Mantik

Geomantie

Die Geomantie (vom griech. , Erde, und manteia, Wahrsagung) ist eine traditionelle Wahrsagepraxis, bei der zufällig erzeugte Punkte oder Linien in Erde, Sand oder auf Papier zu sechzehn Figuren zusammengefasst und gedeutet werden. Im engeren Sinn bezeichnet sie das hochentwickelte System, das aus dem arabischen ilm al-raml („Sandwissenschaft") über das mittelalterliche Spanien nach Europa kam. Im weiteren Sinn umfasst Geomantie auch chinesisches Feng Shui, indisches Vastu Shastra und alle Praktiken der heiligen Geographie. Verwandt sind die Alomantie (Salz) und die Sortilegium-Praxis.

Ursprung

Die Geomantie im engeren Sinn entstand in der arabischen Welt ab dem 9. Jahrhundert. Der erste namentlich überlieferte Geomant war Tum-Tum al-Hindi, der im 9. Jh. eine Sandlese-Methode beschrieb. Hauptwerke der arabischen Tradition sind die Schriften von al-Zanati (12. Jh.) und Ibn Khaldun (1332-1406), der die Geomantie als legitime, wenn auch zu missbrauchende Wissenschaft beschrieb. Über die Übersetzungsschule von Toledo gelangte das System im 12. Jahrhundert nach Europa. Hugo von Santalla übersetzte zwischen 1145 und 1151 mehrere arabische Geomantie-Texte ins Lateinische.

In Europa wurde die Geomantie zu einer der vier grossen Mantik-Künste neben Astrologie, Chiromantie und Physiognomik. Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) widmete ihr ausführliche Kapitel in seiner De occulta philosophia. Robert Fludd (1574-1637) beschrieb sie in seinem grossen De Geomantia (1687 posthum). Die Renaissance-Geomantie verband das System mit der Astrologie: jeder der sechzehn Figuren wurde ein Planet, ein Tierkreiszeichen und ein Element zugeordnet. Im Christentum geriet die Geomantie schliesslich in Verdacht der Häresie und verschwand für lange Zeit aus der offiziellen Kultur. Seit dem 19. Jahrhundert wird sie in esoterischen Kreisen wiederbelebt. Mehr unter Wahrsagerei.

Die sechzehn Figuren

Das geomantische System basiert auf sechzehn Grundfiguren, die jeweils aus vier Linien bestehen, in denen entweder ein Punkt (ungerade) oder zwei Punkte (gerade) stehen. So entstehen 2 hoch 4 = 16 mögliche Kombinationen. Jede Figur hat einen lateinischen Namen und eine Bedeutung: Via (Weg), Populus (Volk), Conjunctio (Verbindung), Carcer (Gefängnis), Fortuna Major (Grosses Glück), Fortuna Minor (Kleines Glück), Acquisitio (Erwerb), Amissio (Verlust), Laetitia (Freude), Tristitia (Trauer), Puer (Knabe), Puella (Mädchen), Caput Draconis (Drachenkopf), Cauda Draconis (Drachenschwanz), Rubeus (Rotes), Albus (Weisses).

Zur Erzeugung der Figuren sticht man zufällig mit einem Stab in den Sand oder macht Striche auf Papier, ohne sie zu zählen. Anschliessend werden die Striche je zu zwei abgezählt und ein Rest (0 oder 1) für jede der vier Linien notiert. So entstehen vier Müttergestalten, aus denen weitere Töchter, Nichten, Zeugen und schliesslich der Richter abgeleitet werden. Das fertige geomantische Diagramm umfasst sechzehn Felder, vergleichbar einem astrologischen Horoskop mit zwölf Häusern. Jede Figur in jedem Haus hat eine spezifische Bedeutung. Der Richter ist die Gesamtaussage der Befragung. Die Geomantie ist also kein blosses Punktelegen, sondern ein komplexes, regelhaftes System. Mehr unter Divination.

In der Praxis

Eine vereinfachte geomantische Übung: Stelle eine Frage und mache mit geschlossenen Augen vier mal eine zufällige Anzahl von Strichen auf Papier — pro Mal etwa fünfzehn bis dreissig. Zähle jede Reihe und notiere, ob die Anzahl gerade oder ungerade ist (ungerade = ein Punkt, gerade = zwei Punkte). Nach vier Reihen hast du deine erste Geomantie-Figur. Diese kannst du in einem Buch oder online nachschlagen. Wer ernsthaft praktizieren will, erlernt das vollständige Verfahren mit Müttern, Töchtern, Nichten, Zeugen und Richter; dies erfordert einige Wochen Übung.

Auch die Erd-Geomantie im weiteren Sinn (heilige Geographie) kann praktiziert werden. Geh in deinem Wohnort auf Spaziergänge mit offenen Augen für die Energie des Ortes: wo fühlst du dich gestärkt, wo erschöpft? Welche Plätze ziehen dich an, welche stossen dich ab? Notiere diese Eindrücke. Beobachte besondere Bäume, Wasserläufe, alte Steine, Kreuzwege. Die geomantische Tradition vom alten China (Feng Shui) bis ins christliche Mittelalter (Kirchenstandorte über alten Quellen) lehrt, dass die Erde nicht überall gleich ist, sondern dass es kraftvolle Plätze gibt. Diese zu erkennen ist eine zeitgemässe Form der Geomantie. Mehr unter Mantik und Orakel.

Symbolische Tiefe

Die Geomantie verkörpert eine Grundidee aller Mantik: dass im Zufälligen eine Ordnung verborgen ist. Wer mit geschlossenen Augen Punkte in den Sand sticht, erzeugt eine Form, die nicht von seinem bewussten Willen abhängt. Diese Form, so die geomantische Praxis, ist nicht zufällig, sondern sinnvoll — Ausdruck einer Beziehung zwischen der Frage und der Antwort, die durch den Akt des Punktens vermittelt wird. C. G. Jung würde dies Synchronizität nennen. Die Geomantie ist eine schöne Praxis, um diesen Begriff praktisch zu erleben: du fragst, du machst zufällige Striche, du liest die entstandene Figur — und sie spricht oft erstaunlich klar.

Im weiteren Sinn der heiligen Geographie ist die Geomantie eine Erinnerung daran, dass wir nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum leben. Räume sind nicht alle gleich: manche tragen die Erinnerung an Trauer, andere an Freude. Manche stärken, andere schwächen. Die alten Kulturen wussten dies und gründeten ihre Heiligtümer mit Sorgfalt. Heute, in einer urbanen Welt, die oft die Beziehung zur Erde vergessen hat, kann eine erneuerte geomantische Wahrnehmung helfen, sich wieder zu erden — wörtlich. In dieser Hinsicht ist die Geomantie sowohl ein altes Wahrsage-System als auch eine zeitgemässe ökologische Bewusstseinspraxis. Mehr unter Glossar.

Auch bekannt als

  • Erd-Wahrsagung
  • Sandlese
  • ilm al-raml
  • Punktekunst
  • Heilige Geographie

← Zurück zum Glossar