Orakel

Hexagramm

Ein Hexagramm im Sinne des I Ging ist eine Sechserkombination aus durchgezogenen Yang-Linien (⚊) und unterbrochenen Yin-Linien (⚋). Aus sechs Linien mit jeweils zwei möglichen Zuständen ergeben sich 64 Kombinationen, die die 64 Hexagramme des klassischen chinesischen Orakelbuchs bilden. Jedes Hexagramm steht für eine archetypische Lebenslage, von der Schöpfungskraft (Qián) bis zur Vollendung (Jì jì) und Unvollendung (Wèi jì). Es ist nicht zu verwechseln mit dem sechsstrahligen Stern desselben Namens.

Ursprung

Die Hexagramme entstanden in der frühen Zhou-Dynastie (1046-256 v. Chr.) durch die Verdopplung der älteren Trigramme. Die Tradition schreibt die Erfindung der Trigramme dem mythischen König Fu Xi zu (ca. 2800 v. Chr.), der nach der Legende die Acht Trigramme auf dem Rücken eines aus dem Gelben Fluss aufsteigenden Drachenpferdes erkannte. König Wen von Zhou soll die Trigramme später zu Hexagrammen verdoppelt und ihnen Namen und Bedeutungen gegeben haben. Diese mythische Genealogie verbindet die Hexagramme mit den höchsten Kulturheroen Chinas.

Historisch sind die Hexagramme erstmals auf Orakelknochen und Schildkrötenpanzern der späten Shang-Dynastie (ca. 1200 v. Chr.) belegt. Die Mawangdui-Funde von 1973 in einem Han-Grab aus dem Jahr 168 v. Chr. enthielten eine Frühform des I Ging mit einer anderen Reihenfolge der Hexagramme als der heute kanonischen Anordnung des König Wen. Diese archäologische Entdeckung zeigt, dass es im frühen China mehrere konkurrierende Hexagramm-Traditionen gab. Die kanonische Reihenfolge mit Qián als erstem und Wèi jì als letztem Hexagramm setzte sich erst während der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) endgültig durch. Im Westen wurden die Hexagramme durch Gottfried Wilhelm Leibniz (1703) und besonders durch Richard Wilhelm (1923) bekannt.

Aufbau und Lesart

Ein Hexagramm wird von unten nach oben gelesen. Die unterste Linie ist die erste, die oberste die sechste. Diese Leserichtung folgt dem Bild eines wachsenden Halms oder einer aufsteigenden Bewegung: was unten beginnt, entwickelt sich nach oben. Die sechs Linien werden in drei Paare gegliedert. Die untersten zwei stehen für die Erde und das Konkrete, die mittleren zwei für den Menschen und das Verhältnis, die obersten zwei für den Himmel und das Geistige. Diese Dreiteilung in Erde, Mensch und Himmel ist eine zentrale Lehre des chinesischen Denkens.

Jedes Hexagramm besteht aus zwei Trigrammen: das untere heisst das innere oder das eigene, das obere das äussere oder das umgebende. Hexagramm 11, Tài (Friede), entsteht aus Erde oben und Himmel unten: das Schwere senkt sich, das Leichte steigt, beide treffen sich, was Harmonie schafft. Hexagramm 12, Pǐ (Stockung), zeigt die umgekehrte Ordnung: Himmel oben, Erde unten, beide entfernen sich voneinander, was zur Stockung führt. Diese strukturelle Logik durchzieht alle 64 Hexagramme. Hinzu kommen die wandelnden Linien, die ein Hexagramm in ein anderes überführen. Mehr unter Glossar und Orakel.

In der Praxis

Wenn du das I Ging mit drei Münzen befragst, wirfst du für jede der sechs Linien dreimal. Drei Köpfe ergeben eine alte Yang-Linie (wandelnd, wird Yin), zwei Köpfe und eine Zahl eine junge Yin-Linie, eine Kopf und zwei Zahlen eine junge Yang-Linie, drei Zahlen eine alte Yin-Linie (wandelnd, wird Yang). So entsteht zuerst das primäre Hexagramm. Sind wandelnde Linien dabei, ergibt sich daraus ein zweites Hexagramm, das die Entwicklung anzeigt. Du liest dann beide Hexagramme und die wandelnden Linien als Aussage über deine Frage.

Die I-Ging-App automatisiert den Münzwurf und führt dich durch die Auslegung. Wichtig ist, dass du nicht nur das eine Hexagramm liest, sondern die ganze Konstellation: das Ausgangsbild, die wandelnden Linien und das Zielbild. Diese Dreischritt-Lesart spiegelt den Prozess deiner Frage. Wenn keine Linie wandelt, beschreibt dein Hexagramm einen stabilen Zustand. Wenn alle Linien wandeln, ist die Lage besonders dynamisch und du solltest beide Hexagramme als gleich wichtig betrachten. Auch das Runen-Orakel und das Tarot kennen vergleichbare Wandlungsfiguren.

Symbolische Tiefe

Die 64 Hexagramme bilden ein vollständiges Kombinationssystem mit nur zwei Grundzeichen: Yang und Yin, das Schöpferische und das Empfangende, das Helle und das Dunkle, das Aktive und das Passive. Aus dieser binären Logik leitete Gottfried Wilhelm Leibniz 1703 in einem Brief an den Jesuiten Joachim Bouvet seine Theorie der dualen Zahlen ab, also die mathematische Grundlage der späteren Computerbinärsysteme. So gibt es eine direkte gedankliche Linie von den Hexagrammen zu der digitalen Welt, in der wir heute leben.

Symbolisch zeigt das Hexagramm, dass jede Situation aus dem Zusammenspiel innerer und äusserer Kräfte besteht und dass jede dieser Kräfte selbst aus weiteren Komponenten zusammengesetzt ist. Es gibt nichts Einfaches, alles ist Beziehung. Diese Sicht teilt das I Ging mit dem westlichen Hermetismus, der in seinem Smaragdtafel-Spruch lehrt: „Wie oben, so unten." Die Trennung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wird aufgehoben. Jedes Hexagramm ist zugleich Bild einer äusseren Situation und Bild eines inneren Zustands. Diese Doppelheit macht das I Ging zu einem Werkzeug der Selbsterkenntnis. Mehr unter Taoismus.

Auch bekannt als

  • Sechslinienzeichen
  • Gua
  • Liu Yao
  • I-Ging-Zeichen
  • Wandlungsfigur

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