Mantik

Sortilegium

Das Sortilegium (vom lat. sors, Los, und legere, lesen) ist die Wahrsagung durch Losziehen. Sie umfasst alle Verfahren, in denen aus einer Sammlung von Losen, Steinen, Stäbchen, Karten oder Buchversen zufällig ein Element gezogen und als Antwort gedeutet wird. Im engeren Sinn bezeichnet das Sortilegium die antike und mittelalterliche Praxis, in der man heilige Bücher (Vergil, Homer, Bibel) zufällig aufschlug und den ersten gelesenen Vers als Orakel nahm — die sogenannten sortes Vergilianae, sortes Homericae oder sortes Biblicae.

Ursprung

Das Losziehen ist eine der ältesten Entscheidungsformen der Menschheit. In Mesopotamien wurden bereits im 3. Jt. v. Chr. Losentscheidungen für religiöse und politische Zwecke verwendet. In Israel bekam die Hohepriester die Urim und Tummim in den Brustschild eingebaut — wahrscheinlich Lose, mit denen Jahwe befragt wurde (Exodus 28,30; Numeri 27,21). Der Apostel Matthias wurde nach Apostelgeschichte 1,26 durch Losentscheid als Ersatz für Judas in den Zwölferkreis aufgenommen. Im klassischen Griechenland wurden öffentliche Ämter (Geschworene, manche Beamte) durch Lose besetzt — die Kleroterion-Maschine in Athen warf weisse und schwarze Würfel, um zu entscheiden, wer als Bürger an der Reihe war.

Aus dem politischen Losziehen entwickelte sich das religiöse. In Rom befragte man die sortes, kleine Holzplättchen mit eingeschnittenen Sprüchen, die an Heiligtümern aufbewahrt wurden. Berühmt war das Orakel der Fortuna in Praeneste (heute Palestrina) seit dem 4. Jh. v. Chr. Hier wählte ein Kind zufällig ein Lostäfelchen aus, und der eingeschnittene Spruch wurde gedeutet. Solche Lososhrakel gab es auch in Antium (Lavinium), Caere und anderen Städten. Mit dem Aufstieg von Schriftkulturen entstand parallel die Bibliomantie, das zufällige Aufschlagen von Büchern. Die sortes Vergilianae nutzten Vergils Aeneis, die sortes Homericae Homer, die sortes Biblicae die Bibel. Augustinus berichtet in seinen Confessiones, dass er sich 386 n. Chr. in einem Garten in Mailand durch eine solche Bibel-Befragung zum Christentum führen liess. Mehr unter Wahrsagerei.

Formen des Loswerfens

Sortilegium ist ein breiter Begriff. Im klassischen Sinn umfasst er das Lostäfelchen-Werfen an einem Heiligtum: in einem Krug oder einer Schale lagen viele kleine Plättchen mit Sprüchen, und das Heiligtum-Personal (oder ein Kind, dessen Unschuld die Befragung reinigte) zog eines heraus. Es umfasst weiter die Bibliomantie: ein heiliges Buch wird aufgeschlagen, der Finger landet auf einem Vers, dieser wird als Antwort genommen. Auch die Stäbchen-Mantik gehört dazu: in China wurden seit der Han-Zeit (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) Bambus-Stäbchen mit Nummern in Tempeln geworfen, und die Nummer wurde in einer Sprüche-Tafel nachgeschlagen. Dies ist die Kau Cim-Praxis, die bis heute lebendig ist.

In der Bibel und im jüdischen Brauch ist das Sortilegium tief verankert. Im Buch Esther wirft Haman pur, das Los, um den Tag der Judenverfolgung zu bestimmen — daher der Name des Purim-Festes. Im Buch Levitikus wird durch Loswurf entschieden, welcher Ziegenbock geopfert und welcher in die Wüste geschickt wird (der „Sündenbock", Asasel). Im Christentum war das Sortilegium lange umstritten: einerseits berief sich die Praxis auf biblische Beispiele, andererseits warnten die Kirchenväter (Augustinus, Hieronymus, später die mittelalterlichen Synoden) vor dem Missbrauch. Trotz dieser Warnungen blieb das Sortilegium in Form der sortes sanctorum und der sortes apostolorum populär. Mehr unter Divination.

In der Praxis

Eine einfache Sortilegium-Übung ist die Bibliomantie mit einem dir lieben Buch. Wähle ein Werk, das du schätzt — kann ein Roman sein, ein Gedichtband, ein spiritueller Text. Halte das Buch in beiden Händen, schliesse die Augen, atme dreimal tief, formuliere deine Frage. Öffne das Buch an einer beliebigen Stelle, lege den Finger zufällig auf eine Zeile, öffne die Augen. Lies den Satz oder die Passage. Lass sie auf dich wirken. Schreibe Frage und gefundenen Vers auf. Oft erscheinen die Worte zunächst zusammenhanglos — aber bei genauerer Betrachtung zeigen sie eine erstaunlich klare Verbindung zur Frage.

Eine andere Form ist das Losziehen mit eigenen Karten. Schreibe auf zwanzig oder dreissig kleine Karten je eine kurze Aussage, die für dich Bedeutung hat — Sprichwörter, Bibelstellen, Lebensregeln. Mische sie in einer Schale. Wenn du eine Frage hast, ziehst du eine Karte. Auch das I Ging, das Tarot und die Runen sind im Grunde Sortilegium-Systeme. Sie alle leben vom Prinzip: aus einer geordneten Sammlung wird zufällig ein Element gezogen, und genau dieses zufällige Ziehen wird als bedeutsam erkannt. Behandle die Übung respektvoll, ohne sie zu überlasten. Eine Frage pro Sitzung reicht. Mehr unter Mantik und Orakel.

Symbolische Tiefe

Das Sortilegium verkörpert eine philosophische Grundeinsicht: dass das Zufällige nicht unbedingt das Bedeutungslose ist. Wer ein Los zieht, gibt für einen Moment seine Kontrolle ab und vertraut sich einem Element an, das er nicht steuert. Diese Geste ist eine kleine, aber tiefe Anerkennung: ich weiss nicht alles, ich kann nicht alles. Ich brauche etwas, das von aussen kommt. In dieser Geste liegt die Demut der Mantik. Sie ist nicht magische Selbstermächtigung, sondern bewusste Selbstbescheidung. Diese Haltung hat tiefe religiöse Wurzeln: das hebräische Wort für Los, goral, bedeutet auch „Anteil" — was du als Los empfängst, ist dein Anteil am Ganzen, dein Platz im Geflecht. Diese Sichtweise versöhnt mit dem, was kommt.

Carl Gustav Jung führte 1952 in seinem Werk Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge einen Begriff ein, der das Sortilegium philosophisch grundiert. Wenn ein zufälliges äusseres Ereignis mit einem inneren Zustand bedeutsam zusammentrifft, dann zeigt sich, so Jung, eine andere Ordnung als die kausale: die Ordnung der Bedeutung. Diese Ordnung ist nicht naiver Aberglaube, sondern eine andere Schicht der Wirklichkeit, die in archaischen Kulturen weiter entwickelt war als in unserer. Das Sortilegium ist eine zugängliche Methode, mit dieser Schicht in Berührung zu treten. Es kostet nichts, verlangt nur etwas Zeit und Aufmerksamkeit. Und es kann, in entscheidenden Lebensmomenten, eine Klarheit schenken, die das Nachdenken allein nicht erreicht. In dieser Hinsicht ist das Sortilegium eine der demokratischsten und weisesten Mantik-Formen. Mehr unter Glossar.

Auch bekannt als

  • Losorakel
  • Bibliomantie
  • Stichomantie
  • Sortes
  • Los-Wahrsagung

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