Orakel

Scrying

Das Scrying (vom altenglischen descry, „wahrnehmen, erblicken") ist die mantische Praxis des reflektiven Schauens. Die Seherin oder der Seher blickt in eine glänzende oder durchsichtige Oberfläche, bis sich Bilder, Symbole oder Botschaften zeigen. Klassische Scrying-Werkzeuge sind die Kristallkugel, Wasserschalen, schwarze Spiegel, Tinte, Feuer und Rauch. Es ist eine der ältesten Formen der Vision und findet sich in fast allen Kulturen der Welt.

Ursprung

Das Scrying ist sehr alt. Schon die ägyptische Magie kannte die Lekanomantie, das Schauen in eine Wasserschüssel mit aufgegossenem Öl, und die Katoptromantie, das Schauen in einen polierten Bronzespiegel. Die griechischen und römischen Orakel arbeiteten häufig mit Wasser und Spiegeln; die Pythia von Delphi soll vor ihren Aussprüchen in eine Wasserschale geblickt haben. Im alten Persien blickten die Magier in glänzendes Öl, im alten Mesopotamien in geschliffene Steine. Die hebräische Bibel erwähnt in Genesis 44,5 den silbernen Becher Josephs, mit dem er „wahrsagt".

Im europäischen Mittelalter und in der Renaissance war Scrying eine etablierte, wenn auch kirchlich verfolgte Praxis. Nostradamus (1503-1566) soll seine Prophezeiungen empfangen haben, indem er in eine Wasserschüssel blickte, die auf einem dreibeinigen Tisch stand. John Dee (1527-1608) und sein Medium Edward Kelley arbeiteten mit einem polierten Obsidian-Spiegel aztekischen Ursprungs und mit Bergkristallkugeln. Im 19. Jahrhundert popularisierte die spiritistische Bewegung das Scrying weiter, und der englische Okkultist Aleister Crowley nahm es in die Praxis des Ordens der Goldenen Dämmerung auf. In Mexiko und Mittelamerika gehört das Scrying mit Obsidian-Spiegeln zu den ältesten religiösen Praktiken der Tolteken und Azteken, die ihren Schöpfergott Tezcatlipoca als „rauchenden Spiegel" verehrten.

Methoden des Scrying

Die wichtigsten Scrying-Methoden sind: die Kristallomantie mit der Kristallkugel; die Katoptromantie mit einem Spiegel, klassisch einem schwarzen Spiegel (Magic Mirror), wie ihn die Goldene Dämmerung empfahl; die Hydromantie mit einer Wasserschüssel, oft mit etwas Tinte oder Öl auf der Oberfläche; die Pyromantie mit dem offenen Feuer; die Kapnomantie mit dem Rauch des Räucherwerks; die Onychomantie mit dem polierten Daumennagel. Jede dieser Methoden hat ihre Tradition, ihre Technik und ihren bevorzugten Anwendungsbereich.

Trotz der unterschiedlichen Werkzeuge ist das Prinzip immer dasselbe: die reflektierende oder durchsichtige Oberfläche dient als „Bildschirm", auf dem sich innere Bilder zeigen können. Die wissenschaftliche Erklärung verweist auf den hypnagogen Zustand, eine Bewusstseinslage zwischen Wachen und Träumen, in der das visuelle System des Gehirns Inhalte des Unbewussten in halluzinatorischer Form präsentiert. Die spirituelle Erklärung sieht in der Schau eine Verbindung zur Akasha-Chronik, zum kollektiven Unbewussten oder zu jenseitigen Wesen. Beide Erklärungen schliessen sich nicht aus. Wichtig ist die Methode: ruhige Atmung, weicher Blick, keine Erwartung. Mehr unter Glossar und Orakel.

In der Praxis

Für deine erste Scrying-Sitzung brauchst du keine teure Ausrüstung. Eine schwarze Schale mit Wasser, ein abgedunkelter Raum und eine einzelne Kerze reichen. Du setzt dich vor die Schale, atmest tief und langsam, und blickst auf die Wasseroberfläche. Dein Blick soll weich und unfokussiert sein, wie wenn du durch das Wasser hindurch in eine grosse Tiefe schaust. Nach einer Weile, manchmal nach mehreren Sitzungen, beginnen sich Bilder zu zeigen, oft zunächst als Wolken oder Farbflächen, später als Szenen. Du bewertest sie nicht und greifst nicht ein, du beobachtest. Notiere danach alles, auch das Unwichtige.

Die Kristallkugel-App bietet eine zeitgemässe, digitale Form des Scrying. Wichtig ist, dass du eine ruhige innere Haltung mitbringst. Scrying funktioniert nicht, wenn du angestrengt versuchst, etwas Bestimmtes zu sehen; es funktioniert, wenn du dich öffnest. Manche Menschen sehen klare Bilder, andere hören eher Worte, wieder andere empfangen Stimmungen oder körperliche Eindrücke. Alles davon ist gültig. Mit Übung wird die Wahrnehmung feiner. Scrying lässt sich gut mit anderen Werkzeugen kombinieren: vor oder nach einer Sitzung kannst du eine Rune ziehen, das I Ging befragen oder eine Tarotkarte ziehen, um das Gesehene zu konkretisieren.

Symbolische Tiefe

Das Scrying gehört zur ältesten Form der menschlichen Vision, älter noch als die Sprache. Schon paläolithische Menschen haben vermutlich in stilles Wasser und in das Flackern des Feuers geschaut, um Bilder zu empfangen. Diese Praxis berührt eine Grundtatsache der menschlichen Wahrnehmung: unser Sehen ist nicht passiv, sondern aktiv. Wir sehen, was wir zu sehen bereit sind. Die spiegelnde Oberfläche der Scrying-Werkzeuge ist daher kein eigentliches Bild, sondern ein Auslöser. Sie schafft eine Leere, in die das Innere strömen kann.

In allen mystischen Traditionen findet sich der Gedanke, dass die wahre Wirklichkeit nicht direkt geschaut werden kann, sondern nur indirekt, durch Reflexion. Paulus schreibt im ersten Korintherbrief 13,12: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild." Der jüdische Philosoph Maimonides (1138-1204) lehrte, dass die Propheten ihre Visionen durch eine „polierte Linse" empfangen, der höchste Prophet Mose durch eine „klare Linse". Das Scrying ist die praktische Form dieser theologischen Einsicht. Wer sich in den Spiegel oder die Kugel vertieft, übt das Sehen mit dem inneren Auge. Mit der Zeit wird auch das Sehen im Alltag tiefer und unscharfer im besten Sinne: weniger fixiert, weicher, durchlässiger. Mehr unter Gnostizismus und Alchemie.

Auch bekannt als

  • Spiegelschau
  • Kristallschau
  • Hydromantie
  • Katoptromantie
  • Spekulation

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