Smaragdtafel
Die Smaragdtafel (lat. Tabula Smaragdina, arab. al-Lawh al-Zumurrudi) ist der berühmteste Kurztext der hermetischen und alchemistischen Tradition — eine knappe Lehrschrift von rund einem Dutzend Sätzen, die Hermes Trismegistos zugeschrieben wird. Sie soll auf einer smaragdenen Tafel eingraviert gewesen sein, die der Sage nach in einer Höhle, in einem Grab oder unter einer Statue gefunden wurde. Ihr berühmtester Satz „Quod est superius est sicut quod est inferius" — „Was oben ist, ist wie das, was unten ist" — ist das Grundaxiom der gesamten westlichen Esoterik. Die Tafel formuliert auf engstem Raum das Programm der Alchemie, ihre Stufen und ihr Ziel. Sie wurde von Newton übersetzt und kommentiert. Sie ist ein Grundtext der Hermetik.
Ursprung
Die ältesten bekannten Versionen der Smaragdtafel sind arabisch und stammen aus dem 8. bis 9. Jahrhundert. Sie taucht erstmals im Kitab Sirr al-Khaliqa („Buch der geheimen Schöpfung"), zugeschrieben dem Sage-Autor Balinus (Apollonios von Tyana, eigentlich aber ein arabischer Kompilator des 8.–9. Jh.), und etwa zeitgleich bei Dschabir ibn Hayyan auf. Die Tafel selbst soll von Balinus in einer Höhle unter einer Statue des Hermes gefunden worden sein, festgehalten in der Hand des Toten Trismegistos. Diese Rahmenerzählung ist mythisch, der Text aber sehr alt — wahrscheinlich geht er auf hellenistische hermetische Quellen des 3. bis 5. Jahrhunderts zurück, die im Arabischen weiterlebten.
Im 12. Jahrhundert wurde die Smaragdtafel ins Lateinische übersetzt — durch Hugo von Santalla und andere — und gelangte so ins christliche Mittelalter. Albertus Magnus, Thomas von Aquin (in seinen pseudonymen alchemistischen Schriften), Roger Bacon und Arnaldus de Villa Nova kommentierten sie. In der Renaissance wurde sie zum Schlüsseltext der Alchemie: Heinrich Khunraths Amphitheatrum sapientiae aeternae (1595), Michael Maiers Atalanta fugiens (1617), Robert Fludds Werke und vor allem die Schriften Paracelsus' (1493–1541) berufen sich auf sie. Isaac Newton übersetzte um 1680 die Tafel und kommentierte sie in seinen alchemistischen Manuskripten. Im 19. und 20. Jahrhundert popularisierten Eliphas Lévi, die Theosophische Gesellschaft und Carl Gustav Jung den Text — Letzterer las ihn als Programm der psychologischen Individuation.
Der Text
Die klassische lateinische Fassung umfasst 13 nummerierte Sätze, die hier paraphrasiert sind: 1. „Wahr ist es ohne Lüge, gewiss und höchst wahr." — Eröffnungseid. 2. „Was unten ist, ist wie das, was oben ist; und was oben ist, ist wie das, was unten ist — um die Wunder des Einen zu vollbringen." Das Entsprechungsgesetz. 3. „So wie alle Dinge aus dem Einen sind, durch das Eine, so entstehen alle Dinge durch Anpassung aus dem Einen." Die Lehre vom Ursprung. 4. „Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter ist der Mond." 5. „Der Wind hat es in seinem Bauch getragen, seine Amme ist die Erde."
6. „Es ist der Vater aller Vollkommenheit dieser Welt." — der Stein der Weisen, die universale Substanz. 7–9. „Trenne die Erde vom Feuer, das Subtile vom Groben, mit Geschicklichkeit und großer Beharrlichkeit. Es steigt von der Erde zum Himmel auf und steigt wieder herab zur Erde — und nimmt die Kraft des Oberen und Unteren in sich auf." Das alchemistische Hauptverfahren der Sublimation und Solutio. 10–13. Es überwindet alle subtile Sache, durchdringt alle feste; so wurde die Welt geschaffen; daher heiße ich Hermes Trismegistos, der drei Teile der Philosophie der ganzen Welt besitzt. Dies ist die Operation der Sonne, die ich vollbracht habe.
In der Praxis
Die Smaragdtafel ist nicht nur ein historisches Dokument, sondern eine praktische Meditationsanleitung. Klassischerweise wurde sie wieder und wieder gelesen, auswendig gelernt, in alchemistischen Werken auf goldenem Grund gemalt, in Symbolen und Wappen weitergegeben. Jedes Satzpaar enthält eine Übungsanweisung. Eine moderne meditative Praxis: täglich einen Vers vornehmen und in der Stille seine Bedeutung erspüren — wie zeigt sich heute das Entsprechungsprinzip in meinem Leben? Wo trenne ich „Erde vom Feuer", das Wesentliche vom Beiwerk?
Alchemistisch verstanden ist die Tafel ein Operationsprotokoll der inneren Wandlung: Verbindung der Polaritäten (Sonne/Mond, oben/unten, männlich/weiblich), Trennung des Edlen vom Unedlen, Auf- und Abstieg zwischen den Bewusstseinsebenen, schließlich Vereinigung in der „Operation der Sonne" — der Schöpfung des Steins der Weisen, der psychologisch die Vereinigung der Persönlichkeit mit dem Selbst bedeutet. C. G. Jung las die Tafel als Beschreibung der Individuation: das Subtile vom Groben trennen heißt das echte Selbst von neurotischen Schichten befreien; das Auf- und Absteigen ist der Pendelweg zwischen Bewusstsein und Unbewusstem; der Stein der Weisen ist das individuierte Selbst. Wer die Tafel lebt, wird zum eigenen Alchemisten. Mehr unter Glossar.
Symbolische Tiefe
Der zentrale Satz „Wie oben, so unten" ist mehr als eine kosmologische Aussage — er ist die Grundformel eines bestimmten Denkens, das die westliche Esoterik durchzieht: das Denken in Entsprechungen (Analogie statt Kausalität). Wer entsprechend denkt, sieht in jedem Detail das Ganze gespiegelt: die Hand ist ein kleiner Kosmos, der Mensch ein kleines Universum, das Universum ein großer Mensch (Anthropos). Diese Denkweise hat zwei Gesichter: poetisch-magisch eröffnet sie eine Welt voller Bedeutungen; missbraucht wird sie zur willkürlichen Symbolspielerei. Die Smaragdtafel ist die Verteidigung der Bedeutung gegen die Zerstückelung der modernen Welt.
Im Tarot entspricht der Smaragdtafel besonders der Magier (I) — mit der rechten Hand zum Himmel, der linken zur Erde („Wie oben, so unten") — und die Welt (XXI) als vollendete Vereinigung der Polaritäten. Die 22 großen Arkana insgesamt sind eine Aufstiegsleiter im Sinne der Tafel: Trennung, Reinigung, Wiedervereinigung. Auf dem Lebensbaum der Kabbala wird das Entsprechungsprinzip durch die vier Welten ausgedrückt: Atziluth (Emanation), Beriah (Schöpfung), Yetzirah (Bildung), Assiah (Tat) — jede Welt ein Spiegel der anderen. Die Smaragdtafel sagt in dreizehn Sätzen, was Hunderte von Bänden an Kommentaren nicht ausschöpfen: das Universum ist eines, das Eine ist alles, und der Weg führt durch dich hindurch. Siehe auch Alchemie.
Auch bekannt als
- Tabula Smaragdina
- Smaragdene Tafel
- Hermes-Tafel
- Alchemie-Grundtext
- Wie-oben-so-unten-Lehre