Esoterik

Hermes Trismegistos

Hermes Trismegistos (griechisch Ἑρμῆς ὁ Τρισμέγιστος, „der dreimal größte Hermes") ist die legendäre Gestalt, der in der Spätantike die Urheberschaft der gesamten hermetischen Schriften zugeschrieben wird. Er ist eine synkretistische Figur: Verschmelzung des griechischen Götterboten Hermes mit dem ägyptischen Weisheitsgott Thoth. Als Stifter der Hieroglyphen, der Astrologie, der Alchemie und der Schrift gilt er der westlichen Esoterik als Urweiser. Ob historische Person, mythische Verkörperung oder Pseudonym vieler Verfasser — der Name Hermes Trismegistos bündelt jahrhundertelang die Quelle aller geheimen Wissenschaften. Er ist der Verfasser der Tabula Smaragdina und des Corpus Hermeticum. Seine Spur reicht von den ägyptischen Tempeln bis zur Renaissance-Magie und modernen Esoterik.

Ursprung

Die Gestalt entsteht im ptolemäischen Ägypten der hellenistischen Zeit (ab dem 3. Jh. v. Chr.) als Synkretismus zweier Götter: der ägyptische Thoth — Gott der Schrift, der Weisheit, des Mondes und der Maat (kosmische Ordnung) — wird mit dem griechischen Hermes — Götterbote, Seelenführer, Gott der Übersetzung und Vermittlung — gleichgesetzt. Der Beiname Trismegistos („dreimal groß") taucht erstmals belegt in einer Inschrift in Esna aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. auf. Verschiedene Erklärungen werden vorgeschlagen: dreifache Größe als König, Priester und Philosoph; oder als Trägertitel der Weisheit über drei Welten (Götterwelt, Menschenwelt, Unterwelt).

Die hermetische Literatur, die unter seinem Namen kursiert, entsteht zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. — vor allem in Alexandria. Spätantike Autoren wie Tertullian, Lactantius (3.–4. Jh.) und Augustinus zitieren Hermes Trismegistos als ehrwürdigen Weisen, der vor Moses oder zeitgleich mit ihm gelebt habe. Diese Datierung galt jahrhundertelang — sie verlieh den hermetischen Schriften eine fast biblische Autorität. Marsilio Ficino übersetzte die Schriften 1471 ins Lateinische und stellte Hermes an den Anfang der prisca theologia, der „uralten Theologie", die über Zoroaster, Orpheus, Pythagoras und Platon bis zum Christentum reiche. Erst Isaac Casaubon wies 1614 nach, dass die Schriften nachchristlich datieren. Das beendete die historische Naivität, nicht aber die spirituelle Bedeutung der Figur.

Schriften und Lehre

Das Hauptwerk ist das Corpus Hermeticum — eine Sammlung von 17 (manchmal 18) griechischen Traktaten. Der bekannteste ist der Eröffnungsdialog Poimandres („Menschenhirte"), in dem Hermes eine kosmische Vision empfängt: die Entstehung der Welt aus dem Geist Gottes, der Fall der Seele in die Materie und ihr Aufstieg zurück durch die sieben Planetensphären. Daneben stehen Lehrdialoge zwischen Hermes und seinem Sohn Tat (=Thoth), zwischen Hermes und Asklepios, zwischen Isis und Horus. Weitere wichtige Texte: Asclepius (lateinisch erhalten; behandelt Theurgie und die Belebung von Götterbildern), die Stobaeischen Hermetica (Fragmente bei Stobaios), die Kore Kosmou („Tochter des Kosmos").

Die zentrale Lehre kreist um Selbsterkenntnis als Gotteserkenntnis: Der Mensch ist ein Spiegelbild des Kosmos und Gottes — wer sich selbst erkennt, erkennt das Göttliche. Die Schöpfung ist ein vielstufiger Abstieg vom Einen über die intellektuelle Welt, die Seelenwelt und die Sphären der Planeten bis zur stofflichen Erde. Erlösung ist der umgekehrte Aufstieg, in dem die Seele die planetaren Einflüsse (Affekte, Begierden, Stolz, Lüge) abstreift und sich mit dem Nous (göttlicher Geist) vereint. Daneben enthält die hermetische Literatur die berühmte Smaragdtafel mit dem Spruch „Wie oben, so unten" — und eine Fülle praktischer Anweisungen zu Astrologie, Alchemie und Theurgie.

In der Praxis

Die hermetische Praxis nach Hermes Trismegistos zielt auf die Vergöttlichung (theosis, henosis) — die bewusste Rückkehr der Seele zu ihrer göttlichen Quelle. Klassische Methoden sind: Anachoresis (Rückzug, Stille), Gebet und Hymnus (das Corpus Hermeticum enthält Anbetungsgesänge), Studium der Schriften, Meditation auf die kosmische Ordnung. In der Theurgie kommt die rituelle Anrufung der planetaren und elementaren Kräfte hinzu — durch Räucherwerk, Symbole, Mantren, Zeitpunkte (Astrologie). Im Mittelalter und der Renaissance arbeiteten Hermetiker wie Marsilio Ficino und Cornelius Agrippa mit „talismanischer Magie": die Anfertigung von Planetensiegeln zu bestimmten Zeitpunkten, die kosmische Kräfte anziehen sollten.

In der modernen Praxis wird der Hermes-Archetyp angerufen, wenn es um Übersetzung, Vermittlung, Reise, Diebstahl (im weiten Sinne: das Aneignen von Wissen, das jenseits der Schwelle liegt) und das Überschreiten von Grenzen geht. Hermes ist der Gott des Tertium, des Dritten zwischen den Welten — Schutzgott der Sterbenden, der Reisenden, der Kaufleute und Diebe, aber auch der Schreibenden und Heilenden. Tarotkarten wie der Magier (I) und der Eremit (IX) tragen hermessche Züge. Praktisch heißt dem Hermes folgen: aufmerksam für Synchronizitäten sein, Botschaften lesen können, beweglich zwischen Ebenen wandeln. Mehr unter Glossar.

Symbolische Tiefe

Hermes Trismegistos ist ein archetypisches Bild des Mediators — jener Figur, die zwischen den Welten vermittelt. In allen Kulturen erscheint er: als Thoth in Ägypten, Hermes in Griechenland, Merkur in Rom, Enoch/Henoch in der jüdischen Tradition, Idris im Islam, Mercurius in der Alchemie. Er ist der Schreibende, der Übersetzende, der Botengang Machende — und damit zugleich der Trickster, der Diebstahl, List und Magie beherrscht. C. G. Jung las Hermes als Archetyp des Selbst in seinem dynamischen, vermittelnden Aspekt — den „Mercurius duplex" der Alchemie, der gleichzeitig oben und unten, gut und böse, Anfang und Ende ist.

Im Tarot ist der Magier (I, hebr. Beth) das direkte Bildnis Hermes': mit erhobenem Zauberstab steht er zwischen Himmel und Erde, die Lemniskate über dem Haupt, die vier Elemente vor sich. Auch Die Welt (XXI) — Tanz im Mandorla-Kranz, Doppelnatur — zeigt hermetische Züge. Auf dem Lebensbaum entspricht Hermes der Sephira Hod (Glanz, Merkur-Sphäre), in der die Sprache, der Intellekt und die Magie wohnen. Astrologisch ist Merkur sein Planet — Bote, Übersetzer, Verbindender. Hermes Trismegistos verkörpert die Idee, dass Wissen nicht nur Information ist, sondern eine Macht, die Welten verbindet — und dass der wahre Weise zugleich Lehrer und ewiger Schüler bleibt. Siehe auch Smaragdtafel.

Auch bekannt als

  • Thoth-Hermes
  • der Dreimalgroße
  • Mercurius
  • Trismegistos
  • Urweiser

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