Wicca
Die Wicca ist eine moderne Hexenreligion, die der englische Beamte und Volkskundler Gerald Brousseau Gardner (1884-1964) ab den 1940er Jahren entwickelte und 1954 in seinem Buch Witchcraft Today öffentlich machte. Sie verehrt eine Göttin und einen Gott als duale Aspekte des Göttlichen, feiert das Rad des Jahres mit acht jährlichen Sabbaten und arbeitet mit Magie, Ritual und Naturverehrung. Wicca ist die einflussreichste Strömung des modernen Neopaganismus.
Ursprung
Gerald Gardner war britischer Kolonialbeamter in Asien, der nach seiner Pensionierung 1936 nach England zurückkehrte und sich der Folklore, dem Spiritismus und der Esoterik zuwandte. 1939 wurde er nach eigener Darstellung in einen geheimen Hexenzirkel in New Forest initiiert, der angeblich auf eine ungebrochene vorchristliche Tradition zurückgeht. Nachdem 1951 in England das letzte Hexereigesetz (Witchcraft Act 1735) aufgehoben wurde, durfte Gardner öffentlich über Hexerei schreiben. Er veröffentlichte Witchcraft Today (1954) und The Meaning of Witchcraft (1959). Diese Bücher begründeten die moderne Wicca als organisierte religiöse Bewegung.
Die Wicca verbreitete sich rasch von England in die USA, vor allem durch die Arbeit von Raymond Buckland, der 1962 die erste amerikanische Loge gründete. Doreen Valiente (1922-1999), Gardners erste Hohepriesterin, schrieb viele der bis heute verwendeten Ritualtexte, darunter den berühmten Charge of the Goddess. Alex Sanders (1926-1988) gründete in den 1960er Jahren die Alexandrische Linie, eine etwas synkretistischere Variante. Die feministische Spiritualität von Starhawk (Miriam Simos, geb. 1951) mit ihrem Buch The Spiral Dance (1979) brachte die Wicca in die Frauenbewegung und in die ökospirituelle Welt. Heute ist Wicca eine weltweit verbreitete Religion mit Hunderttausenden Anhängern.
Glauben und Ritus
Die Wicca verehrt das Göttliche in zwei Aspekten: die Göttin (oft als dreifache Göttin, Maiden-Mother-Crone, also Jungfrau-Mutter-Greisin) und den Gehörnten Gott (oft als Jäger, Grüner Mann oder Sonnen-/Korn-König). Das ethische Grundgesetz ist die Wiccan Rede: „An it harm none, do what ye will", also „Solange du niemandem schadest, tu, was du willst." Hinzu kommt das Threefold Law, das Gesetz der Dreifachheit: was du in die Welt schickst, kommt dreifach zu dir zurück. Diese einfache Ethik ersetzt komplexe Dogmen und macht die Wicca offen für individuelle Auslegung.
Das Jahr wird in acht Festen begangen, die zusammen das Rad des Jahres bilden: Samhain (31. Oktober, neues Jahr und Totenfest), Yule (21. Dezember, Wintersonnenwende), Imbolc (1. Februar, Lichtmess), Ostara (21. März, Frühlingsequinox), Beltane (1. Mai, Frühlingsfest), Litha (21. Juni, Sommersonnenwende), Lughnasadh (1. August, Erntebeginn), Mabon (21. September, Herbstequinox). Jedes Fest hat eigene Rituale, Symbole und Speisen. Hinzu kommen die Esbats, die monatlichen Vollmond-Treffen. Rituale werden meist im Kreis vollzogen, mit den vier Elementen an den vier Himmelsrichtungen, einem Altar in der Mitte, mit Athame (Ritualmesser), Kelch, Pentakel und Stab. Mehr unter Glossar und Orakel.
In der Praxis
Wicca wird traditionell in Coven, also Hexenzirkeln von meist 3 bis 13 Mitgliedern, praktiziert. Die Initiation erfolgt in drei Graden, wobei der erste Grad in einen Coven aufnimmt, der zweite die Funktion der Hohepriesterin oder des Hohenpriesters ermöglicht und der dritte zur Gründung eines eigenen Covens berechtigt. Daneben gibt es seit den 1970er Jahren die Solitäre Wicca, die einzelne Hexen ohne Coven praktiziert. Bücher wie Solitary Witch von Silver RavenWolf oder Wicca: A Guide for the Solitary Practitioner von Scott Cunningham (1988) sind Klassiker dieser Linie.
Wenn du dich für Wicca interessierst, beginne mit der Erkundung des Jahresrads. Verbringe ein ganzes Jahr damit, die acht Feste zu beobachten, dich in der Natur in jeder Jahreszeit aufzuhalten, und einfache Rituale für dich allein zu vollziehen: eine Kerze zu Ostara anzünden, einen Apfel zu Samhain den Ahnen anbieten, an Beltane einen Maibaum oder einen Blumenkranz fertigen. Diese praktische Übung führt tiefer als jede Lektüre. Werkzeuge wie das Tarot, die Runen, das Kristallkugel-Orakel und das I Ging werden in der Wicca häufig verwendet, oft als Vorbereitung oder Ergänzung zu Ritualen. Auch die Astrologie und die Kräuterkunde spielen eine grosse Rolle.
Symbolische Tiefe
Die Wicca verkörpert eine moderne Wiederentdeckung der zyklischen Naturreligion. Sie nimmt die alten europäischen Festkalender ernst, ohne sich an eine bestimmte historische Tradition zu binden. Diese Mischung aus Rekonstruktion und kreativer Synthese macht sie für viele Menschen attraktiv, die mit den abrahamitischen Religionen nicht heimisch werden, aber dennoch Sinn und Ritual suchen. Die Verehrung der Göttin antwortet auf das jahrtausendelange Schweigen der westlichen Religionen über das Weibliche im Göttlichen. Sie ist eine Antwort auf die Krise des Patriarchats und der Naturzerstörung.
Historisch ist zu beachten, dass Gardner mehr erfunden als entdeckt hat. Die These einer ungebrochenen vorchristlichen Hexentradition, die Margaret Murray 1921 in The Witch-Cult in Western Europe vertrat, gilt heute als wissenschaftlich widerlegt. Die Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts richteten sich nicht gegen Anhängerinnen einer Naturreligion, sondern gegen oft willkürlich beschuldigte Frauen und Männer. Die Wicca ist also eine neue Religion, die sich auf alte Vorbilder beruft. Das ist keine Schwäche, sondern macht sie zu einem ehrlichen Beispiel kreativer religiöser Erfindung. Sie zeigt, dass Religion in der Moderne nicht nur weiter überliefert, sondern auch frisch entwickelt werden kann. Mehr unter Neopaganismus und Druidentum.
Auch bekannt als
- Hexenkunst
- Witchcraft
- Hexenreligion
- Naturreligion
- Old Religion