Große Arkana
Die Große Arkana sind die 22 Trumpfkarten des Tarot, nummeriert von 0 (Der Narr) bis XXI (Die Welt). Sie bilden das Herz des Decks und beschreiben die archetypischen Stationen einer inneren Entwicklung — von der ersten Unschuld bis zur Vollendung. Anders als die Kleine Arkana, die das Alltägliche zeigt, verweist die Große Arkana auf große Schwellen, schicksalhafte Begegnungen und tiefe psychische Bewegungen. Jede Karte ist zugleich Bild, Schlüssel und Lehre.
Ursprung der 22 Trümpfe
Die ältesten erhaltenen Trumpfkarten stammen aus dem Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450 in Mailand. Damals nannte man sie trionfi — Triumphe — nach den allegorischen Festwagen der Renaissance, die Tugenden, Laster und Zeitalter darstellten. Dieser Festumzug der Bilder war Vorbild der Trumpfkarten. Im 15. Jahrhundert war ihre Funktion zunächst spielerisch: Sie waren die höchsten Karten in einem Stichspiel, dem Tarocchi-Spiel, das in Norditalien an Höfen verbreitet war. Die geistliche und mantische Deutung kam erst Jahrhunderte später hinzu.
Die divinatorische Lesart begann im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Antoine Court de Gébelin behauptete 1781, das Tarot stamme aus dem alten Ägypten und enthalte das verlorene Buch Thot. Diese These ist historisch unhaltbar, prägte aber das esoterische Tarot. Eliphas Lévi verband die 22 Trümpfe Mitte des 19. Jahrhunderts mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und dem kabbalistischen Lebensbaum. Der Hermetic Order of the Golden Dawn systematisierte diese Verbindungen ab 1888, und auf dieser Grundlage entstand 1909 das Rider-Waite-Deck.
Struktur und Heldenreise
Die 22 Karten lassen sich auf verschiedene Weisen ordnen. Eine populäre Lesart sieht in ihnen die Reise des Narren: Der Narr (0) ist der noch nicht geprägte Mensch, der durch die Welt zieht und auf 21 Stationen trifft, die ihn formen. Diese Idee popularisierte Eden Gray in den 1960er Jahren und sie wurde zur dominanten Erzählung des modernen Tarot. Die Stationen lassen sich in drei Siebener-Reihen gliedern: die äußere Welt (I-VII), die mittlere Bewährung (VIII-XIV) und die spirituelle Verwandlung (XV-XXI).
Eine andere Lesart sieht zwei Hälften — von der Stärke I bis Mässigkeit XIV den Weg der Bewusstwerdung, von Teufel XV bis Welt XXI die geistige Vollendung. Carl Gustav Jung las einzelne Karten als Archetypen: der Narr als puer aeternus, die Hohepriesterin als Anima, der Tod als Wandlungsprinzip. In jeder Lesart gilt: Die Große Arkana zeigt nicht alltägliche Ereignisse, sondern Wendepunkte. Wenn sie in einer Legung dominieren, geht es um Schicksal, nicht um Tagesgeschäft.
In der Praxis
In einer Lesung markieren Karten der Großen Arkana Themen von größerem Gewicht. Eine einzelne Trumpfkarte unter Karten der Kleinen Arkana wirkt wie ein Akzent: Hier liegt der Kern der Frage. Erscheinen mehrere Trümpfe in einer Legung, verlässt das Thema die Alltagsebene — es geht um Lebenswege, langfristige Bindungen, geistige Entwicklungen. Manche Leserinnen ziehen für Ja-Nein-Fragen ausschließlich die Große Arkana, weil sie als deutlicher gilt; andere bevorzugen das volle Deck für Nuancen.
Für Einsteigerinnen empfiehlt es sich, zunächst die 22 Karten einzeln zu studieren — eine pro Tag als Tageskarte. Das Rider-Waite-Tarot bietet besonders für die Trümpfe eine reiche Bildsprache, das Marseille-Tarot einen strengeren, älteren Stil. Auch in einer Drei-Karten-Legung oder im Keltischen Kreuz erkennst du am Anteil der Trümpfe sofort, ob die Frage eine Schicksalsfrage ist oder eine Alltagsangelegenheit.
Symbolische Tiefe
Die Zahl 22 ist nicht zufällig. Sie entspricht den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, die im Sefer Jezirah als Schöpfungswerkzeuge Gottes beschrieben werden. Die Goldene Dämmerung ordnete jedem Trumpf einen Buchstaben und einen der 22 Pfade des kabbalistischen Lebensbaums zu — ein System, das Aleister Crowley im Buch Thoth 1944 weiter ausarbeitete. So wird jede Karte zum Tor zwischen zwei Sefirot, zu einem Übergang im inneren Kosmos.
Astrologisch sind die Trümpfe mit Planeten, Tierkreiszeichen und Elementen verknüpft: Der Magier mit Merkur, Die Hohepriesterin mit dem Mond, der Stern mit Wassermann, Die Welt mit Saturn. Diese Zuordnungen sind Werkzeuge, keine Dogmen — sie öffnen Bedeutungsräume. In ihrer Gesamtheit bildet die Große Arkana ein liber mundi, ein Buch der Welt: einen Bilderkanon, der so dicht ist, dass er sich nie ausschöpfen lässt. Wer sie studiert, studiert zugleich Mythos, Psychologie und Symbolgeschichte. Siehe auch Glossar und Tarot-Übersicht.
Auch bekannt als
- Major Arcana
- Trumpfkarten
- Arcana Maggiori
- Atouts
- Die 22 Trümpfe