Ursprung
Die Idee eines feinstofflichen Leibes, der den groben Körper durchdringt und überragt, ist uralt. Plato sprach im Phaidon vom Ochema („Vehikel") der Seele — einem Sternenleib, mit dem die Seele zwischen Inkarnationen reist. Die Neuplatoniker (Plotin, Porphyrios, Iamblichos) entwickelten diese Lehre im 3. und 4. Jahrhundert weiter. In der arabischen Philosophie übernahmen Avicenna und Suhrawardi das Konzept. Der Begriff corpus astrale erscheint dann bei Paracelsus (1493–1541) — er unterschied zwischen corpus elementare (Elementarkörper) und corpus sidereum/astrale (Sternenleib), der die Verbindung zum Sternenhimmel und zu den planetaren Kräften herstellt.
Die moderne Systematisierung erfolgte durch die Theosophische Gesellschaft. Helena P. Blawatsky beschrieb in Die Geheimlehre (1888) eine siebenteilige Anthropologie: physischer Körper, Ätherdoppel (Linga Sharira), Pranakörper, Astral- oder Begierdenkörper (Kama Rupa), niederer Mentalkörper (Manas), höherer Mentalkörper (Buddhi-Manas) und das göttliche Selbst (Atma). C. W. Leadbeater und Annie Besant verfeinerten in Thought-Forms (1901) die Beschreibung der astralen Aura mit Farben und Formen. Rudolf Steiner übernahm die Lehre in seiner Anthroposophie und reduzierte sie auf vier Leiber: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich. Die Astralreise als bewusste Praxis wurde von Hermetikern wie Eliphas Lévi, S. L. MacGregor Mathers und im 20. Jahrhundert von Sylvan Muldoon, Robert Monroe und William Buhlman beschrieben.
Funktion und Struktur
Nach theosophisch-anthroposophischer Lehre durchdringt der Astralkörper den physischen und ätherischen Leib und ragt als Aura einige Zentimeter bis Meter über ihn hinaus. In ihm bewegen sich Gefühle, Affekte, Wünsche und Vorstellungsbilder. Während der Ätherkörper für Wachstum, Heilung und vegetative Lebensprozesse zuständig ist, ist der Astralkörper Träger des Empfindungslebens — er ist das, was Tiere und Menschen gemeinsam haben (Pflanzen haben in dieser Lehre keinen Astralleib). Beim Einschlafen tritt der Astralleib mit dem Ich aus dem physisch-ätherischen Leib aus und verbindet sich mit der „astralen Welt" — der Quelle von Träumen und unbewussten Erfahrungen.
Die astrale Ebene ist nach esoterischer Lehre eine eigene Wirklichkeitsebene, durchdrungen von Gedankenformen, emotionalen Strömungen, Wesen aller Art (Verstorbene, Elementarwesen, künstliche Astralwesen — die „Egregore" oder Gedankenformen). Sie hat sieben Unterebenen, von der gröbsten (Wünsche, Triebe, Angst) bis zur feinsten (höhere Gefühle wie Mitgefühl und Hingabe). Im Tod löst sich nach dieser Lehre der Astralkörper vom Physischen, lebt eine Zeit im Kamaloka (Begierdenwelt), in der die niederen Begierden „verbrennen", und löst sich dann auf — die Essenz wandert in höhere Welten. Wissenschaftlich ist der Astralkörper nicht nachweisbar; er bleibt ein metaphysisches und phänomenologisches Modell.
In der Praxis
Die Astralprojektion oder „außerkörperliche Erfahrung" (OBE — Out-of-Body Experience) wird in vielen esoterischen Schulen geübt. Klassische Methoden sind: tiefe Entspannung im Liegen, bewusste Atemarbeit, Visualisierung des Aufsteigens oder Hinausgleitens, Konzentration auf einen Punkt knapp außerhalb des Körpers. Robert Monroe entwickelte in den 1970er Jahren mit den Hemi-Sync-Audiotechniken eine Hilfe zur OBE; sein Monroe Institute arbeitet bis heute mit solchen Methoden. Die Wachträume (luzides Träumen) sind ein verwandtes Gebiet.
Auch ohne aktive Astralreisen wird mit dem Astralleib gearbeitet — etwa in der Selbstbeobachtung der Gefühle, in der Aura-Reinigung, in der Heilarbeit (Reiki, energetisches Heilen), in der Traumarbeit. Steiners Anthroposophie empfiehlt die Rückschau am Abend (den Tag rückwärts durchgehen) als Übung zur Reinigung des Astralleibes. Achtsamkeitspraxis und Meditation wirken nach esoterischer Auffassung subtilisierend auf den Astralleib: er wird klarer, durchlässiger, weniger von Emotionen aufgewühlt. Praktische Vorsicht: ungeschulte Astralprojektion kann verstörend wirken — schlafähnliche Lähmung beim Eintritt, Begegnungen mit „Wesen", Verwirrung. Erfahrene Lehrer raten zur Erdung und zum Aufbau eines stabilen Ich-Bewusstseins. Mehr unter Glossar.
Symbolische Tiefe
Der Astralkörper ist ein Symbol für die unleugbare Tatsache, dass der Mensch nicht nur Materie ist. Was wir „Gefühle" nennen, ist mehr als chemische Reaktionen im Gehirn — es ist ein Erleben mit eigener Qualität, eigener Logik, eigener Geschichte. Esoterik gibt diesem Erleben einen Leib. Ob man dies wörtlich oder symbolisch nimmt — die Idee verweist auf die Tiefe des Empfindungslebens und auf seine Wirkung über den Tod hinaus. Im Sterben, lehrt die Tradition, sieht der Mensch sein eigenes Leben als emotionale Bilanz vor sich — Liebe, Schuld, Versäumnisse, Geschenke. Der Astralkörper ist das, was diese Bilanz trägt.
In der jungianischen Psychologie entspricht dem Astralleib am ehesten die Anima bzw. der Schatten — das emotionale, affektive Unbewusste mit seinen Komplexen und Bildwelten. Im Tarot symbolisieren die Kelche (Element Wasser) den astralen Bereich der Gefühle. Karten wie Der Mond (XVIII) und Das Gericht (XX) berühren astrale Themen — Traum, Spiegelung, Auferstehung. In der Astrologie wird der Astralleib mit dem Mond und mit Neptun verbunden — Empfindung, Spiegelung, Auflösung. Auf dem Lebensbaum entspricht der Astralleib der Sephira Yesod (Grundlage), dem Mond-Sephira am Fuß der mittleren Säule. Der Mensch ist mehr als sein Körper — er ist auch das, was er fühlt, träumt und sehnt. Siehe auch Aura.
Auch bekannt als
- Begierdenleib
- Kama Rupa
- Sternenleib
- Emotionalkörper
- feinstofflicher Empfindungsleib