Orakel

Yin und Yang

Das Paar Yin und Yang bezeichnet im chinesischen Denken die zwei komplementären Grundkräfte des Universums. Yin ist das Dunkle, Kalte, Empfangende, Weibliche, Nördliche; Yang ist das Helle, Warme, Schöpferische, Männliche, Südliche. Doch keine der beiden Kräfte existiert ohne die andere, und in jeder steckt der Keim der anderen. Das berühmte Tai-Chi-Symbol mit den zwei Tropfen und den zwei Augenpunkten zeigt diese Verschränkung in ihrer reinsten Form.

Ursprung

Die Begriffe Yin und Yang sind sehr alt und reichen sprachlich bis in die Shang-Dynastie (ca. 1600-1046 v. Chr.) zurück. Ursprünglich bezeichneten sie schlicht die Schatten- und die Sonnenseite eines Berges oder eines Tals. Aus dieser konkreten Beobachtung entwickelte sich allmählich eine umfassende Polaritätslehre. In den Kommentaren zum I Ging (4.-2. Jahrhundert v. Chr.) erscheinen Yin und Yang erstmals als kosmische Prinzipien, die die ganze Wirklichkeit durchziehen. Zou Yan (ca. 305-240 v. Chr.), der Begründer der „Schule des Yin und Yang", verband sie mit der Fünf-Wandlungsphasen-Lehre und schuf damit das Grundgerüst der späteren chinesischen Naturphilosophie.

In der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) wurde die Yin-Yang-Lehre zur offiziellen Reichsphilosophie und durchdrang die Medizin (Huangdi Neijing), die Astronomie, die Militärstrategie (Sunzi), die Politik und die Religion. Im Taoismus wurde Yin-Yang zum Grundkonzept der inneren Alchemie und der Meditationspraxis. Das heute weltweit bekannte Tai-Chi-Symbol mit den zwei Tropfen und Augenpunkten ist allerdings vergleichsweise spät: seine bekannteste Darstellung stammt von dem Neokonfuzianer Zhou Dunyi (1017-1073) in seinem Werk Taijitu Shuo, der „Erklärung des Diagramms des höchsten Letzten".

Bedeutung und Eigenschaften

Yin und Yang sind keine absoluten Substanzen, sondern relationale Bestimmungen. Jedes Phänomen ist im Verhältnis zu einem anderen Yin oder Yang. Der Tag ist Yang im Verhältnis zur Nacht, aber der Morgen ist Yin im Verhältnis zum Mittag. Diese Relativität unterscheidet die chinesische Polaritätslehre grundlegend vom westlichen Dualismus von Gut und Böse, Geist und Materie. Yin und Yang sind nicht moralisch wertend, sondern beschreibend; keine der beiden Kräfte ist „besser" als die andere. Im Gegenteil, Gesundheit, Glück und kosmische Ordnung bestehen genau im rechten Verhältnis beider.

Klassische Zuordnungen sind: Yang steht für Himmel, Sonne, Tag, Sommer, Süden, Feuer, Berg, Aktivität, Bewegung, Hartes, Helles, Männliches, Aussen, Geist; Yin steht für Erde, Mond, Nacht, Winter, Norden, Wasser, Tal, Ruhe, Stille, Weiches, Dunkles, Weibliches, Innen, Materie. Im Körper sind die Yang-Organe hohl und arbeitend (Magen, Darm, Blase), die Yin-Organe sind voll und speichernd (Herz, Leber, Lunge, Niere, Milz). In der Akupunktur und der Traditionellen Chinesischen Medizin geht es darum, das richtige Verhältnis zwischen den Yin- und Yang-Aspekten der zwölf Meridiane wiederherzustellen. Mehr unter Glossar und I Ging.

In der Praxis

Im I Ging sind die durchgezogenen Linien (⚊) Yang und die unterbrochenen Linien (⚋) Yin. Jedes Hexagramm ist eine Konfiguration dieser beiden Kräfte. Wenn du das I Ging befragst, kannst du die Verteilung von Yang- und Yin-Linien als ersten Hinweis lesen: ein Hexagramm mit überwiegend Yang-Linien (etwa Qián mit sechs Yang) deutet auf eine sehr aktive, durchsetzungsstarke Situation; eines mit überwiegend Yin (etwa Kūn mit sechs Yin) auf eine empfangende, hingebende Lage. Die Mischung in der Mitte ist oft die fruchtbarste.

Im Alltag kannst du die Yin-Yang-Lehre als Orientierung nutzen, ohne dass du esoterisch wirst. Bist du erschöpft, weil du zu viel arbeitest? Dann brauchst du mehr Yin: Ruhe, Schlaf, Stille, Wasser, Kühle. Bist du träge, mutlos, in dich versunken? Dann brauchst du mehr Yang: Bewegung, Sonne, Wärme, Aktivität, Klarheit. Diese einfache Frage hilft dir, dein Leben in Balance zu bringen. Die I-Ging-App macht dir die Yin-Yang-Struktur jeder gezogenen Antwort sichtbar. Auch andere Orakel wie das Runen-Orakel oder das Tarot arbeiten mit verwandten Polaritäten.

Symbolische Tiefe

Das Tai-Chi-Symbol ist eines der dichtesten visuellen Symbole der Menschheit. Es zeigt zwei Tropfen, die sich gegenseitig umarmen, jeder mit einem Auge in der Farbe des anderen. Dieses kleine Auge ist entscheidend: es zeigt, dass in jedem Yang ein Kern Yin und in jedem Yin ein Kern Yang steckt. Im höchsten Glück liegt schon der Keim der nächsten Krise, im tiefsten Leid liegt schon der Same der nächsten Hoffnung. Diese Lehre ist die zentrale Botschaft des chinesischen Denkens und unterscheidet es vom platonischen Idealismus, der die Polaritäten in getrennte Reiche aufspaltet.

C. G. Jung übernahm das Yin-Yang-Symbol als Bild der „Coincidentia oppositorum", des Zusammenfalls der Gegensätze, der für ihn das Ziel der Individuation war. Auch die Alchemie spricht von der Hochzeit des Königs und der Königin, der Verbindung von Sol und Luna, von Schwefel und Quecksilber. In der Hermetik heisst die gleiche Idee: „Wie oben, so unten." Yin und Yang sind also nicht nur eine chinesische Eigenheit, sondern eine universelle Beobachtung, die sich in allen tiefen Traditionen wiederfindet. Wer mit Yin und Yang denkt, verlässt das einfache Schema von Richtig und Falsch und betritt eine reichere Wirklichkeit, in der Gegensätze einander hervorbringen. Mehr unter Taoismus.

Auch bekannt als

  • Tai Chi
  • Yīn yáng
  • Polarität
  • Komplementarität
  • Schatten und Licht

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