Orakel

Schutzengel

Ein Schutzengel ist nach traditioneller Vorstellung ein himmlisches Wesen, das jedem Menschen von der Geburt bis zum Tod beigegeben ist und ihn begleitet, beschützt und führt. Diese Idee findet sich in vielen Religionen, ist aber besonders im Christentum und in der jüdischen Kabbala ausgebildet. Die Kabbala kennt das System der 72 Schutzengel (Shem HaMephorash), die jeweils einem Geburtsdatum und einer Lebensphase zugeordnet sind und in modernen Engelsorakel-Praktiken eine grosse Rolle spielen.

Ursprung

Die Vorstellung eines persönlichen Schutzengels ist alt. Schon das babylonische und das persische Denken kannten persönliche Schutzgeister, im Griechentum hiessen sie Daimonion, im Römertum Genius. Die hebräische Bibel erwähnt Engel als Boten Gottes (mal'ach), aber die Idee eines speziell zugeordneten Schutzengels entwickelt sich vor allem im hellenistischen Judentum und im frühen Christentum. Jesus selbst spricht in Matthäus 18,10 von „ihren Engeln im Himmel". Die Kirchenväter, allen voran Origenes (185-253) und Hieronymus (347-420), bauten daraus die Lehre vom persönlichen Schutzengel aus.

Die jüdische Mystik entwickelte ein noch differenzierteres System. In der Kabbala, vor allem im Sohar (13. Jh.), entstand die Lehre vom Shem HaMephorash, dem siebenundzwanzig-buchstabigen Namen Gottes, der sich in 72 Engelnamen entfaltet. Diese 72 Schutzengel werden aus drei Bibelversen (Exodus 14, 19-21) abgeleitet, die jeweils 72 Buchstaben enthalten und nach einer bestimmten Methode kombiniert werden. Jeder dieser Engel ist einem Fünf-Grad-Abschnitt des Tierkreises zugeordnet und betreut einen bestimmten Zeitraum des Jahres. Der französische Esoteriker Haziel veröffentlichte 1991 sein Buch über die 72 Engel, das diese Tradition im französischsprachigen Raum populär machte.

Die 72 Engel

Die 72 Schutzengel der Kabbala haben hebräische Namen, die meist auf die Silbe „-el" (Gott) oder „-jah" (Jah, Gott) enden. Die ersten zehn sind: Vehuiah, Jeliel, Sitael, Elemiah, Mahasiah, Lelahel, Achaiah, Cahetel, Haziel, Aladiah. Jeder von ihnen herrscht über einen bestimmten Zeitabschnitt im Jahr und über bestimmte Tugenden, Berufe und Lebensfragen. Vehuiah (21.-25. März) gilt als Engel des Willens und des Neuanfangs, Jeliel (26.-30. März) als Engel der harmonischen Liebe, Sitael (31. März - 4. April) als Engel des Schöpfungswerks. Diese Zuordnungen sind in mehreren kabbalistischen Werken überliefert, mit kleinen Variationen.

Jeder Mensch hat nach dieser Lehre nicht nur einen, sondern drei Schutzengel: der „Geburtsengel" oder „Wesensengel" wird durch das Geburtsdatum bestimmt; der „Herzensengel" durch den Mond zur Zeit der Geburt; der „Geistesengel" durch die Geburtsstunde. Diese drei Engel begleiten den Menschen sein Leben lang und entsprechen den drei Aspekten Körper, Seele und Geist. Manche Quellen sprechen noch von einem vierten, dem „Hüterengel", der über alle drei wacht. Diese komplexe Struktur erinnert an die astrologische Trias von Sonne, Mond und Aszendent. Mehr unter Glossar und Orakel.

In der Praxis

Du kannst deinen Schutzengel auf verschiedenen Wegen finden und anrufen. Die einfachste Methode ist die kabbalistische Zuordnung nach Geburtsdatum: wer am 7. Juli geboren ist, hat als Geburtsengel Haaiah (5.-9. Juli). Du suchst seinen Namen, seine Tugenden und seine Anrufungspsalm. Du sprichst seinen Namen aus, sagst ihm dein Anliegen und bittest um seine Begleitung. Manche Praktiken empfehlen, den Engelnamen 72 Tage lang täglich zu rezitieren, um eine Verbindung aufzubauen. Andere arbeiten mit Visualisierung, Meditation oder Schreiben.

Die Engelsorakel-App bietet dir eine moderne, niederschwellige Form der Engelpraxis. Du musst nicht die volle kabbalistische Lehre studieren, um eine Engelsbotschaft empfangen zu können. Eine einfache Bitte, eine ruhige Atmung und ein offenes Herz reichen. Im Alltag kannst du deinem Schutzengel kleine Aufgaben anvertrauen: einen Parkplatz finden, eine schwierige Begegnung sanft verlaufen lassen, einen wichtigen Anruf gut führen. Diese kleinen Praktiken bauen mit der Zeit ein vertrautes Verhältnis auf. Auch Engelszahlen wie 111, 222 oder 333 gelten als kleine Grüsse deiner Engel. Mehr unter Engelsorakel.

Symbolische Tiefe

Der Schutzengel ist eine der menschlichsten Vorstellungen der Religionsgeschichte. Er antwortet auf die Erfahrung, dass wir nicht allein sind, dass uns etwas trägt, das wir nicht sind und nicht herstellen können. Schon als Kinder spüren viele Menschen diese Anwesenheit, lange bevor sie eine Theologie dazu lernen. Die Religion verleiht dieser Erfahrung Namen, Gestalt und Anrufung. Wer den Schutzengel ernst nimmt, sagt: ich bin nicht der einzige Akteur meines Lebens, es gibt einen Mitspieler, der mein Wohl will und mich nicht aufgibt.

C. G. Jung sah im Schutzengel eine Personifikation des Selbst, des höheren Zentrums der Persönlichkeit, das im Unterschied zum Ich auch das Unbewusste umfasst. Der Schutzengel ist in dieser Lesart kein äusseres Wesen, sondern eine innere Instanz, die durch das religiöse Bild zugänglich wird. Diese psychologische Deutung muss die traditionelle nicht ersetzen, sondern kann sie ergänzen. Vielleicht ist die Frage, ob die Engel innen oder aussen sind, falsch gestellt. In den ältesten Quellen der Sufismus-Tradition heisst es, dass der Engel den Menschen schafft, indem er ihn liebt, und der Mensch den Engel sieht, indem er ihn ruft. Beide kommen in der Anrufung zur Welt. Mehr unter Gnostizismus.

Auch bekannt als

  • Genius
  • Daimonion
  • Guardian Angel
  • Hüterengel
  • Begleitengel

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