Mantik

Augur

Der Augur war im antiken Rom ein staatlich bestallter Priester, dessen Aufgabe darin bestand, den Willen der Götter durch Beobachtung des Vogelflugs zu erkennen. Diese Praxis hiess auspicium (von avis, Vogel, und specere, schauen) oder augurium. Auguren bildeten eines der ältesten und ehrwürdigsten Priesterkollegien Roms und begleiteten politische, militärische und religiöse Entscheidungen mit ihren Zeichen-Deutungen. Vom lateinischen augur stammen die deutschen Wörter „Inauguration" und „inaugurieren", die einst bezeichneten, dass eine Amtshandlung durch günstige Auspizien eröffnet wurde.

Ursprung

Die Institution der Auguren geht auf den sagenhaften König Numa Pompilius (715-672 v. Chr.) zurück, der Roms religiöse Ordnung begründete. Bereits Romulus, der mythische Stadtgründer, soll 753 v. Chr. die Lage Roms durch Auspizien festgelegt haben: Auf dem Palatin sah er zwölf Geier, sein Bruder Remus auf dem Aventin nur sechs, und so wurde Romulus als Stadtgründer bestätigt. Diese Legende, überliefert von Livius (1. Jh. v. Chr.), zeigt, wie tief die Auguralpraxis in der römischen Identität verwurzelt war. Das Kollegium der Auguren wurde zunächst auf drei, dann auf neun und schliesslich unter Sulla 81 v. Chr. auf fünfzehn Mitglieder erweitert. Auch Cicero gehörte ab 53 v. Chr. dem Kollegium an.

Vorbilder hatten die Römer in den Etruskern, deren Priester (die haruspices) eine hochentwickelte Zeichenkunde besassen. Die Etrusker lasen vor allem aus Tierlebern (haruspicium), aus Blitzen (fulguratio) und aus Wunderzeichen (ostentaria). Diese Disziplinen wurden von den Römern übernommen, aber neben das genuin römische Auspicium gestellt. Die Disciplina Etrusca, niedergelegt in mehreren Büchern, war bis zum Untergang des Weströmischen Reichs eine respektierte Wissenschaft. Mehr unter Ornithomantie und Divination.

Methode der Auspizien

Der Augur trat in der frühen Morgenstunde an einen festgelegten Beobachtungsort, oft auf einem Hügel oder auf der Burg (arx). Mit dem Lituus, einem oben gekrümmten Stab, zog er einen heiligen Raum am Himmel ab, den templum: links, rechts, vorn, hinten. Innerhalb dieses Raumes beobachtete er den Vogelflug. Bestimmte Vögel galten als besonders wichtig: Adler, Geier, Bussard für die alites (Flugzeichen) und Specht, Rabe, Krähe, Eule für die oscines (Stimmenzeichen). Die Deutung folgte festen Regeln, die in Geheimbüchern (libri augurales) niedergelegt waren.

Es gab fünf Arten von Auspizien: ex caelo (aus Blitz und Donner), ex avibus (aus Vögeln), ex tripudiis (aus dem Fressverhalten heiliger Hühner), ex quadrupedibus (aus Vierfüsslern) und ex diris (aus auffälligen Erscheinungen). Die Hühner-Auspizien wurden besonders im Heer praktiziert: vor der Schlacht stellte man heilige Hühner auf, und ihr Fressverhalten entschied über das Gelingen. Der berühmte Konsul Publius Claudius Pulcher liess vor der Seeschlacht bei Drepana 249 v. Chr. die Hühner ins Wasser werfen, als sie nicht fressen wollten — mit den Worten „Dann sollen sie trinken!". Er verlor die Schlacht prompt. Die Geschichte wurde zur Mahnung. Mehr unter Omen.

In der Praxis

Du kannst eine zeitgenössische Form der Auguralpraxis ausprobieren, indem du dir an entscheidenden Punkten deines Lebens Zeit für eine bewusste Vogel-Beobachtung nimmst. Suche dir einen ruhigen Aussichtspunkt, am besten in der Natur, und setze dich für etwa fünfzehn Minuten still hin. Stelle in Gedanken deine Frage und beobachte den Himmel. Welcher Vogel zieht zuerst vorbei? Aus welcher Richtung kommt er? Wie ist sein Flug — gleichmässig, hetzend, schwebend? Welcher Vogel ruft? Notiere deine Beobachtungen.

Die symbolische Deutung kannst du aus alten Quellen oder aus deinem eigenen Empfinden ziehen. Der Adler stand für Stärke und Sieg, der Rabe für Geheimnisse und Tod, die Eule für Weisheit und Veränderung, der Specht für Aufmerksamkeit. Wichtiger als das fertige Symbol-Wörterbuch ist deine eigene Resonanz: was bedeutet dir dieser Vogel? Welche Erinnerung weckt er? Diese moderne Auguralpraxis ist kein Ersatz für klare Entscheidungen, sondern eine Methode, dich für die symbolische Schicht der Welt zu öffnen. Sie schärft deine Wahrnehmung und gibt deinen Entscheidungen eine zusätzliche Tiefe. Mehr unter Orakel.

Symbolische Tiefe

Die Auguralpraxis verkörpert eine politische Theologie. Bei den Römern war keine Staatshandlung gültig ohne die Zustimmung der Götter, und diese Zustimmung wurde durch die Auguren festgestellt. Wahlen, Gesetzgebungsverfahren und Schlachten konnten durch ungünstige Auspizien unterbrochen werden. Diese Praxis bedeutete: politische Macht hat eine transzendente Verankerung, sie ist nicht nur Sache des menschlichen Willens. Im modernen Sinn könnte man sagen: die Auguralpraxis war ein Korrektiv gegen blinden Aktivismus, eine Erinnerung daran, dass jede Handlung in einen grösseren Zusammenhang eingebettet ist.

Cicero, selbst Augur, schrieb in De divinatione (44 v. Chr.) eine kritische Reflexion über die Praxis. Er erkannte, dass viele Auspizien zur Routine geworden waren und dass kluge Politiker sie geschickt manipulierten. Trotzdem hielt er an der Institution fest, denn er sah darin ein notwendiges Element der gesellschaftlichen Ordnung. Diese ambivalente Haltung — Skepsis gegenüber Manipulation, Respekt vor der Tradition — ist auch heute noch lehrreich. Auspizien sind nicht naiv, wenn sie als symbolische Praxis verstanden werden: sie verlangsamen, sie sensibilisieren, sie geben dem Handeln einen Rahmen. In dieser Hinsicht ist der Augur eine bleibende Figur — ein Mensch, der lernt, die Welt zu lesen, bevor er handelt. Mehr unter Glossar.

Auch bekannt als

  • Vogelschauer
  • Auspex
  • Auspizienpriester
  • Zeichendeuter
  • Auguralpriester

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