Traditionen

Rosenkreuzer

Die Rosenkreuzer (lat. Fraternitas Rosae Crucis) sind eine hermetisch-christliche esoterische Bruderschaft, deren öffentliches Auftreten 1614 mit der anonymen Schrift Fama Fraternitatis in Kassel begann. Die Schrift kündigte die Existenz einer geheimen Gesellschaft an, die der mythische Christian Rosenkreutz im 15. Jahrhundert nach einer Reise in den Orient gegründet haben soll. Aus dieser Initialzündung entwickelten sich zahlreiche rosenkreuzerische Orden, von denen heute AMORC und die Lectorium Rosicrucianum die bekanntesten sind.

Ursprung

1614 erschien in Kassel anonym die kleine Schrift Fama Fraternitatis, ein Manifest, das die Existenz einer geheimen Bruderschaft verkündete, die der bislang unbekannte Christian Rosenkreutz (1378-1484) gegründet haben soll. Nach der Legende reiste Rosenkreutz als junger Mann in den Orient, lernte bei den arabischen Weisen, in Damaskus, in Fes und in Ägypten, und kehrte mit höchster Weisheit nach Europa zurück. Er gründete dort die Bruderschaft mit zunächst nur acht Mitgliedern, die nach seinem Tod 1484 in einem geheimen Grab beigesetzt wurde. 1604 sollen die Brüder das Grab entdeckt und seinen unverwesten Leichnam mit einer Inschrift gefunden haben. 1615 folgte das zweite Manifest, die Confessio Fraternitatis, 1616 das dritte Werk, die Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz.

Heute ist sicher, dass diese Manifeste nicht eine wirklich bestehende Bruderschaft beschrieben, sondern eine literarisch-spirituelle Erfindung waren. Der wahrscheinliche Autor ist der schwäbische Theologe Johann Valentin Andreae (1586-1654), der zumindest die Chymische Hochzeit verfasste und die anderen Schriften wahrscheinlich beeinflusst hat. Doch die fiktive Bruderschaft entfaltete eine Wirklichkeit eigener Art: in den folgenden Jahrhunderten entstanden tatsächlich Bruderschaften, die sich auf Rosenkreutz beriefen. Die Gold- und Rosenkreuzer wirkten im 18. Jahrhundert in Deutschland und Österreich, mit Karl August von Hardenberg und König Friedrich Wilhelm II. von Preussen als Mitglieder. Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden mehrere moderne Orden: der englische Societas Rosicruciana in Anglia (1865), der amerikanische AMORC (Ancient Mystical Order Rosae Crucis, 1915 von H. Spencer Lewis) und die niederländische Lectorium Rosicrucianum (1924 von Jan van Rijckenborgh und Catharose de Petri).

Lehre und Symbolik

Die rosenkreuzerische Lehre ist eine synkretistische Synthese, die christliche Mystik, Alchemie, jüdische Gnostik, Hermetik, Theosophie und teilweise auch östliche Weisheit verbindet. Im Zentrum steht das Symbol der Rose am Kreuz, eine Verbindung von vegetativer Schönheit (Rose) und kosmischer Polarität (Kreuz). Das Kreuz steht für die vier Elemente, die vier Himmelsrichtungen, das Leiden und den Materie-Bezug; die Rose, oft siebenblättrig, steht für die spirituelle Schönheit, die Seele, den siebenstufigen Erlösungsweg. Wer die Rose am Kreuz wachsen lässt, erlebt die Verwandlung des Materiellen ins Geistige.

Die rosenkreuzerische Praxis ist meist initiatisch gegliedert. Im AMORC durchläuft der Schüler neun Monatsgrade in mehreren Jahren, mit Studienheften, Übungen, Meditationen und Briefkontakt mit einer Beraterin. Die Themen reichen von der Atmungslehre über die Bewusstseinslehre, die alchemistische Symbolik, die Reinkarnation und Karma bis zur Aktivierung der „Meistergrade" des inneren Wesens. Die Lectorium Rosicrucianum hat eine strengere, gnostisch geprägte Linie, die das Ich als zu überwindenden Trug versteht und auf eine „Trans-Mutation" zielt. Beide Orden arbeiten heute weltweit mit Hunderttausenden Mitgliedern. Mehr unter Glossar und Orakel.

In der Praxis

Wenn du dich für Rosenkreuzertum interessierst, hast du mehrere Wege. Der einfachste ist die Lektüre der Manifeste und der späteren rosenkreuzerischen Klassiker. Die Fama, die Confessio und die Chymische Hochzeit sind in modernen Ausgaben gut zugänglich. Daneben empfehlen sich Werke wie das Geheime Figuren der Rosenkreuzer (Altona, 1785-1788), die eine reiche alchemistisch-symbolische Bildwelt zeigen. Aus dem 20. Jahrhundert sind die Schriften von Manly P. Hall (The Secret Teachings of All Ages, 1928) und von Frances Yates (The Rosicrucian Enlightenment, 1972) hervorragende historisch-philosophische Einführungen.

Wenn du in eine aktive rosenkreuzerische Praxis eintreten willst, kannst du Mitglied bei AMORC oder bei der Lectorium Rosicrucianum werden. Beide haben deutschsprachige Sektionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und bieten regelmässig Einführungsveranstaltungen an. Die monatlichen Studienunterlagen sind gut strukturiert und führen schrittweise in die Tradition ein. Werkzeuge wie das Tarot mit seinen 22 grossen Arkana, das I Ging, die Runen und das Kristallkugel-Orakel werden in der rosenkreuzerischen Praxis je nach Orden unterschiedlich gewichtet. Generell betont das Rosenkreuzertum aber eher die innere Schulung als die äusseren Werkzeuge.

Symbolische Tiefe

Das Rosenkreuzertum ist eines der schönsten Beispiele für die Wirkung eines spirituellen Mythos. Die Bruderschaft, die das Manifest von 1614 beschrieb, existierte historisch nicht – und dennoch hat sie über vier Jahrhunderte hinweg Menschen inspiriert, eine eigene spirituelle Praxis zu entwickeln. Frances Yates nannte dies die „Rosicrucian Enlightenment", die rosenkreuzerische Aufklärung, eine Bewegung, die im 17. Jahrhundert die Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität, von Forschung und Mystik versuchte. Robert Fludd, Michael Maier, Thomas Vaughan und andere arbeiten in diesem Geist. Sie sahen in der Natur einen verborgenen Tempel, dessen Geheimnisse durch Erfahrung und Lehrweg zugänglich werden.

Das Symbol der Rose am Kreuz hat tiefe Resonanzen in der christlichen Mystik. Die Rose ist im mittelalterlichen Christentum ein Symbol Marias und der mystischen Liebe (Rosenkranz). Das Kreuz ist das Zentralsymbol des Christentums. Ihre Verbindung bedeutet, dass die christliche Erlösungsbotschaft nicht im Leiden allein, sondern in der Auferstehung und der Verwandlung kulminiert. In dieser Symbolik berührt sich das Rosenkreuzertum mit der Alchemie (Rubedo, die Rötung als Ziel des Werks) und mit der Anthroposophie Rudolf Steiners, der eine starke rosenkreuzerische Linie in seine Lehre integrierte. Wer das Rosenkreuzertum studiert, betritt einen reichen Garten europäischer Esoterik. Mehr unter Theosophie und Gnostizismus.

Auch bekannt als

  • Rosicrucia
  • Rosenkreuz-Bruderschaft
  • Fraternitas Rosae Crucis
  • AMORC
  • Rosicrucianismus

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