Traditionen

Anthroposophie

Die Anthroposophie (von griech. anthropos, Mensch, und sophia, Weisheit) ist eine spirituelle Weltanschauung, die Rudolf Steiner (1861-1925) zwischen 1900 und 1925 entwickelte. Sie versteht sich als „Geisteswissenschaft", die mit derselben Strenge wie die Naturwissenschaft die geistigen Welten erforscht. Steiner trennte sich 1912 von der Theosophie, um eine eigenständige westlich-christliche Linie aufzubauen. Aus der Anthroposophie sind die Waldorfschulen, die biodynamische Landwirtschaft und die anthroposophische Medizin hervorgegangen.

Ursprung

Rudolf Steiner wurde am 27. Februar 1861 in Kraljevec (heute Kroatien, damals Österreich-Ungarn) geboren. Er studierte Naturwissenschaft und Philosophie in Wien, gab die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes heraus (1884-1897) und promovierte 1891 in Rostock mit einer Arbeit über die Erkenntnistheorie Fichtes. Sein eigenes philosophisches Hauptwerk, Die Philosophie der Freiheit, erschien 1894. Ab 1902 wurde er Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophical Society und entwickelte schnell eine eigene Lesart der Esoterik, die stärker westlich-christlich und stärker an Goethe und an der deutschen Idealismus orientiert war.

Am 28. Dezember 1912 spaltete sich die deutsche Sektion und gründete die Anthroposophische Gesellschaft mit Sitz in Dornach, Schweiz. Hier errichtete Steiner zwischen 1913 und 1922 das erste Goetheanum, ein expressionistisches Holzgebäude, das in der Silvesternacht 1922/23 abbrannte. Der zweite Bau aus Sichtbeton wurde 1924-1928 nach Steiners Entwürfen errichtet und ist bis heute das Zentrum der weltweiten anthroposophischen Bewegung. Steiner starb am 30. März 1925 in Dornach. In seinen 24 anthroposophischen Jahren entwickelte er eine erstaunliche Fülle an Initiativen: die Waldorfpädagogik (erste Schule 1919 in Stuttgart), die biodynamische Landwirtschaft (Kurs 1924 in Koberwitz), die anthroposophische Medizin (mit Ita Wegman), die Heileurythmie, die Christengemeinschaft (1922), und vieles mehr.

Lehre und Praxisfelder

Die anthroposophische Lehre beschreibt den Menschen als ein Wesen aus vier Gliedern: dem physischen Leib, dem Ätherleib (Lebenskräfte), dem Astralleib (Empfindung, Bewusstsein) und dem Ich (geistiger Kern). Diese Gliederung erinnert an die theosophische Konstitution, ist aber feiner ausgearbeitet und stärker am Christentum orientiert. Der Mensch durchläuft mehrere Inkarnationen und entwickelt sich über kosmische Zeiträume. Die kosmische Entwicklung selbst wird in sieben Verkörperungen der Erde beschrieben (Alter Saturn, Alte Sonne, Alter Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan). Christus ist für Steiner das zentrale kosmische Ereignis, das die Erdentwicklung in zwei Hälften teilt.

Die praktischen Anwendungen der Anthroposophie sind beträchtlich. Die Waldorfpädagogik ist heute mit über 1200 Schulen in 80 Ländern eine der grössten unabhängigen Schulbewegungen der Welt. Die biodynamische Landwirtschaft mit den Marken Demeter und Bio-Dynamic ist eine etablierte Form des Ökolandbaus. Die anthroposophische Medizin mit Firmen wie Weleda und Wala ist eine eigene Heilrichtung, die in der Schweiz und Deutschland offiziell anerkannt ist. Hinzu kommen die Eurythmie als Bewegungskunst, die Sozialdreigliederung als politisches Konzept, die Christengemeinschaft als religiöse Gemeinschaft und zahlreiche Initiativen in der Heilpädagogik (Camphill-Bewegung). Mehr unter Glossar.

In der Praxis

Anthroposophie zu praktizieren bedeutet zunächst, die Schriften Steiners zu studieren. Empfohlene Einstiegswerke sind Theosophie (1904), Geheimwissenschaft im Umriss (1910) und Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1909). Das letztgenannte ist eine Anleitung zur meditativen Schulung des inneren Wesens und enthält konkrete Übungen zur Beobachtung, zur Stille, zur Gleichgewichtigkeit der Gefühle. Daneben pflegt die anthroposophische Praxis die regelmässige Meditation, oft an bestimmten Versen oder Bildern; das Beobachten der Natur in goetheanischer Weise; das künstlerische Üben (Eurythmie, Sprachgestaltung, Malen mit Wasserfarben); und die Beschäftigung mit den christlichen Festen im Jahreslauf.

Du kannst dich anthroposophischen Gruppen anschliessen, die in vielen Städten existieren. Die Anthroposophische Gesellschaft hat eine offene Sektion und eine intensivere „Hochschule für Geisteswissenschaft" mit gestuften Klassen. Im praktischen Alltag begegnest du der Anthroposophie auch über Waldorfschulen, Demeter-Höfe, Weleda-Apotheken und anthroposophische Ärzte. Klassische Werkzeuge wie das Tarot, das I Ging oder Runen werden in der Anthroposophie traditionell zurückhaltend behandelt, weil Steiner die innere Schulung statt der äusseren Werkzeuge betonte. Wer aber beides verbinden möchte, findet keine prinzipiellen Widersprüche.

Symbolische Tiefe

Die Anthroposophie unterscheidet sich von vielen esoterischen Strömungen durch ihren ausdrücklichen Anspruch, eine Wissenschaft zu sein. Steiner wollte nicht eine neue Religion gründen, sondern eine Methode der inneren Erkenntnis lehren, die ebenso überprüfbar sein sollte wie die Naturwissenschaft. Diese Hochambition macht die Anthroposophie für manche Menschen besonders attraktiv und für andere besonders fremd. Wer sich auf sie einlässt, übt sich in einer denkenden Spiritualität: nicht der Glaube, sondern die methodisch geschulte geistige Beobachtung soll zur Erkenntnis führen.

Symbolisch ist die Anthroposophie tief in der goetheanischen Naturanschauung verwurzelt. Goethes Idee der „Urpflanze" und der „Metamorphose" wird bei Steiner zum Grundprinzip der geistigen Beobachtung: man sieht nicht nur das einzelne Phänomen, sondern die formgebende Idee, die durch alle Phänomene wirkt. Diese Sicht verbindet die Anthroposophie mit der platonischen Ideenlehre, mit der hermetischen Alchemie und mit dem Goetheschen Verständnis von Wissenschaft. Sie steht aber auch in deutlicher Spannung zu manchen Strömungen der heutigen Esoterik, die eher gefühlsbetont und unsystematisch ist. Die Anthroposophie verlangt vom Schüler Disziplin, Studium und langes Üben. Mehr unter Theosophie und Rosenkreuzer.

Auch bekannt als

  • Geisteswissenschaft
  • Steiner-Lehre
  • Waldorf-Bewegung
  • Goetheanismus
  • Christozentrische Esoterik

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