Sufismus
Der Sufismus (arab. taṣawwuf) ist die mystische Innenseite des Islam. Er entstand im 8. Jahrhundert in der frühen islamischen Welt als asketisch-spirituelle Bewegung und entwickelte sich zu einer reichen Tradition mit eigenen Orden, Lehrgebäuden, Dichtungen und Praktiken. Sein Ziel ist die unmittelbare Erfahrung Gottes (fana, Vergehen im Göttlichen) und das daraus folgende neue Sein in Gott (baqa). Seine grössten Lehrer sind Rumi, Ibn Arabi, Al-Ghazali, Rabia al-Adawiya und viele weitere.
Ursprung
Der Sufismus entstand im 8. Jahrhundert in den entstehenden islamischen Reichen als asketische Reaktion auf die wachsende weltliche Macht der Kalifen. Die frühen Sufis trugen grobe Wollkleidung (suf, Wolle), wovon ihr Name vermutlich kommt. Die erste grosse Gestalt war Hasan al-Basri (642-728), Asket und Prediger. Die erste grosse Mystikerin war Rabia al-Adawiya (gest. 801), die die mystische Liebe als Weg zu Gott lehrte, jenseits von Furcht vor Hölle und Hoffnung auf Paradies. Ab dem 9. Jahrhundert systematisierten Lehrer wie Junayd al-Baghdadi (gest. 910) und Mansur al-Hallaj (858-922) die Lehre. Hallaj wurde wegen seiner Aussage „Ich bin die Wahrheit" (Ana al-haqq) hingerichtet, ein Gründungsereignis der sufischen Märtyrertradition.
Im 11. und 12. Jahrhundert wurde der Sufismus in den orthodoxen Islam integriert, vor allem durch Abu Hamid al-Ghazali (1058-1111), dessen Werk Wiederbelebung der Religionswissenschaften (Ihya ulum ad-din) die mystische Praxis mit dem rechtgläubigen Islam versöhnte. Ab dem 12. Jahrhundert entstanden die Tariqas, die Sufi-Orden, mit Klöstern (Tekke, Khanqah), Lehrketten (Silsila) und initiatischen Strukturen. Die bekanntesten Orden sind die Naqshbandiyya, die Qadiriyya, die Chishtiyya (in Indien), die Mevleviyya (die „Drehenden Derwische" Rumis) und die Bektashiyya. Die grossen Dichter Farid ud-Din Attar (gest. 1221), Jalaluddin Rumi (1207-1273) und Hafis (1325-1389) haben die persische Sufi-Dichtung zu einer der höchsten Literaturen der Welt erhoben.
Lehre und Stationen
Der Sufi-Weg führt durch eine Folge von Stationen (maqamat) und Zuständen (ahwal). Klassische Stationen sind: tawba (Umkehr), wara (Skrupulosität), zuhd (Askese), faqr (Armut), sabr (Geduld), tawakkul (Gottvertrauen), rida (Wohlgefallen). Die Stationen werden in der Praxis durch Übung erreicht; die Zustände sind Geschenke Gottes, die der Sufi empfängt. Das Ziel ist fana, das Vergehen des eigenen Ich im Göttlichen, gefolgt von baqa, dem Weiterleben im Göttlichen. Ibn Arabi (1165-1240) entwickelte eine sehr feine philosophische Lehre dieses Wegs, die wahdat al-wujud, die Einheit des Seins, in der Gott und Welt nicht zwei sind, sondern verschiedene Aspekte derselben Wirklichkeit.
Die wichtigste Praxis ist das Dhikr, das Gedenken Gottes. Es kann still oder laut, allein oder in Gemeinschaft, sitzend oder in rhythmischer Bewegung ausgeführt werden. Im Mevlevi-Orden wurde das Dhikr zum berühmten Tanz der drehenden Derwische ausgebaut, der die Bewegung der Planeten um die Sonne und die Hingabe der Seele an Gott zugleich darstellt. Andere Praktiken sind das Sama (heilige Musik), die Muraqaba (kontemplative Meditation), das Lesen des Koran in spezieller mystischer Weise, das Studium der Sufi-Klassiker und der Verkehr mit einem geistlichen Lehrer, dem Scheich. Der Scheich-Schüler-Beziehung wird höchste Bedeutung zugemessen: ohne erprobten Lehrer, sagen die Sufis, ist der Weg nicht zu gehen. Mehr unter Glossar.
In der Praxis
Der Sufismus existiert heute weltweit in seinen klassischen Orden und in westlichen Adaptionen. Im islamischen Kulturraum, vor allem in der Türkei, in Iran, Pakistan, Indien, Marokko, Senegal und Indonesien, ist er eine lebendige Volkstradition mit Millionen Praktizierenden. Im Westen sind die wichtigsten Vermittler waren Hazrat Inayat Khan (1882-1927), der den Sufi Order International gründete, Frithjof Schuon, Martin Lings und im populären Bereich die Werke von Coleman Barks und Idries Shah. Die deutschsprachigen Übersetzungen Rumis durch Annemarie Schimmel sind klassisch.
Wenn du dich für den Sufismus interessierst, beginne mit der Lektüre. Rumis Masnavi, sein „Mathnawi", ist das spirituelle Meisterwerk des Islam und enthält in 25.000 Versen die ganze sufische Lehre in Geschichten und Bildern. Auch sein Diwan-i Shams-i Tabriz, eine Sammlung mystischer Liebesgedichte, ist eine wunderbare Einführung. Daneben empfehlen sich die Werke Annemarie Schimmels, besonders Mystische Dimensionen des Islam (1975). Wenn du in die Praxis gehen willst, brauchst du einen lebenden Lehrer oder eine lebende Lehrerin in einer authentischen Tradition. Werkzeuge wie das Tarot oder das I Ging spielen im Sufismus traditionell keine grosse Rolle, doch die Beschäftigung mit den 99 Namen Gottes (Asma al-Husna) ist eine eigene Form spiritueller Übung.
Symbolische Tiefe
Im Zentrum des Sufismus steht die Liebe. „Sein Wesen ist die Liebe", schreibt Rumi. Der Sufi-Weg ist ein Liebesweg, in dem die Seele zum Geliebten Gott zurückkehrt, wie der Tropfen ins Meer. Diese Liebes-Theologie unterscheidet den Sufismus von manchen anderen Mystiken, die eher kognitiv oder asketisch sind. Bei Rumi findet sich die berühmteste Formulierung dieser Lehre: die Schilfflöte (nay), die aus dem Schilfrohr geschnitten und damit von ihrem Ursprung getrennt wurde, klagt um die Trennung und sucht nach Vereinigung. Diese Schilfflöte ist die menschliche Seele, getrennt vom Göttlichen, sehnsuchtsvoll, klingend.
Der Sufismus hat auch eine erkenntnistheoretische Tiefe. Ibn Arabi lehrt, dass Gott durch die Vielheit der Geschöpfe sich selbst erkennt, und dass jedes Geschöpf ein Aspekt des göttlichen Namens ist. Diese Lehre wurde im Westen erst spät rezipiert und beeinflusst heute den interreligiösen Dialog. Der Sufismus zeigt, dass der Islam nicht nur ein gesetzliches System ist, sondern eine reiche mystische Tradition, die mit dem Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus in tiefer Verwandtschaft steht. Wer den Sufismus liest, entdeckt die universale mystische Sprache der Menschheit in ihrer arabisch-persischen Gestalt. Mehr unter Gnostizismus und Taoismus.
Auch bekannt als
- Tasawwuf
- islamische Mystik
- Derwischtum
- Sufi-Weg
- Tariqa-Tradition