Bagua
Die Bagua (chin. bā guà, „acht Trigramme") ist die Anordnung der acht Trigramme des chinesischen Denkens in einem kreisförmigen Schema. Es gibt zwei klassische Bagua-Anordnungen: die des „früheren Himmels" (Fu Xi, Xian Tian Bagua) und die des „späteren Himmels" (König Wen, Hou Tian Bagua). Die Bagua ist die Grundlage des I Ging, des Feng Shui, der Akupunktur, des Tai Chi und vieler anderer chinesischer Künste.
Ursprung
Die mythische Erfindung der Bagua wird Fu Xi zugeschrieben, dem ersten der drei Urkaiser Chinas (ca. 2800 v. Chr.). Nach der Legende erschien Fu Xi am Ufer des Gelben Flusses ein „Drachenpferd", auf dessen Rücken er die acht Trigramme erkannte. Diese Anordnung, der „frühere Himmel", zeigt eine reine kosmische Symmetrie: Qián (Himmel) im Süden, Kūn (Erde) im Norden, Lí (Feuer) im Osten, Kǎn (Wasser) im Westen. Gegenüberliegende Trigramme sind exakte Spiegelbilder. Diese Anordnung beschreibt das Universum vor der Schöpfung, in seiner reinen Polarität.
Die zweite klassische Anordnung, der „spätere Himmel" oder König-Wen-Bagua, wird König Wen von Zhou (ca. 1099-1050 v. Chr.) zugeschrieben, der sie nach der Legende in der Gefangenschaft seines Gegners König Zhou von Shang ersonnen haben soll. Sie ordnet die Trigramme anders: Lí (Feuer) im Süden, Kǎn (Wasser) im Norden, Zhèn (Donner) im Osten, Duì (See) im Westen, dazwischen die übrigen vier. Diese Anordnung beschreibt das Universum in seiner dynamischen Bewegung, im Lauf der Jahreszeiten und der Lebensphasen. Während der Han-Zeit (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) wurde sie zur kanonischen Bagua der praktischen Anwendung, also für Divination, Astrologie, Medizin und Feng Shui.
Aufbau und Anwendung
Die acht Trigramme der Bagua sind: Qián (☰ Himmel), Kūn (☷ Erde), Zhèn (☳ Donner), Kǎn (☵ Wasser), Gèn (☶ Berg), Xùn (☴ Wind), Lí (☲ Feuer), Duì (☱ See). Jedes hat eine Himmelsrichtung, eine Naturkraft, eine Familienrolle, eine Farbe, eine Zahl, ein Tier und einen Körperteil. Im König-Wen-Bagua entspricht Qián dem Nordwesten, dem Vater, dem Metall, der Farbe Weiss, der Zahl 6, dem Pferd und dem Kopf. Kūn entspricht dem Südwesten, der Mutter, der Erde, der Farbe Gelb, der Zahl 2, dem Rind und dem Bauch. Diese umfangreichen Korrespondenzen machen die Bagua zu einem universellen Übersetzungsschlüssel zwischen Symbolwelten.
Im Feng Shui legt man die Bagua-Karte auf den Grundriss einer Wohnung oder eines Hauses. Die Tür liegt in einem der drei Trigramme der Nordseite (Kǎn, Gèn oder Qián). Jede Himmelsrichtung der Wohnung entspricht einem Lebensbereich: Norden (Kǎn) für Karriere, Süden (Lí) für Anerkennung, Osten (Zhèn) für Familie, Westen (Duì) für Kreativität, Nordwesten (Qián) für Helfer, Südwesten (Kūn) für Beziehungen, Nordosten (Gèn) für Wissen, Südosten (Xùn) für Wohlstand. Mit dieser Karte kannst du gezielt Bereiche deines Lebens energetisch stärken. Mehr unter Glossar und Orakel.
In der Praxis
Im I Ging wird die Bagua als Lesehilfe verwendet. Jedes der 64 Hexagramme besteht aus zwei Trigrammen, einem unteren (innen) und einem oberen (aussen). Wenn du dein Hexagramm gezogen hast, schaust du, welche zwei Trigramme es zusammensetzen, und liest ihre Beziehung. Hexagramm 11 (Tài, Friede) besteht aus Qián (Himmel) unten und Kūn (Erde) oben. Das Schwere senkt sich, das Leichte steigt, beide treffen sich in fruchtbarer Harmonie. Hexagramm 12 (Pǐ, Stockung) ist die Umkehrung: Erde unten, Himmel oben, beide entfernen sich, die Verbindung bricht. So liest die Bagua die Hexagramme als räumliche Konstellationen.
In der Tai-Chi-Praxis stehen die acht Trigramme für acht grundlegende Bewegungen: peng (abwehren), lü (zurückziehen), ji (drücken), an (stossen), cai (greifen), lie (spreizen), zhou (Ellbogen), kao (Schulter). Diese acht Energien sind die Grundlage des Tai-Chi-Chuan. Auch die Akupunktur teilt die zwölf Hauptmeridiane nach Yin- und Yang-Aspekten ein, die sich in der Bagua spiegeln. Die I-Ging-App zeigt dir bei jedem Hexagramm die beiden zugrunde liegenden Trigramme. Auch das Runen-Orakel kennt mit den drei Aettir eine vergleichbare Achterstruktur.
Symbolische Tiefe
Die Bagua ist ein vollständiges Weltmodell in acht Zeichen. Jede der acht Naturkräfte ist nicht nur ein Symbol für eine Sache der Aussenwelt, sondern auch für eine seelische Kraft, ein Stadium der Entwicklung und eine Funktion im Mikrokosmos des Menschen. Diese Mehrschichtigkeit macht die Bagua zu einem dichten Resonanzsystem, in dem jedes Element auf alle anderen verweist. Wer mit der Bagua lange genug arbeitet, beginnt die Welt in acht Grundgesten zu sehen: Schaffen, Empfangen, Erregen, Vertiefen, Stillhalten, Eindringen, Sichten, Erfreuen.
Im neokonfuzianischen Denken des Zhou Dunyi (1017-1073) ist die Bagua ein Schritt im kosmischen Werdeprozess: aus dem Wuji, dem grenzenlosen Ungeschiedenen, entsteht das Taiji, der „höchste Letzte", aus diesem die Polarität von Yin und Yang, aus dieser die Vier Erscheinungen (alte Yang, junge Yang, alte Yin, junge Yin) und aus diesen die Acht Trigramme. Diese Genealogie ist eine östliche Schöpfungsgeschichte, die mit westlichen Kosmogonien wie der pythagoreischen Tetraktys, der hebräischen Sephirot der Rosenkreuzer oder der platonischen Ideenlehre verglichen werden kann. Alle versuchen, das Werden der Vielheit aus der Einheit verständlich zu machen. Mehr unter Taoismus.
Auch bekannt als
- Pa Kua
- Acht Trigramme
- Bā guà
- Himmelsdiagramm
- Trigramm-Kreis