Mythologie

Brahma

Brahma (Sanskrit Brahmā, mit langem ā am Ende, nicht zu verwechseln mit dem neutralen Brahman als Weltprinzip) ist der Schöpfergott der hinduistischen Trimurti (mit Vishnu dem Erhalter und Shiva dem Zerstörer). Brahma wird traditionell mit vier Köpfen dargestellt, die in die vier Himmelsrichtungen blicken, sitzt auf dem Lotos, der aus Vishnus Nabel wächst, und ist mit der Göttin der Weisheit, Sarasvati, vermählt.

Mythos und Ursprung

Brahma entstand aus dem vedischen Prajapati ('Herr der Geschöpfe'), dem Schöpfergott der späteren Veden und Brahmanas (etwa 900-700 v. Chr.). In den frühen Upanishaden (ab 700 v. Chr.) wird Brahman (neutrales Substantiv) als das absolute Weltprinzip jenseits aller Form entwickelt, und Brahmā (maskulines Substantiv) wird dessen personifizierter Schöpferaspekt. In den Puranas (4.-12. Jahrhundert) ist Brahma fest in der Trimurti verankert. Die wichtigsten Quellen für Brahmas Mythologie sind die Brahma Purana, die Padma Purana, die Vishnu Purana, die Bhagavata Purana und Teile des Mahabharata.

Brahma wird auf einer Lotosblüte sitzend dargestellt, die aus dem Nabel des auf der Schlange Ananta ruhenden Vishnu emporwächst. Sein Reittier ist die Hamsa (Wildgans oder Schwan), die das Diskriminationsvermögen symbolisiert - sie kann angeblich Milch von Wasser trennen. Seine vier Köpfe blicken in die vier Himmelsrichtungen und repräsentieren die vier Veden (Rigveda, Yajurveda, Samaveda, Atharvaveda), die er schuf. Ursprünglich hatte er fünf Köpfe, doch einen schlug Shiva ab, weil Brahma überheblich behauptete, höher zu sein als Shiva - oder weil sein fünfter Kopf eine Lüge sprach.

Attribute und Geschichten

Brahmas Attribute sind: in seinen vier Händen hält er die Veden (heiligen Schriften, oft als Buch dargestellt), das Sruva (Opferlöffel), die Kamandalu (asketische Wasserschale) und eine Mala (Gebetskette mit 108 Perlen). Manchmal hält er den Lotos. Seine Hautfarbe ist rot oder goldgelb. Er trägt einen langen weißen Bart und eine Krone. Mit seiner Gemahlin Sarasvati (Göttin der Sprache, Musik, Wissenschaft, Künste) regiert er die Welt der Vidya (Wissen). Sein himmlischer Wohnsitz ist Brahmaloka oder Satyaloka, die höchste der sieben himmlischen Welten - allerdings nicht die ultimative Befreiung, die jenseits aller Welten liegt.

Berühmte Geschichten: Im Schöpfungsmythos teilt Brahma seinen eigenen Körper in zwei Hälften, eine männliche und eine weibliche (Shatarupa), aus deren Vereinigung die ersten Menschen entstehen. Die Vorstellung schockierte Shiva, der Brahmas fünften Kopf abschlug, weil dieser begierig auf seine eigene Tochter Shatarupa geblickt habe - dieser Mythos erklärt sowohl Brahmas vier Köpfe als auch den relativen Mangel an Brahma-Kult. Die Yuga-Lehre besagt, dass ein Kalpa (Brahma-Tag) 4,32 Milliarden Menschenjahre dauert, gefolgt von einem gleichlangen Brahma-Nacht. Brahma lebt 100 Brahma-Jahre, was etwa 311 Billionen Menschenjahren entspricht - dann beginnt ein neuer Brahma. In dieser kosmischen Zeitrechnung relativiert sich alles. Trotz seiner Schöpfermacht gibt es in ganz Indien nur sehr wenige Brahma-Tempel - der berühmteste ist der von Pushkar in Rajasthan.

Im modernen Kontext

Während Vishnu und Shiva Millionen Anhänger haben, hat Brahma kaum eine eigene Glaubensströmung - der Brahmaismus ist eine seltene Erscheinung. Mythologisch wird das durch Flüche erklärt, die ihm Shiva oder Sarasvati auferlegten. Soziologisch erklärt sich die geringe Verehrung dadurch, dass die kreative Phase eines Zyklus bereits abgeschlossen ist und der Mensch in der Erhaltungs- (Vishnu) oder Zerstörungs- (Shiva) Phase lebt. Brahma ist somit eher der 'philosophische' Gott der Schöpfungsabstraktion. In der modernen indischen Esoterik und im Yoga taucht er hauptsächlich in den Schöpfungsmythen auf. In der Theosophie (Helena Petrovna Blavatsky, Geheimlehre, 1888) wird Brahma als einer der wichtigsten kosmischen Aspekte ausführlich diskutiert. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Brahma zugewiesen bekommt, hat oft kreative, lehrende, philosophische Berufungen.

Astrologisch wird Brahma mit Jupiter (Weisheit, Lehre, Schöpfung) verbunden, aber auch mit der Sonne (kosmische Urkraft) und teilweise mit dem Mond (Geist, kreative Imagination). Sein Tag ist nach manchen Traditionen der Donnerstag (gemeinsam mit Vishnu/Brihaspati). In der vedischen Astrologie (Jyotish) wird Brahma als Patron aller Lehrer (Guru) und Gelehrten angerufen. Sein wichtigstes Mantra ist Om Aim Hrim Klim Brahmane Namaha. In modernen Yoga-Traditionen sind die Brahmacharya-Lebensphase (Schülerschaft, Reinheit) und die Brahmamuhurta-Stunde (kosmische Stunde, 1,5 Stunden vor Sonnenaufgang) nach ihm benannt.

Symbolische Tiefe

Im Tarot entspricht Brahma Der Magier (Arkanum I) als der Schöpfer aus dem Nichts, der die vier Elemente (entsprechend seinen vier Köpfen und vier Attributen) zur Manifestation bringt; Der Hierophant (V) als Bewahrer und Lehrer der Veden; und Die Welt (XXI) als Verkörperung der vollendeten Schöpfung. Seine vier Köpfe entsprechen den vier Wesen der biblischen Vision und der vier Hofkarten der Tarot-Farben (Engel, Stier, Löwe, Adler).

Jungianisch ist Brahma der Archetypus des Schöpfers und des weisen alten Mannes, doch seine relative kultische Unbedeutsamkeit hat Tiefenpsychologen wie Heinrich Zimmer fasziniert: Sie deuten dies als Hinweis darauf, dass die ursprüngliche, abstrakte Schöpferkraft im religiösen Bewusstsein meist hinter den 'handelnden' Aspekten der Erhaltung und Wandlung zurücktritt - vergleichbar mit dem hellenistischen Deus otiosus, dem 'müßigen Gott', der nach der Schöpfung in den Hintergrund tritt. Kabbalistisch entspricht Brahma der Sephira Chokmah ('Weisheit', männlich-aktive Schöpferkraft) oder dem höchsten Kether ('Krone'). Sein Vier-Köpfigkeit korrespondiert dem Tetragramm JHWH, der vierbuchstabigen Gottesnamen. Mehr Verbindungen unter Glossar-Hub und Trimurti.

Auch bekannt als

  • Brahmā
  • Prajapati
  • Pitamaha
  • Svayambhu
  • Chaturanana

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