Traditionen

Theosophie

Die Theosophie (von griech. theos, Gott, und sophia, Weisheit) ist eine esoterische Weltbewegung, die Helena Petrovna Blavatsky 1875 in New York mit Henry Steel Olcott und William Quan Judge unter dem Namen Theosophical Society gründete. Sie synthetisiert östliche und westliche Weisheitslehren, lehrt die Existenz einer „Geheimen Lehre", die allen Religionen zugrunde liegt, und beschreibt einen kosmischen und menschlichen Entwicklungsplan, der durch Reinkarnation, Karma und höhere Wesen geführt wird.

Ursprung

Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891), eine russische Adelige mit aussergewöhnlicher Biografie, gründete am 17. November 1875 in New York City mit dem Anwalt Henry Steel Olcott und dem Iren William Quan Judge die Theosophical Society. Ziel war eine universelle Geschwisterschaft jenseits aller Glaubensgrenzen, das Studium aller Religionen, Philosophien und Wissenschaften, sowie die Erforschung der noch unbekannten Naturgesetze und der verborgenen Kräfte im Menschen. Blavatsky verfasste zwei riesige Werke: Isis Unveiled (Entschleierte Isis, 1877) und The Secret Doctrine (Die Geheimlehre, 1888). Diese Bücher mit ihrer enzyklopädischen Fülle und ihren Behauptungen, von tibetischen „Meistern" inspiriert zu sein, hatten enormen Einfluss auf die spätere Esoterik.

Nach Blavatskys Tod 1891 spaltete sich die Bewegung. Annie Besant (1847-1933) übernahm die internationale Führung der Theosophical Society mit Sitz in Adyar, Indien. Sie und der englische Bischof Charles Leadbeater entwickelten die Lehre weiter und propagierten Jiddu Krishnamurti als kommenden Weltlehrer (eine Rolle, die Krishnamurti 1929 ablehnte). Rudolf Steiner, der die deutsche Sektion leitete, trennte sich 1912 und gründete die Anthroposophie. Alice Bailey entwickelte eine eigene Linie, die heute als „Esoterischer Hierarchismus" bekannt ist. Die Theosophie hatte und hat weltweit eine geringe Mitgliederzahl, aber ihren intellektuellen Einfluss findet man in der ganzen modernen Esoterik, in der New-Age-Bewegung, und sogar in der modernen Kunst (Kandinsky, Mondrian).

Lehre und Kosmologie

Die theosophische Lehre ist umfangreich und nicht widerspruchsfrei, aber ihre Hauptzüge sind klar. Sie postuliert eine ewige, absolute Wirklichkeit jenseits aller Manifestation. Aus dieser entfaltet sich der Kosmos in sieben Ebenen (physisch, ätherisch, astral, mental, kausal, buddhi, atma), die sich in immer feineren Schwingungen darstellen. Der Mensch hat eine siebenfache Konstitution, die diesen sieben Ebenen entspricht: physischer Körper, Ätherkörper, Astralkörper, mentaler Körper, kausaler Körper, Buddhi (intuitives Bewusstsein) und Atma (göttlicher Funke). Diese Konstitution überlebt den Tod und reinkarniert nach den Gesetzen des Karma.

Die Welt entwickelt sich nach einem grossen Plan, der durch eine „Spirituelle Hierarchie" geführt wird. Diese Hierarchie umfasst die Meister der Weisheit (Mahatmas), die laut Blavatsky in Tibet und im Himalaya leben und die Menschheit unsichtbar lenken, sowie höhere Stufen wie Bodhisattvas, Buddhas und kosmische Christi. Die menschliche Entwicklung geht durch sieben „Wurzelrassen" (mit verschiedenen Unterrassen), die einander auf der Erde abwechseln. Diese Lehre ist in ihrer Originalfassung zeitgebunden und enthält Konzepte, die heute aus guten Gründen kritisch gesehen werden, besonders die rassentheoretischen Aussagen. Spätere Theosophen wie Steiner haben diese Teile teils weiterentwickelt, teils relativiert. Mehr unter Glossar.

In der Praxis

Die Theosophical Society besteht bis heute mit Hauptsitzen in Adyar (Indien), Pasadena (USA) und London. Sie ist offen für alle Religionen, verlangt keinen Glauben, sondern empfiehlt Studium, Meditation und ein ethisches Leben. Die Mitgliedschaft ist gering, aber stabil. Die theosophischen Schriften, vor allem Blavatskys Werke, Annie Besants Einführungen und die Bücher von Charles Leadbeater, werden in Studiengruppen gelesen und diskutiert. Daneben existieren Ableger wie die Adyar Library, das Olcott Memorial Hospital in Indien und zahlreiche theosophische Verlage.

Wenn du dich für theosophische Praxis interessierst, beginne mit einem zugänglichen Einführungsbuch wie The Ancient Wisdom (1897) von Annie Besant oder Eine moderne Geheimlehre von Eugene Levy. Die Originalwerke Blavatskys sind dichter und schwieriger und sollten erst nach einer Einführung gelesen werden. Praktisch lehrt die Theosophie eine Form der Meditation, das Studium der Religionen, die Pflege eines ethischen Lebens und die Beschäftigung mit den vielen okkulten Wissenschaften, darunter Alchemie, Astrologie, I Ging, Tarot und Runen. Die theosophische Sicht erlaubt eine Synthese all dieser Werkzeuge in einem grösseren Rahmen.

Symbolische Tiefe

Die wichtigste Idee der Theosophie ist die „Philosophia perennis", die ewige Weisheit, die allen Religionen und allen Zeiten gemeinsam zugrunde liegt. Blavatsky war eine der ersten, die diese Idee im Westen systematisch propagierte und damit den Boden für den modernen religiösen Pluralismus bereitete. Sie öffnete dem Westen die Tür zu den östlichen Religionen, vor allem zum Hinduismus und zum Buddhismus, und half, ihre ernsthafte Rezeption in Europa und Amerika vorzubereiten. Ohne die Theosophie wären das Auftreten von Vivekananda 1893 auf dem Weltparlament der Religionen, die Verbreitung des Yoga im Westen und das spätere New Age kaum vorstellbar.

Zugleich ist die Theosophie ein historisches Phänomen mit Stärken und Schwächen. Ihre Stärke liegt in der mutigen Synthese und der Offenheit für alle Traditionen. Ihre Schwäche liegt in einer Tendenz zur dogmatischen Lehre, zum spekulativen Detailwissen und in zeitgebundenen Vorstellungen, die heute überholt sind. Wer sich mit der Theosophie ernsthaft beschäftigt, sollte beides sehen: die grossartige Vision und die historisch bedingten Grenzen. Carl Gustav Jung war kritisch gegenüber der Theosophie, weil sie ihm zu wenig psychologisch verankert schien, aber er anerkannte ihre Bedeutung als Vorläufer der modernen Tiefenpsychologie. Mehr unter Anthroposophie und Rosenkreuzer.

Auch bekannt als

  • Geheimlehre
  • Esoterik
  • Blavatsky-Schule
  • spirituelle Wissenschaft
  • Theosophical Society

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