Marseille-Tarot
Das Marseille-Tarot (französisch Tarot de Marseille) ist die klassische, im 17. und 18. Jahrhundert in Südfrankreich verbreitete Tarot-Form. Sein Stil ist nüchtern, holzschnittartig, in flachen Primärfarben — Rot, Blau, Gelb auf cremefarbenem Grund. Die Kleine Arkana ist nicht-illustriert: Auf der Drei der Kelche stehen einfach drei Kelche in einem ornamentalen Muster. Trotz dieser Strenge — oder gerade wegen ihr — gilt es bis heute als das geistig dichteste Tarot.
Ursprung des Decks
Die Wurzeln des Marseille-Tarots reichen ins norditalienische Tarocchi des 15. Jahrhunderts zurück — etwa zum Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450. Im 17. Jahrhundert wanderten die Karten nach Frankreich und wurden dort in Holzschnitt-Werkstätten in Lyon und Marseille gedruckt. Der Begriff Tarot de Marseille wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt, als der okkulte Schriftsteller Romain Merlin ihn 1869 verwendete. Vorher hießen diese Decks einfach jeu de tarots oder nach ihren Druckern.
Die berühmteste Version stammt von Nicolas Conver, der 1760 in Marseille einen kompletten Satz druckte, der bis heute als Standard gilt. Andere historische Versionen wurden von Jean Dodal (1701), Jean Noblet (ca. 1650) und Pierre Madenié (1709) gefertigt. Im 20. Jahrhundert wurde das Marseille-Tarot durch Tarot-Lehrer wie Paul Marteau mit seinem 1930 veröffentlichten Ancien Tarot de Marseille wieder breiter zugänglich. Alejandro Jodorowsky rekonstruierte es ab den 1990er Jahren mit dem Tarot-Forscher Philippe Camoin in einer farblich restaurierten Version.
Stilistische Eigenheiten
Das Marseille-Tarot trägt mehrere Eigenheiten, die es vom späteren Rider-Waite-Deck unterscheiden. Die Große Arkana ist anders nummeriert: Stärke ist hier Karte XI, Gerechtigkeit Karte VIII (im Rider-Waite umgekehrt). Die Pip-Karten der Kleinen Arkana sind nicht illustriert, sondern zeigen ornamentale Wiederholungen der Symbole. Die Bildsprache ist mittelalterlich-derb, fast kindlich, und verzichtet auf Pamela Colman Smiths psychologische Ausdeutung.
Diese Strenge ist Programm. Wer mit dem Marseille-Tarot liest, kann sich nicht auf die narrative Szene verlassen — er muss die Numerologie, die Farbenlehre und die Geometrie der Karte beherrschen. Diese Anforderung macht das Marseille-Tarot lehrreich: Es zwingt zur Tiefenarbeit. Tarot-Lehrer wie Alejandro Jodorowsky sehen darin die "reine" Form des Tarot — eine Sprache vor der psychologisierenden Ausdeutung des 20. Jahrhunderts. Andere wie Hajo Banzhaf bevorzugen das Rider-Waite, weil es leichter zugänglich ist. Beide Wege führen zur Reife.
In der Praxis
Das Marseille-Tarot eignet sich für fortgeschrittene Leserinnen, die bereit sind, mit Symbolik und Numerologie zu arbeiten. Es ist nicht das ideale Anfänger-Deck — wer ohne Vorwissen die Vier der Münzen anschaut, sieht nur vier Pentakel und keine Geschichte. Wer die Numerologie der Vier (Stabilität, Begrenzung, Klammern) und das Element der Münzen (Erde, Materie) kennt, liest sofort: Festhalten am Besitz, Einschluss, Sicherheitsdenken.
Für Lebensfragen mit Tiefe ist das Marseille-Tarot oft präziser als das Rider-Waite, weil es weniger emotional verfärbt. Für Liebes- oder Beziehungsfragen ist das Rider-Waite zugänglicher. In der App Marseille-Tarot antwortet kannst du das klassische Deck digital erleben. Eine Drei-Karten-Legung oder ein Keltisches Kreuz funktionieren auch mit dem Marseille-Tarot, verlangen aber andere Lesetechniken.
Symbolische Tiefe
Das Marseille-Tarot trägt eine Geometrie der Bilder, die der modernen Bildsprache fehlt. Die Trümpfe sind nicht naturalistisch, sondern emblematisch — der Magier hält den Stab nicht, wie ein Mensch ihn hielte, sondern wie ein Zeichen ihn hält. Die Hintergründe sind oft leer oder ornamental. Diese Abstraktheit ist nicht primitiv, sondern ikonisch: Sie verweigert die Illusion und zeigt das Symbol als Symbol. Alejandro Jodorowsky hat in seinem Buch La Vía del Tarot (2004) diese geometrische Lesart systematisiert — die Karten als kosmischer Diagramm.
In der hermetischen Tradition ist das Marseille-Tarot mit der Kabbala, der Astrologie und der christlichen Symbolik verwoben. Die 22 Trümpfe entsprechen den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, die vier Farben den vier Elementen, die Hofkarten den vier kabbalistischen Welten. Diese Verknüpfungen sind im Rider-Waite ausgedeutet, im Marseille-Tarot bleiben sie kryptisch — und damit offen. Wer mit dem Marseille-Tarot arbeitet, arbeitet näher am Mysterium. Siehe auch Glossar und Tarot-Übersicht.
Auch bekannt als
- Tarot de Marseille
- TdM
- Conver-Tarot
- Marteau-Tarot
- Klassisches Tarot