Shiva
Shiva (Sanskrit Śiva, 'der Gnädige') ist einer der drei höchsten Götter des Hinduismus und Teil der Trimurti (mit Brahma dem Schöpfer und Vishnu dem Erhalter). Shiva ist der Zerstörer und Erneuerer, der große Asket auf dem Berg Kailash, der wilde Tänzer Nataraja, der schamanische Yogi mit Dreizack, Trommel und drittem Auge zwischen den Brauen. In der shivaitischen Tradition ist er das absolute Höchste.
Mythos und Ursprung
Shivas Wurzeln reichen außerordentlich tief zurück. Bereits in der Industal-Kultur (etwa 2600-1900 v. Chr.) findet sich auf dem berühmten Pashupati-Siegel aus Mohenjo-Daro eine yogische Figur mit Hörnern und umgebenden Tieren, die von vielen Archäologen als Proto-Shiva gedeutet wird. In den Veden (ältester Teil ab etwa 1500 v. Chr.) erscheint er als Rudra ('der Brüllende'), wilder Wettergott und Heiler, dem 1031 Hymnen des Rig-Veda gewidmet sind. Erst in den späteren Upanishaden und vor allem in den Puranas (4.-12. Jahrhundert) wird er zum kosmischen Höchsten Wesen entfaltet, dem die Shiva Purana, Linga Purana und viele Tantras gewidmet sind.
Shiva wohnt mit seiner Gemahlin Parvati (Inkarnation von Shakti) auf dem heiligen Berg Kailash im Himalaya. Seine beiden Söhne sind Ganesha (elefantenköpfig, Beseitiger von Hindernissen) und Kartikeya/Skanda (sechsköpfiger Kriegsgott). Shivas Reittier ist der weiße Stier Nandi, der vor jedem Shiva-Tempel als Wächter sitzt. Seine wichtigste Gemahlin in dunkler Form ist Kali beziehungsweise die schreckliche Aspekt-Form Bhairavi. Der heiligste Pilgerort ist Varanasi (Kashi), die Stadt am Ganges, wo Shiva als Vishvanatha (Herr des Universums) verehrt wird.
Attribute und Geschichten
Shivas Attribute sind reich und vielschichtig: das dritte Auge in der Mitte der Stirn, das durch seinen Blick alles verbrennen kann (so verbrannte er einst Kama, den Liebesgott); der Halbmond in seinen verfilzten Haaren; die Ganga (Ganges-Göttin), die aus seinen Locken zur Erde fließt; die Schlange Vasuki um seinen Hals; die Asche, mit der er seinen Körper bestreicht (Zeichen des Asketen); der Dreizack (Trishula); das Damaru-Trommelchen, mit dessen Rhythmus er die Welt erschafft; das Tigerfell, auf dem er sitzt; der blau angeschlagene Hals, weil er beim Quirlen des Milchozeans das Welt-Gift trank und es in seinem Hals festhielt - daher der Beiname Nilakantha (Blauhalsiger).
Berühmte Geschichten und Aspekte: Als Nataraja, kosmischer Tänzer, vollführt Shiva den Tandava-Tanz innerhalb eines Feuerkreises, sein Tanz erhält das Universum und am Ende vernichtet ihn. Die berühmte Bronzeskulptur aus dem 11. Jahrhundert (Chola-Dynastie) zeigt ihn auf dem Zwerg der Unwissenheit (Apasmara). Als Ardhanarishvara ist Shiva halb Mann, halb Frau (vereinigt mit Parvati) - Symbol der absoluten Einheit. Als Bhairava erscheint er furchterregend, in Lingam-Form (phallisches Symbol) wird er in fast allen Shiva-Tempeln verehrt. Die Maha Shivaratri (Große Shiva-Nacht), die im Februar/März gefeiert wird, ist eines der wichtigsten hinduistischen Feste, mit Fasten und nächtlichem Wachen.
Im modernen Kontext
Shiva ist in der globalen Yoga- und Spiritualitätsbewegung einer der populärsten Götter geworden. Das Hatha Yoga Pradipika (15. Jahrhundert) bezeichnet ihn als ersten Yogi (Adiyogi) - eine 34 Meter hohe Adiyogi-Statue wurde 2017 von Sadhguru im südindischen Coimbatore eingeweiht und ist das größte Buddha/Yogi-Standbild der Welt. In der Tantra-Tradition ist Shiva die Bewusstseinsseite des kosmischen Paares Shiva-Shakti, das die gesamte Wirklichkeit konstituiert. In der westlichen Aufnahme erscheint Shiva-Symbolik in Aldous Huxleys Die Pforten der Wahrnehmung (1954), im Beatles-Album Sgt. Pepper (1967, Indien-Phase), bei Carlos Castaneda und in der gesamten Hippie-Gegenkultur. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Shiva zugewiesen bekommt, lebt oft eine Spannung zwischen Asketentum und tantrischer Ekstase, zwischen Loslassen und Tanz.
Astrologisch wird Shiva traditionell mit Saturn (Asket, Tod, Strenge) und Mars (Zerstörung, Feuer) verbunden, in vedischer Astrologie auch mit dem Mond (sein Halbmond) und dem Tierkreis-Zeichen Skorpion (Transformation). Der Montag (Somavara) ist sein Tag, an dem Devotees Shiva-Pujas durchführen. Der Bija-Mantra Om Namah Shivaya ('Verehrung dem Shiva') ist eines der wichtigsten Mantras des Hinduismus und auch im westlichen Yoga sehr verbreitet. Auch in Bhakti-Yoga, Hatha-Yoga und Kundalini-Praktiken ist Shiva zentral.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Shiva mehreren Karten: Der Tod (Arkanum XIII) als Zerstörer und Erneuerer; Der Eremit (IX) als der große Asket auf dem Berg Kailash; Der Gehängte (XII) durch sein meditatives Stillsein; Die Welt (XXI) als Nataraja im kosmischen Tanz innerhalb des Feuerkreises - dieser Ring von Flammen entspricht direkt der ovalen Mandorla um die Welt-Karte; und Der Narr (0) durch sein Hinausgehen jenseits aller Form.
Jungianisch ist Shiva einer der reichsten Archetypen: zugleich Senex (alter weiser Mann), Wanderer, Trickster (in seiner ekstatischen Form), Tod-und-Wiedergeburt-Gott. Joseph Campbell sah in Shiva eine vollkommene Verkörperung des Heldenwegs jenseits der Heldenform. Heinrich Zimmer widmete Shiva ein klassisches Werk (Myths and Symbols in Indian Art and Civilization, 1946). Esoterisch wird Shivas Lingam als Symbol des kosmischen Bewusstseins, der Yoni (weibliches Symbol, in dem das Lingam steht) als kosmische Energie gedeutet - zusammen bilden sie die Polarität des Universums. Kabbalistisch entspricht Shiva am ehesten Binah (Saturn, Begrenzung) verbunden mit Kether (Krone, höchstes Bewusstsein). Mehr unter Glossar-Hub und Tantra.
Auch bekannt als
- Mahadeva
- Nataraja
- Bhairava
- Rudra
- Nilakantha