Tarot

Die Sonne

Die Sonne (Schlüssel XIX) ist die Karte der bewussten Klarheit, der Lebensfreude und des wiedergefundenen vitalen Selbst. Im Rider-Waite-Smith-Deck reitet ein nacktes Kind mit roter Feder im Haar und roter Fahne in der Hand auf einem weißen Pferd vor einer Sonnenscheibe mit menschlichem Gesicht. Hinter ihm eine Mauer mit vier blühenden Sonnenblumen. Die Karte spricht von Helligkeit, die nicht erkämpft, sondern wiedergewonnen wurde.

Ursprung und Ikonographie

Im Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450 erscheint die Sonne als kleines Kind, das eine flammende Sonnenscheibe in der Hand hält. Im Tarot de Marseille des 17. Jahrhunderts entwickelt sich die typische Komposition: zwei nackte Kinder, oft als Zwillinge gelesen, stehen einander zugewandt unter einer großen Sonne mit menschlichem Profil und ausdrücklich gezeichneten Strahlen. Manchmal ist eine Mauer im Hintergrund zu sehen. Die zwei Kinder stehen in der hermetischen Tradition für die Zwillingsenergien Sol und Luna in ihrer wiederversöhnten Form — die coniunctio, die nun Wirklichkeit geworden ist.

A.E. Waite und Pamela Colman Smith reduzierten 1909 das Bild auf ein einzelnes Kind auf weißem Pferd. Es trägt eine rote Feder — dieselbe wie der Narr — und eine rote Fahne, die symbolisch die Bewegung des bewussten Lebens darstellt. Die vier Sonnenblumen verweisen auf die vier Elemente und die vier kleinen Arkana-Reihen. Das nackte Kind bedeutet Unschuld, die nicht naiv, sondern reif geworden ist. Crowley nannte die Karte 1944 im Thoth-Tarot ebenfalls The Sun und ordnete ihr die hebräische Buchstabe Resh zu. Die Karte ist in den meisten Traditionen die unzweideutigste der gesamten Reihe.

Aufrechte und umgekehrte Bedeutung

Aufrecht steht die Sonne für Klarheit, Erfolg, Lebenskraft und das wiedergefundene authentische Selbst. Sie ist die Karte des Sichtbarwerdens — was vorher im Mondlicht verborgen war, tritt nun ins Tageslicht. Sie verkörpert nicht das laute, fordernde Glück, sondern das stille, robuste, das aus Wahrheit kommt. Sie deutet auf gelingende Projekte, glückliche Beziehungen, Heilung nach langer Krankheit, die Geburt eines Kindes oder das Finden der eigenen Stimme. Sie ist die Karte des „Ja" — eines Ja, das nicht auf Kosten anderer geht.

Umgekehrt zeigt die Karte selten Negatives — eher eine vorübergehende Verschattung der Klarheit. Die umgekehrte Sonne kann auf Selbstüberschätzung, übertriebenen Optimismus oder eine verzögerte Freude hinweisen. Sie kann auch ein Zeichen sein, dass das Gute schon da ist, aber nicht gesehen wird, weil das Auge an Krise gewöhnt ist. Manchmal verweist sie auf Erschöpfung, die unter der Oberfläche der Helligkeit verborgen liegt. Die Einladung der Umkehrung ist, das Wahrhaftige im Einfachen zu erkennen — die Sonne scheint, auch wenn man die Augen nicht öffnet.

In Lesungen

Erscheint die Sonne, ist deine Lesung in einer leuchtenden Zone. In Liebesfragen verweist sie auf eine glückliche, klare Verbindung, auf eine Heirat, die Geburt eines Kindes oder die Phase einer Beziehung, in der gegenseitige Freude überwiegt. Beruflich deutet sie auf Erfolg, öffentliche Anerkennung, kreatives Aufblühen oder die Erfüllung eines lang verfolgten Ziels. Spirituell ist sie die Karte des inneren Aufgehens — der Moment, in dem du dich selbst nicht mehr erklären musst, sondern einfach lebst, was du bist.

In Lebensphasen-Spreads markiert sie häufig die Position der Erfüllung. Lies sie neben Der Mond, dem sie unmittelbar folgt, oder neben Die Welt, die sie zum Abschluss bringt. Für freudige Lebensfragen passt das Rider-Waite-Tarot; für Beziehungsfragen das Liebes-Tarot. Im Marseille-Tarot erinnert die Doppelfigur zweier Kinder an die alchemistische Hochzeit. Verwandte Karten findest du in der großen Arkana-Reihe.

Symbolische Tiefe

Numerologisch ist die Neunzehn die Reduktion zur Eins (1+9=10, 1+0=1) — die Sonne ist somit eine höhere Form des Magiers; was er als Anfänger formuliert hat, ist hier zu klarem Sein geworden. Astrologisch wird sie der Sonne selbst zugeordnet, dem Zentrum, um das alles kreist; sie verkörpert das Selbst in seiner sichtbaren, integrierten Form. Im kabbalistischen Lebensbaum trägt sie den Pfad Resh, der Hod mit Yesod verbindet — der Pfad des Kopfes, des bewussten Erkennens.

Im hermetischen Denken ist die Sonne das Sinnbild des philosophischen Goldes, des fertigen Steins der Weisen — der erreichten Selbsterkenntnis. Carl Gustav Jung sah in solchen Bildern das Auftreten des integrierten Selbst, nachdem die Schatten erkannt und die Polaritäten vereint sind. In Joseph Campbells Heldenreise entspricht die Sonne der „Rückkehr mit dem Elixier" in voller Helligkeit — der Held kann seine Erfahrung mit anderen teilen, ohne sich zu verlieren. Innerhalb der Großen Arkana ist sie die strahlende Vorbereitung auf den Abschluss.

Auch bekannt als

  • Il Sole
  • Le Soleil
  • The Sun
  • Schlüssel XIX
  • Das Sonnenlicht

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