Traditionen

Gnostizismus

Der Gnostizismus ist eine frühchristliche und hellenistische Strömung des 1. bis 4. Jahrhunderts n. Chr., die in der gnosis, der unmittelbaren Erkenntnis des Göttlichen, den Weg zur Erlösung sah. Charakteristisch sind eine dualistische Weltsicht (Schöpfer-Demiurg gegen den unbekannten höchsten Gott), eine reiche Mythologie um die Sophia (göttliche Weisheit) und eine elitäre Auffassung des Wissens. Gefunden wurden die Hauptquellen erst 1945 in Nag Hammadi (Ägypten).

Ursprung

Der Gnostizismus entstand im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. im östlichen Mittelmeerraum, vor allem in Alexandria, Antiochia und Edessa. Er ist eine Mischreligion, in der jüdische Apokalyptik, hellenistische Philosophie (besonders Platonismus), ägyptische Mysterienreligionen und das frühe Christentum zusammenfliessen. Die wichtigsten gnostischen Lehrer waren Simon Magus (1. Jh., in der Apostelgeschichte erwähnt), Basilides (Alexandria, ca. 120-140), Valentinus (Rom, ca. 100-160) und Markion von Sinope (ca. 85-160). Sie entwickelten je eigene Systeme mit komplexer Engelhierarchie, mit Schöpfungsmythen und mit Erlösungslehren. Die Kirchenväter wie Irenäus (gegen die Häresien, ca. 180) und Hippolytus (refutatio omnium haeresium, ca. 220) bekämpften sie und sind paradoxerweise unsere wichtigsten Quellen.

Bis 1945 kannten wir den Gnostizismus fast nur aus den polemischen Schriften seiner Gegner. Im Dezember 1945 fanden ägyptische Bauern in der Nähe der Stadt Nag Hammadi am Nil dreizehn Lederbände mit 52 gnostischen Texten in koptischer Sprache, vergraben in einem Tonkrug. Diese Funde, datierbar auf das 4. Jahrhundert, enthielten gnostische Originalschriften wie das Thomasevangelium, das Philippusevangelium, das Evangelium der Wahrheit, das Apokryphon des Johannes und viele weitere. Die Veröffentlichung ab 1956 hat unser Bild des frühen Christentums grundlegend verändert. Heute wissen wir, dass es nicht nur eine, sondern viele frühe christliche Strömungen gab, und dass der Gnostizismus eine ernsthafte, philosophisch anspruchsvolle Variante des frühen Christentums war.

Lehre und Mythos

Im Kern des gnostischen Mythos steht eine dramatische Schöpfungsgeschichte. Der höchste, unbekannte Gott (Pleroma, „die Fülle") emaniert Aionen, höhere Wesen in Paaren, darunter die Sophia, die göttliche Weisheit. Sie versucht, allein zu schöpfen, ohne ihren männlichen Partner, und bringt dabei ein fehlerhaftes Wesen hervor: den Demiurgen, einen blinden Schöpfergott, der die materielle Welt erschafft, ohne von der wahren höchsten Gottheit zu wissen. Dieser Demiurg wird oft mit dem Gott des Alten Testaments identifiziert. Die Welt, die er erschafft, ist daher unvollkommen, ja ein Gefängnis. In den Menschen jedoch ist ein Funke des höchsten Gottes gefangen, ein pneuma, das durch die gnosis zu seinem Ursprung zurückkehren kann.

Die gnosis ist nicht intellektuelles Wissen, sondern eine erfahrene Erkenntnis, eine Art mystischer Erleuchtung, die den Menschen über sich selbst und seinen göttlichen Ursprung aufklärt. Sie wird durch eine Lehre, durch Initiation und durch ein asketisches Leben erlangt. Der gnostische Christus ist nicht so sehr der gekreuzigte Erlöser wie der himmlische Lehrer, der die gnosis bringt. Diese Christologie unterscheidet den Gnostizismus tief vom kirchlichen Christentum. Ähnliche Strukturen finden sich in der jüdischen Kabbala, im persischen Manichäismus, im hermetischen Corpus und in späteren esoterischen Strömungen wie der Theosophie. Mehr unter Glossar.

In der Praxis

Der Gnostizismus als organisierte Religion ist im 5. Jahrhundert verschwunden, abgesehen von Spätformen wie den Manichäern (3.-14. Jh.), den Paulikianern (7.-9. Jh.), den Bogomilen (10.-15. Jh.) und den Katharern (12.-13. Jh.). Heute gibt es kleine neognostische Kirchen wie die Ecclesia Gnostica in den USA oder das Apostolische Johannes-Gnostische Christentum in Frankreich. Praktisch findet sich das gnostische Erbe aber überall in der modernen Spiritualität: in der Theosophie, in der Anthroposophie, in der Jungschen Tiefenpsychologie, in der New-Age-Bewegung und in vielen esoterischen Schulen.

Wenn du dich für gnostische Praxis interessierst, beginne mit dem Lesen der Originaltexte. Das Thomasevangelium ist die zugänglichste Einführung; es enthält 114 Jesusworte in einem kontemplativen Stil, der dem Zen ähnelt. „Das Reich Gottes ist in euch und ausserhalb von euch", lautet eines davon. Daneben ist das Evangelium der Wahrheit ein meditativer Text, der die gnostische Erlösungslehre poetisch zusammenfasst. Hilfreich sind auch die Schriften von Hans Jonas (Die Gnosis und der spätantike Geist, 1934) und die englischen Übersetzungen der Nag-Hammadi-Bibliothek (James M. Robinson, 1977). Werkzeuge wie das Tarot, das I Ging und das Kristallkugel-Orakel sind mit gnostischen Praktiken verträglich, da sie die Erfahrung der Erkenntnis statt der dogmatischen Lehre betonen.

Symbolische Tiefe

Die gnostische Grundvorstellung, dass die sichtbare Welt nicht das Letzte und Höchste ist, sondern dass hinter ihr eine wahre Wirklichkeit verborgen liegt, ist eine der mächtigsten Ideen der religiösen Menschheit. Sie findet sich im Platonismus (Höhlengleichnis), im Buddhismus (Maja, die Schleier der Illusion), im Sufismus (Hülle und Kern), im Hinduismus (Sat-Chit-Ananda) und in moderneren Bewegungen wie der Theosophie. Der Gnostizismus ist die spezifisch westliche, im Schatten des Christentums entwickelte Variante dieser Grundeinsicht.

C. G. Jung sah im Gnostizismus eine Vorform seiner eigenen Tiefenpsychologie. Die Sophia ist für ihn ein Bild der Anima, der weiblichen Seelenkraft im Mann. Der Demiurg ist eine Personifikation des „falschen Selbst", des engen Ich-Bewusstseins, das sich für das Ganze hält. Die gnostische Erlösung durch gnosis entspricht der Jungschen Individuation: dem Weg, durch den der Mensch sein wahres, umfassendes Selbst entdeckt. Diese psychologische Lesart des Gnostizismus hat im 20. Jahrhundert eine grosse Wirkung entfaltet und ist heute eine der lebendigsten Aktualisierungen dieser alten Lehre. Mehr unter Alchemie und Rosenkreuzer.

Auch bekannt als

  • Gnosis
  • gnostische Lehre
  • Erkenntnislehre
  • frühchristliche Esoterik
  • Pleroma-Lehre

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