Orakel

I Ging

Das I Ging, das „Buch der Wandlungen", ist eines der ältesten und bedeutendsten Orakelbücher der Menschheit. Es entstand in China, hat einen Kern, der bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht, und besteht aus 64 Hexagrammen, die jede mögliche Situation des Lebens abbilden. Es wird durch Münzwurf oder Schafgarbenstängel befragt und antwortet in poetischen Bildern, die zugleich Diagnose und Rat sind. Das I Ging gilt als Schlüsseltext sowohl des Taoismus als auch des Konfuzianismus.

Ursprung

Die Anfänge des I Ging liegen in der frühen Zhou-Dynastie (ca. 1046-256 v. Chr.). Die Legende schreibt die Erfindung der acht Trigramme dem mythischen Kulturheros Fu Xi zu (ca. 2800 v. Chr.). König Wen von Zhou (ca. 1099-1050 v. Chr.) und sein Sohn, der Herzog von Zhou, sollen die Hexagramme und ihre Texte verfasst haben, während König Wen in Gefangenschaft sass. Diese Kernschicht, der sogenannte Zhou Yi oder „Wandlungen der Zhou", besteht aus den 64 Hexagrammen mit kurzen Sprüchen zu jedem Hexagramm und jeder seiner sechs Linien. Sie wurde ursprünglich nicht philosophisch, sondern als Wahrsagebuch der Königshöfe verwendet.

Erst zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. entstanden die zehn philosophischen Kommentare, die Shi Yi oder „Zehn Flügel", die das Buch in einen kosmischen und ethischen Rahmen einbinden. Die Überlieferung schreibt sie Konfuzius (551-479 v. Chr.) zu, doch heute geht die Forschung von einer kollektiven Verfasserschaft seiner Schule aus. 136 v. Chr. wurde das I Ging unter Kaiser Wu der Han-Dynastie offiziell zum Kanonbuch erhoben. Im Westen wurde es vor allem durch die Übersetzung des deutschen Sinologen Richard Wilhelm (1923) bekannt, die mit einem Vorwort von C. G. Jung versehen wurde und bis heute die einflussreichste europäische Fassung ist.

Aufbau des Buches

Das I Ging besteht aus 64 Hexagrammen, also Sechserkombinationen aus durchgezogenen Yang-Linien und unterbrochenen Yin-Linien. Jedes Hexagramm hat einen Namen wie Qián (Schöpferisches), Kūn (Empfangendes), Tún (Anfangsschwierigkeit), Méng (Jugendtorheit) oder Jì jì (Nach der Vollendung). Jedes Hexagramm wird durch einen kurzen Spruch eingeleitet, gefolgt von einem Bildkommentar, einem Urteilskommentar und der Auslegung der sechs Einzelnen Linien. Diese mehrschichtige Struktur macht das Buch zu einem reichen Werkzeug für die Selbstreflexion.

Die 64 Hexagramme sind nicht zufällig angeordnet, sondern paarweise verknüpft. Meist sind aufeinander folgende Hexagramme spiegelbildlich oder gegensätzlich. Hexagramm 1, Qián, das reine Schöpferische, steht neben Hexagramm 2, Kūn, dem reinen Empfangenden. Diese Polarität von Yin und Yang ist die Grundachse des gesamten Buches. Hinter den Hexagrammen stehen die acht Trigramme der Bagua, die selbst eine Naturphilosophie darstellen: Himmel, Erde, Donner, Berg, Wasser, Feuer, Wind, See. Jedes Hexagramm entsteht aus der Verbindung zweier Trigramme. Mehr unter Glossar.

In der Praxis

Du befragst das I Ging klassisch mit fünfzig Schafgarbenstängeln in einem komplexen Aufteilungsritual, das etwa zwanzig Minuten dauert und sechs Linien erzeugt. Die einfachere Methode ist der Wurf mit drei Münzen: pro Linie wirfst du dreimal, Kopf zählt zwei, Zahl zählt drei, und die Summe ergibt eine alte oder junge Yin- oder Yang-Linie. Sechs Würfe ergeben dein Hexagramm. Wandelnde Linien führen zu einem zweiten Hexagramm, das die Entwicklung der Situation zeigt. Diese Wandlung ist das Herz des Buches: nichts bleibt, alles geht in sein Gegenteil über.

Die I-Ging-App ermöglicht dir den Münzwurf digital und liefert die Hexagrammtexte in deutscher Übersetzung. Du formulierst eine ernste Frage, lässt dich nicht von der ersten Antwort enttäuschen, sondern liest sie mehrmals und meditierst darüber. Das I Ging spricht selten direkt, sondern in Gleichnissen: ein Frosch im Brunnen, ein Reh ohne Förster, ein zerbrochener Topf. Diese Bilder muss man auf die eigene Lage übertragen. Mit der Zeit entwickelt sich ein vertrautes Verhältnis zum Buch. Auch die Runen und das Tarot teilen diese symbolisch-meditative Lesart.

Symbolische Tiefe

Das I Ging ist die ausführlichste Darstellung des taoistischen Weltbilds: alles ist im Fluss, jedes Ding trägt den Keim seines Gegenteils, und Weisheit besteht darin, die Bewegung der Wandlungen zu erkennen und sich ihr anzupassen. Im Gegensatz zu einer starren Vorhersage zeigt das I Ging immer Prozesse: was sich zusammenzieht, weitet sich, was steigt, fällt, was fest scheint, wandelt sich. Diese Sicht entspricht dem Begriff Wu Wei, dem nicht-erzwingenden Handeln, das im rechten Augenblick die rechte Geste tut.

C. G. Jung sah im I Ging eine empirische Bestätigung seiner Theorie der Synchronizität, also der bedeutungsvollen Koinzidenz zwischen innerem Geschehen und äusserem Zeichen. Das I Ging gehört für Jung nicht in die Reihe der Kausalwissenschaften, sondern in die der Resonanzwissenschaften. Es funktioniert nicht, weil eine Münze die Zukunft kennt, sondern weil der Moment des Wurfs den ganzen Zustand des Universums spiegelt, einschliesslich des inneren Zustands des Fragenden. Diese Lesart hat das I Ging im Westen vor allem für Künstler, Philosophen und Therapeuten attraktiv gemacht, von Hermann Hesse bis Philip K. Dick und John Cage. Mehr unter Taoismus.

Auch bekannt als

  • Yi Jing
  • Buch der Wandlungen
  • Yijing
  • Zhou Yi
  • Chinesisches Orakel

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