Sibylle
Die Sibylle (griech. Sibylla) war in der griechischen und römischen Antike eine weibliche Seherin, die in ekstatischer Inspiration Weissagungen verkündete. Anders als die Pythia war sie nicht an ein bestimmtes Heiligtum gebunden, sondern wanderte oder lebte zurückgezogen. Es gab mehrere Sibyllen, die berühmtesten waren die von Cumae in Italien, die von Erythrai in Kleinasien und die persische, libysche und phrygische Sibylle. Ihre Sprüche wurden in den Sibyllinischen Büchern gesammelt, die in Rom eine zentrale religiöse Bedeutung hatten.
Ursprung
Die ältesten Spuren der Sibyllen reichen ins 8. Jahrhundert v. Chr. zurück. Heraklit von Ephesos erwähnt um 500 v. Chr. die Sibylle als eine, „die mit rasendem Mund Lachenfremdes und Ungeschmücktes ausspricht". Die Stimme der Sibylle dringt durch die Zeiten, schrieb er, „getragen vom Gott". Diese Beschreibung trifft den Kern der sibyllinischen Inspiration: eine Frau in Trance, durch die der Gott unmittelbar spricht. Im Unterschied zu den technischen Mantikformen war die Sibylle eine Vertreterin der enthusiastischen Mantik nach Platons Unterscheidung im Phaidros.
Die berühmteste Sibylle war die von Cumae in Süditalien, eine Priesterin Apolls. Vergil beschrieb sie im 6. Buch der Aeneis (29-19 v. Chr.) als geheimnisvolle Führerin des Aeneas in die Unterwelt. Sie soll auf Palmblätter geschrieben haben, die ein Windstoss zerstreuen konnte, sodass die Sprüche nur teilweise erhalten blieben. Der Legende nach bot sie dem etruskisch-römischen König Tarquinius Superbus (534-510 v. Chr.) neun Bücher mit Weissagungen an. Als er den Preis ablehnte, verbrannte sie drei. Sie bot die übrigen sechs zum gleichen Preis an, er lehnte wieder ab, sie verbrannte weitere drei. Schliesslich kaufte er die letzten drei zum ursprünglichen Preis aller neun. Diese Bücher wurden im Kapitol verwahrt. Mehr unter Orakel von Delphi.
Die Sibyllinischen Bücher
Die libri Sibyllini waren in Rom eine streng gehütete Sammlung von Weissagungen in griechischen Hexametern. Sie wurden von einem eigenen Priesterkollegium, den quindecimviri sacris faciundis, verwahrt und konnten nur auf Senatsbeschluss konsultiert werden, meist in Krisenzeiten: bei Seuchen, Hungersnöten, drohendem Krieg. 83 v. Chr. verbrannten die Originale beim Brand des Kapitols. Eine neue Sammlung wurde aus Sibyllinischen Sprüchen von Erythrai, Samos und anderen Orten zusammengetragen. Diese zweite Sammlung verbrannte schliesslich 405 n. Chr., als der christliche Feldherr Stilicho sie auf Veranlassung der Kirche zerstören liess.
Die uns heute überlieferten Oracula Sibyllina sind nicht mit den verlorenen libri Sibyllini identisch. Es handelt sich um eine vierzehnbändige Sammlung in Hexametern, die zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 5. Jh. n. Chr. von jüdischen und christlichen Verfassern zusammengestellt wurde. Sie nutzten die Form der Sibylle, um eigene religiöse Botschaften zu verbreiten und galten als Stimme aus heidnischer Vorzeit, die das Christentum vorhergesagt habe. Diese Texte waren im Mittelalter sehr einflussreich. Michelangelo malte 1508-12 fünf Sibyllen in die Sixtinische Kapelle, gleichberechtigt neben den biblischen Propheten. Mehr unter Wahrsagerei.
In der Praxis
Die sibyllinische Tradition lebt in vielen Praktiken weiter. Wenn du etwa beim Tarot eine Karte „blind" ziehst, vertraust du wie die Sibylle auf die unmittelbare Eingebung des Augenblicks. Auch das Schreiben aus dem Bauch heraus, ohne Plan, ohne Kontrolle, kann sibyllinische Qualität haben. In der Psychotherapie nennt man dies aktive Imagination oder freies Assoziieren. Probiere die folgende Übung: stelle dir eine wichtige Frage, atme tief, und schreibe drei Minuten lang ununterbrochen alles, was dir einfällt, ohne zu zensieren. Lies anschliessend, was entstanden ist. Oft tauchen darin Einsichten auf, die du nicht bewusst gewusst hast.
Eine andere Form ist die Bibliomantie: schlage ein Buch zufällig auf und lies den ersten Vers, der dir ins Auge fällt. Dies war in der Antike eine geliebte Praxis, mit Vergils Aeneis (sortes Vergilianae) oder später mit der Bibel (sortes biblicae). Die Sibyllinischen Bücher wurden ähnlich konsultiert. Du kannst diese Methode mit jedem Buch versuchen, das dir wichtig ist: Gedichtsammlungen, Klassiker, spirituelle Texte. Schreibe deine Frage und den gefundenen Vers in ein Tagebuch und reflektiere die Verbindung. Mehr unter Sortilegium und Mantik.
Symbolische Tiefe
Die Sibylle ist eine archetypische Gestalt der weisen Frau, die jenseits der gesellschaftlichen Konvention spricht. Anders als die institutionellen Priester war sie oft eine Aussenseiterin, alt, einsam, manchmal hässlich, manchmal bezaubernd. Vergil beschreibt die Sibylle von Cumae als greisenhaft und in einer Felshöhle hausend, mit hundert Eingängen, aus denen ihre Stimme tönte. Diese Bildwelt — die alte Frau in der Höhle, die Schrift auf den Blättern, der zerstreuende Wind — ist eines der eindringlichsten Bilder der antiken Vorstellungswelt. C. G. Jung deutete die Sibylle als Verkörperung der Anima, der weiblichen Seele, die zwischen Bewusstsein und Unbewusstem vermittelt.
In der Renaissance wurden die Sibyllen zu Verkünderinnen einer universalen Weisheit, die alle Religionen umfasste. Marsilio Ficino, Pico della Mirandola und andere Humanisten sahen in den heidnischen Sibyllen Zeuginnen einer prisca theologia, einer ursprünglichen Theologie, die parallel zur biblischen Offenbarung gelaufen sei. Michelangelos Sibyllen in der Sixtinischen Kapelle sind monumentale Verkörperungen dieser Idee. Sie sitzen neben den Propheten, gleich gross, gleich gewichtig, und blicken in eigene Bücher und Schriftrollen. Diese Gleichberechtigung des Heidnischen und Christlichen in der Renaissance ist eine späte Würdigung der Sibyllen. Heute können sie uns als Erinnerung daran dienen, dass die Stimme der Weisheit in vielen Sprachen spricht. Mehr unter Glossar.
Auch bekannt als
- Seherin
- Prophetin
- Weissagerin
- Pythia
- Wahrsagerin