Thoth-Tarot
Das Thoth-Tarot ist ein Tarot-Deck, das zwischen 1938 und 1943 von Aleister Crowley konzipiert und von Lady Frieda Harris gemalt wurde. Es ist das ambitionierteste esoterische Tarot des 20. Jahrhunderts — ein hermetisches Gesamtkunstwerk, das Kabbala, Astrologie, ägyptische Mythologie und Alchemie in einer einzigen Bildsprache verschmilzt. Sein Begleitbuch The Book of Thoth erschien 1944. Das Deck selbst wurde erst 1969 — Jahre nach Crowleys Tod — gedruckt.
Ursprung des Decks
Aleister Crowley (1875-1947) war eine der schillerndsten Figuren der westlichen Esoterik des 20. Jahrhunderts — Mitglied der Goldenen Dämmerung, Gründer des Ordo Templi Orientis, Autor der Thelema-Lehre. Mitte der 1930er Jahre traf er die englische Aristokratin und Künstlerin Lady Frieda Harris (1877-1962). Sie wurde seine Schülerin und Mitarbeiterin am Tarot-Projekt. Ursprünglich war eine kurze Überarbeitung des bestehenden Tarot geplant — innerhalb weniger Monate. Daraus wurde ein fünfjähriges Werk, das beider Lebenswerk wurde.
Lady Harris malte jede Karte mehrfach, oft in fünf oder sechs Versionen, bevor Crowley zustimmte. Sie übernahm Stilelemente des projective geometry ihrer Lehrer Rudolf Steiner und George Adams Kaufmann sowie Anregungen des italienischen Futurismus. Crowley schrieb das Begleitbuch The Book of Thoth, das 1944 in nur 200 Exemplaren erschien. Crowley starb 1947 und Harris 1962, ohne dass das Deck zu ihren Lebzeiten publiziert wurde. Erst 1969 druckte ein Verlag in Frankreich die Karten — und sie wurden zur Sensation.
Eigenheiten des Decks
Das Thoth-Tarot weicht in vielen Details vom Rider-Waite-Deck ab. Die Trumpfkarten tragen teils neue Namen: aus Kraft wird Lust, aus Mässigkeit wird Kunst, aus Gericht wird Äon, aus Welt wird Universum. Crowley vertauscht die Buchstabenzuordnungen: Während die Goldene Dämmerung den Narren mit Aleph verband, blieb Crowley dabei, brach aber an anderen Stellen mit der Tradition. Die Hofkarten heißen Prinzessin, Prinz, Königin, Ritter — und der Ritter ist die ranghöchste, nicht der König.
Die Kleine Arkana trägt im Thoth-Tarot zusätzliche Schlüsselworte: Two of Wands — Dominion, Three of Cups — Abundance, Five of Swords — Defeat. Diese Schlagworte komprimieren Crowleys Deutungen und prägen die Lesung. Astrologisch ist jede Pip-Karte einem Dekan zugeordnet — der ersten, mittleren oder letzten Drittel eines Tierkreiszeichens. Diese Systematik ist von der Goldenen Dämmerung übernommen, aber im Thoth radikal konsequent durchgehalten. Wer Thoth liest, liest immer auch Astrologie.
In der Praxis
Das Thoth-Tarot ist nicht für Anfängerinnen geeignet. Wer noch keinen Zugang zu kabbalistischen, astrologischen und hermetischen Konzepten hat, wird seine dichten Bilder als verwirrend empfinden. Wer aber das Rider-Waite-Deck oder das Marseille-Tarot beherrscht und tiefer einsteigen will, findet im Thoth eine Schatztruhe. Lady Harris' Bilder sind atmosphärisch wie wenige Kartenbilder — sie tragen Emotion, ohne narrativ zu werden.
Das Thoth-Tarot eignet sich für tiefe spirituelle, philosophische und magische Fragen. Für Alltagsfragen ist es überdimensioniert. Crowleys Buch Thoth ist Pflichtlektüre, aber schwer zugänglich; Lon Milo DuQuettes Understanding Aleister Crowley's Thoth Tarot (2003) bietet einen klareren Einstieg. Für eine Drei-Karten-Legung oder ein Keltisches Kreuz kann auch das Thoth-Tarot verwendet werden, wirkt aber anders als das Rider-Waite.
Symbolische Tiefe
Das Thoth-Tarot ist Crowleys Versuch, das Tarot mit seiner Thelema-Lehre zu verbinden — der Lehre vom Wahren Willen jedes Menschen. Die zentrale Maxime Do what thou wilt shall be the whole of the Law verleiht dem Deck eine eigenständige spirituelle Färbung, die manche befreiend, andere beunruhigend finden. Die Karte Lust (statt Kraft) zeigt nicht eine sanfte Frau, die einen Löwen zähmt, sondern eine Reiterin auf einem siebenköpfigen Tier — die Vereinigung mit der eigenen tierischen Natur, nicht ihre Unterdrückung.
Die ägyptische Symbolik ist allgegenwärtig — der Name Thoth verweist auf den Gott der Schrift, der Magie und der Weisheit. Crowley bezog sich auf die im 18. Jahrhundert von Antoine Court de Gébelin geäußerte (historisch falsche) These, das Tarot stamme aus Ägypten. Lady Harris' Bilder verbinden ägyptische Götter mit kabbalistischen Sephiroth. Das Deck ist dadurch ein Mysterienspiel — kein Werkzeug der Wahrsagung im engen Sinn, sondern ein Tor zur magischen Praxis. Wer es ernsthaft studiert, studiert die hermetische Tradition selbst. Siehe auch Glossar und Tarot-Übersicht.
Auch bekannt als
- Crowley-Tarot
- Book of Thoth
- Thoth-Deck
- Harris-Crowley-Tarot
- Hermetisches Tarot