Druidentum
Das Druidentum bezeichnet sowohl die historische keltische Priesterkaste der Antike als auch die moderne neopagane Wiederbelebung dieser Tradition. Die historischen Druiden waren Priester, Richter, Heiler und Lehrer der keltischen Stämme von Gallien, Britannien und Irland. Das moderne Druidentum entstand im 18. Jahrhundert und ist heute, neben der Wicca, eine der grossen Strömungen des Neopaganismus. Wichtigste Organisationen sind der OBOD (1964) und der Druid Order (1717).
Ursprung
Die historischen Druiden sind aus den Schriften antiker Autoren bekannt: Julius Caesar (De Bello Gallico, ca. 50 v. Chr.) widmete ihnen ein eigenes Kapitel und beschrieb sie als hochrangige Gelehrte, Priester und Richter der keltischen Stämme. Plinius der Ältere (1. Jh. n. Chr.) erwähnte ihre Mistelschneidung mit goldenen Sicheln. Strabon, Diodorus Siculus und Tacitus liefern weitere Hinweise. Die irischen Quellen des Mittelalters, vor allem das Lebor Gabála Érenn und die Lebensbeschreibungen der Heiligen Patrick und Brigida, zeigen Druiden in der irischen Gesellschaft des 5.-7. Jahrhunderts. Die Christianisierung beendete das öffentliche Druidentum bis zum 8. Jahrhundert vollständig.
Die moderne Druidenbewegung begann im 18. Jahrhundert. 1717 gründete der irische Antiquar John Toland in London den Ancient Druid Order, der bis heute existiert. Der Waliser Iolo Morganwg (eigentlich Edward Williams, 1747-1826) organisierte 1792 das erste Gorsedd, eine Bardenversammlung, und schrieb umfangreiche, teils erfundene druidische Texte. Die zweite Welle kam im 20. Jahrhundert. 1964 gründete der englische Druide Ross Nichols mit dem Schriftsteller Gerald Gardner den Order of Bards, Ovates and Druids (OBOD), der heute weltweit über 20.000 Mitglieder zählt. Der OBOD ist die wichtigste internationale Druidenorganisation und bietet einen mehrjährigen Fernkurs in den drei Graden Barde, Ovate und Druide.
Lehre und Praxis
Das moderne Druidentum kennt drei Grade: Barde (Sänger, Geschichtenerzähler, Kunst des Wortes), Ovate (Seher, Heiler, Kenner der Naturgeister und der Anderwelt) und Druide (Lehrer, Ritualleiter, Philosoph). Diese Dreiteilung folgt der antiken Quelle Strabon, der die Kelten in bardoi, ovateis und druidai einteilte. Im OBOD-Kurs durchläuft jeder Schüler diese drei Grade in mehrjähriger Arbeit, mit Aufgaben, Meditationen, Ritualen und einer wachsenden Beziehung zur Natur. Andere Druidenorden wie der British Druid Order (BDO) und die Reformed Druids of North America (RDNA) haben eigene Strukturen.
Die Praxis des Druidentums ist stark naturverbunden. Das Jahr wird in acht Festen begangen, wie in der Wicca, mit besonderem Gewicht auf den vier keltischen Quartalsfesten Samhain (1. November), Imbolc (1. Februar), Beltane (1. Mai) und Lughnasadh (1. August). Das Heilige liegt in den Bäumen (besonders in der Eibe, Eiche, Esche, Birke, Stechpalme und im Holunder), in Quellen, Hügeln und Steinkreisen. Die Ogham-Schrift, ein keltisches Alphabet aus 20 Zeichen, das jedem Buchstaben einen Baum zuordnet, wird im Druidentum als Runen-ähnliches Orakel verwendet. Mehr unter Glossar und Orakel.
In der Praxis
Du beginnst druidische Praxis am einfachsten, indem du eine vertraute Beziehung zu einem Ort in der Natur aufbaust. Wähle einen Baum, eine Quelle, einen Hügel in deiner Nähe und besuche ihn regelmässig, zu jeder Jahreszeit, in jeder Wetterlage. Beobachte die Veränderungen, höre die Geräusche, spüre den Boden. Mit der Zeit entwickelt sich aus dieser Beobachtung eine Form der Verbundenheit, die das Druidentum die „Beziehung zum Geist des Ortes" nennt. Diese Praxis ist einfach, kostet nichts und kann von jedem Menschen unabhängig von seiner religiösen Herkunft ausgeübt werden.
Wenn du systematisch lernen willst, bietet der OBOD seinen Fernkurs in Englisch, Deutsch und mehreren anderen Sprachen an. Der Kurs umfasst drei Grade von je einem bis zwei Jahren und wird durch eine geschulte Mentorin oder einen Mentor begleitet. Daneben gibt es das Studium der keltischen Mythologie (Tain Bo Cuailnge, Mabinogion), der Naturkunde, der Sternenkunde und der Heilkräuter. Werkzeuge wie das Runen-Orakel, die Ogham-Stäbe, das Tarot, das I Ging und das Kristallkugel-Orakel werden von vielen Druiden verwendet, je nach persönlicher Neigung. Das Druidentum ist insgesamt offen und individuell, nicht dogmatisch.
Symbolische Tiefe
Das Druidentum ist eines der Beispiele für eine moderne spirituelle Bewegung, die sich nicht auf einen Gründer beruft, sondern auf eine kulturelle und natürliche Tradition. Im Zentrum steht nicht ein heiliger Text oder eine Offenbarung, sondern die unmittelbare Beziehung zur Natur und zu den Wesen, die sie bewohnen. Diese Sicht teilt das Druidentum mit indigenen Religionen weltweit. Sie ist eine animistische Haltung: die Welt ist nicht tote Materie, sondern lebendige Gemeinschaft. Bäume haben Wesen, Steine haben Erinnerung, Wasser hat Stimme. Wer diese Wahrnehmung übt, erlebt die Welt anders, ohne dass er etwas Übernatürliches glauben muss.
Historisch ist zu beachten, dass das moderne Druidentum nicht eine direkte Fortsetzung der antiken keltischen Religion ist, sondern eine kreative Neuschöpfung des 18. bis 21. Jahrhunderts. Was wir über die historischen Druiden wissen, ist begrenzt, und vieles in den modernen Praktiken stammt aus literarischen, romantischen und esoterischen Quellen, nicht aus archäologischer Forschung. Das ist keine Schwäche, sondern eine ehrliche Tatsache. Das moderne Druidentum ist eine Antwort der Moderne auf die Frage, wie eine naturverbundene Spiritualität heute aussehen kann. Es ist offen, undogmatisch, kompatibel mit anderen Religionen und mit der Wissenschaft, und es leistet einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Spiritualität. Mehr unter Neopaganismus und Wicca.
Auch bekannt als
- Druidismus
- keltische Spiritualität
- OBOD
- Druidenorden
- Druidry