Rider-Waite-Deck
Das Rider-Waite-Deck (auch Rider-Waite-Smith oder kurz RWS) ist das einflussreichste Tarot-Deck des 20. Jahrhunderts. Es wurde 1909 von A.E. Waite konzipiert, von der Künstlerin Pamela Colman Smith illustriert und von der Rider Company in London veröffentlicht. Mit ihm wurde die Kleine Arkana zum ersten Mal vollständig narrativ illustriert — ein Schritt, der das moderne Tarot prägte. Fast alle westlichen Tarot-Decks der letzten hundert Jahre stehen in seiner Tradition.
Ursprung des Decks
Arthur Edward Waite (1857-1942) war ein britischer Okkultist und Mitglied des Hermetic Order of the Golden Dawn, einer einflussreichen esoterischen Vereinigung des viktorianischen England. Er hatte sich gründlich mit der Tarot-Symbolik beschäftigt — kabbalistisch, astrologisch, alchemistisch. 1909 beauftragte er die Künstlerin Pamela Colman Smith (1878-1951), ebenfalls ein Mitglied der Goldenen Dämmerung, die Bilder zu schaffen. Smith, eine Theaterdesignerin und Illustratorin afro-jamaikanischer und englischer Herkunft, fertigte alle 78 Karten in wenigen Monaten an.
Das Deck erschien Ende 1909 bei der Rider Company in London und kostete sechs Schilling. Smith erhielt ein einmaliges Honorar und keine Tantiemen — eine Ungerechtigkeit, die erst seit den 2000er Jahren in der Tarot-Welt aufgearbeitet wird. Der Doppelname Rider-Waite-Smith oder Pamela Colman Smith Tarot hat sich teilweise durchgesetzt, um ihre künstlerische Leistung anzuerkennen. 1910 ergänzte Waite das Deck mit dem Begleitbuch The Pictorial Key to the Tarot, in dem er die Bedeutungen erklärt und das Keltische Kreuz beschreibt.
Bildliche Innovation
Die größte Neuerung des Rider-Waite-Decks war die Illustration der Kleinen Arkana. Im Marseille-Tarot und seinen Vorgängern waren die Pip-Karten — Ass bis Zehn jeder Farbe — nicht-illustrierte Zahlenkarten gewesen: Auf der Drei der Kelche standen einfach drei Kelche. Smith schuf zum ersten Mal narrative Szenen für jede der 40 Pip-Karten. Die Drei der Kelche zeigt drei tanzende Frauen, die Fünf der Schwerter einen Sieger und zwei Verlierer. Damit wurde das Tarot lesbar wie ein Bilderbuch — auch für Anfängerinnen.
Waite tauschte zwei Trumpfkarten: Stärke bekam die Position VIII (vorher war dort die Gerechtigkeit), Gerechtigkeit die Position XI. Diese Verschiebung folgte den astrologischen Zuordnungen der Goldenen Dämmerung. Im Marseille-Tarot ist die Reihenfolge umgekehrt — beide Versionen sind in Gebrauch. Die Symbolik der Trümpfe folgte ebenfalls der Goldenen Dämmerung: Hebräische Buchstaben, kabbalistische Zuordnungen, christliche Anklänge. Das Deck ist eine bewusste Synthese westlicher Esoterik.
In der Praxis
Das Rider-Waite-Deck ist seit hundert Jahren das Standard-Lernwerkzeug für Tarot-Anfängerinnen. Es ist visuell zugänglich, narrativ klar und symbolreich genug, um über Jahre zu wachsen. Wenn du Tarot lernen willst und unsicher bist, welches Deck du wählen sollst — beginne mit dem Rider-Waite. Praktisch alle Tarot-Bücher beziehen sich auf seine Bilder, Apps wie Rider-Waite-Tarot antwortet arbeiten mit ihm.
Es gibt zahlreiche Varianten und Neuauflagen: Das Universal Waite mit dezenteren Farben, das Radiant Rider-Waite mit kräftigerer Farbgebung, das Smith-Waite Centennial Edition in den ursprünglichen Farben von 1909. Alle teilen die Bilder Pamela Colman Smiths. Daneben sind das Marseille-Tarot und das Thoth-Tarot die wichtigsten Alternativen. Wer das Rider-Waite-Deck beherrscht, kann auch andere Decks verstehen — es ist die lingua franca des modernen Tarot.
Symbolische Tiefe
Das Rider-Waite-Deck ist ein Werk seiner Zeit. Es trägt die viktorianische Esoterik in sich — den Wunsch, östliche Weisheit (Kabbala, Hermetik, Astrologie) in eine westliche Bildsprache zu fassen. Die Trumpfkarten greifen christliche Ikonographie auf (Engel, Heilige, Tierkreis), die Hofkarten erinnern an die mittelalterliche Buchmalerei. Smiths Stil ist jugendstilig — flächig, klar konturiert, ornamental. Diese stilistische Festlegung ist Stärke und Begrenzung zugleich: Manche fühlen sich in den Bildern sofort zu Hause, andere finden sie altmodisch.
Der größere kulturelle Beitrag des Decks liegt in der Demokratisierung des Tarot. Vor 1909 war die Pip-Karte ohne Bild nur für Eingeweihte zu deuten — wer die Bedeutungen nicht auswendig wusste, war ratlos. Mit Smiths Illustrationen wurde das Tarot für alle lesbar. So wurde aus einer esoterischen Disziplin eine Praxis der Selbsterkenntnis, die heute Millionen Menschen weltweit ausüben. In diesem Sinn ist Pamela Colman Smith vielleicht die wichtigste Figur des modernen Tarot — wichtiger als der Theoretiker Waite, dessen Namen das Deck trägt. Siehe auch Glossar und Tarot-Übersicht.
Auch bekannt als
- Rider-Waite-Smith
- RWS
- Pamela Smith Tarot
- Waite-Smith-Deck
- Rider-Tarot