Vishnu
Vishnu (Sanskrit Viṣṇu, 'der Alldurchdringende') ist einer der drei höchsten Götter des Hinduismus und der Bewahrer der Trimurti (mit Brahma dem Schöpfer und Shiva dem Zerstörer). Vishnu erhält das Universum, schützt das Dharma (kosmische Ordnung) und steigt in jeder Weltkrise als Avatara auf die Erde herab - zehn solcher Inkarnationen sind klassisch überliefert, darunter Krishna, Rama und der Buddha.
Mythos und Ursprung
Vishnu erscheint bereits im Rig-Veda (ab etwa 1500 v. Chr.), wo ihm allerdings nur fünf Hymnen gewidmet sind und er als kleinerer Solargott neben Indra erscheint. Sein zentraler Mythos in dieser Frühzeit ist der 'Dreischritt': Mit drei Schritten durchmisst er das ganze Universum - der erste Schritt die Erde, der zweite die Luft, der dritte den Himmel. Aus diesem dynamischen Bild entwickelte sich später seine kosmische Dimension. In den Puranas (besonders Vishnu Purana, etwa 4.-5. Jahrhundert n. Chr., und Bhagavata Purana, etwa 9.-10. Jahrhundert) wird Vishnu zum höchsten Gott des Vaishnavismus, der größten devotionalen Strömung des Hinduismus.
Vishnu wohnt im himmlischen Reich Vaikuntha mit seiner Gemahlin Lakshmi (Göttin des Wohlstands und des Glücks). Sein Reittier ist der Adlermensch Garuda. Zwischen den kosmischen Weltzeitaltern (Yugas) ruht Vishnu auf der unendlichen Schlange Ananta-Shesha ('der Ohne-Ende'), die auf dem Urmeer treibt. Aus seinem Nabel wächst dann eine Lotosblüte, in der Brahma sitzt und einen neuen Schöpfungszyklus beginnt. Dieses ikonische Bild des schlafenden Vishnu - Anantashayana - ist eines der berühmtesten Bildmotive des Hinduismus. Die zentralen Heiligtümer sind Tirupati (Andhra Pradesh), Sri Rangam (Tamil Nadu), Puri (Jagannath-Tempel) und Mathura (Krishnas Geburtsstadt).
Attribute und Avatare
Vishnus klassische vier Attribute, die er in seinen vier Händen hält, sind: das Sudarshana Chakra (Diskus mit 108 oder 1000 Speichen, kosmisches Rad der Zeit, ungeheuere Waffe); die Panchajanya (Muschelhorn aus dem Urmeer, Symbol des Klangs der Schöpfung, Bija-Mantra Om); die Kaumodaki (Streitkolben, Symbol von Macht und Wissen); und die Padma (Lotosblume, Symbol der reinen Schöpfung und Erleuchtung). Sein Körper ist blau-dunkel wie die Wolke vor dem Sturm oder das Meer. Er trägt eine Krone, das gelbe Gewand Pitambara, das heilige Halsband mit Kaustubha-Edelstein und den Vanamala-Blumenkranz. Vishnu wird als eindeutig schöne, jugendliche, königliche Gestalt dargestellt - im Gegensatz zum asketischen Shiva.
Die zehn klassischen Avatare (Dashavatara) sind: Matsya (Fisch, rettet die heiligen Schriften aus der Sintflut); Kurma (Schildkröte, trägt den Berg beim Quirlen des Milchozeans); Varaha (Eber, hebt die Erde aus dem Urmeer); Narasimha (Mann-Löwe, tötet den Dämon Hiranyakashipu); Vamana (Zwerg-Brahmane, der mit drei Schritten das Universum zurückerobert); Parashurama (Krieger-Brahmane mit Axt); Rama (Held des Ramayana, idealer König); Krishna (Hauptperson der Bhagavad Gita und des Mahabharata, kosmischer Liebhaber und Lehrer Arjunas); Buddha (in vielen Listen, eine Versöhnung mit dem Buddhismus); und Kalki (der zukünftige Avatar auf weißem Pferd am Ende des Kali-Yuga). Krishna und Rama sind die meistverehrten Avatare und werden oft selbst als höchster Gott betrachtet.
Im modernen Kontext
In der modernen Welt ist Vishnu durch den globalen Erfolg der Hare-Krishna-Bewegung (ISKCON, gegründet 1966 von Bhaktivedanta Swami Prabhupada) und ihre Krishna-Verehrung weltbekannt geworden. Die Bhagavad Gita ('Gesang des Erhabenen'), in der Krishna Arjuna belehrt, gehört zu den meistgelesenen religiösen Texten der Welt und wurde von Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi, Carl Gustav Jung und vielen anderen tief geschätzt. Der Vaishnavismus ist heute die größte hinduistische Strömung mit hunderten Millionen Anhängern. Vishnu-Symbole erscheinen in der westlichen Kunst (Anish Kapoor), Musik (George Harrison) und Yoga-Praxis. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Vishnu zugewiesen bekommt, lebt oft Berufungen der Bewahrung, des Schutzes, der hingebungsvollen Liebe (Bhakti).
Astrologisch wird Vishnu vor allem mit der Sonne (königliche Herrschaft, Lebenserhaltung) und mit Jupiter (Schutz, Dharma, Weisheit) verbunden. In der vedischen Astrologie (Jyotish) ist sein Wochentag der Donnerstag (Brihaspati-vara). Sein Bija-Mantra ist Om Namo Narayanaya. In den Yoga-Traditionen ist die Form der Padmasana (Lotussitz) auf Vishnus Lotos zurückzuführen, und seine Anantashayana-Pose inspiriert die Meditation in liegender Form (Savasana). Im Bhakti-Yoga ist Vishnu beziehungsweise Krishna das wichtigste Verehrungsziel.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Vishnu Der Herrscher (Arkanum IV) als kosmischer König und Erhalter; Die Welt (XXI) durch seinen alldurchdringenden Charakter; Der Magier (I) durch seine Beherrschung der vier Elemente (die vier Attribute in seinen Händen); und Das Rad des Schicksals (X) durch sein Sudarshana-Chakra, das die Zeit selbst symbolisiert. Sein Schlafen auf der Schlange Ananta entspricht der zeitlosen Pause zwischen den Schöpfungszyklen.
Jungianisch ist Vishnu der Archetypus des kosmischen Selbst und der göttlichen Königswürde. Heinrich Zimmer und Joseph Campbell sahen in den Avatara-Lehren eine tiefe Mythologie der zyklischen Wiederkehr: Wann immer das Dharma verfällt, kommt das Höchste in passender Form herab. Dies ist ein Prinzip, das mit den Inkarnationen Christi (Logos) Parallelen aufweist - und tatsächlich identifizierten manche frühen Indologen Christus mit einem Vishnu-Avatara. Kabbalistisch entspricht Vishnu der Sephira Tiphareth (Sonne, Schönheit, Herz, Christus-Bewusstsein) - sie steht im Zentrum des Lebensbaums wie Vishnu im Zentrum des Hindu-Pantheons. Mehr Verbindungen unter Glossar-Hub und Avatara.
Auch bekannt als
- Narayana
- Hari
- Madhava
- Janardana
- Govinda