Mythologie

Kali

Kali (Sanskrit Kālī, 'die Schwarze' oder 'die Zeit') ist die hinduistische dunkle Göttin der Zeit, des Todes, der Auflösung und der ursprünglichen Mutter-Energie. Sie erscheint mit schwarzer oder dunkelblauer Haut, vier (oder zehn) Armen, heraushängender Zunge, einer Halskette aus 50 abgeschlagenen Köpfen und einem Rock aus abgetrennten Armen, tanzend auf dem liegenden Körper ihres Gemahls Shiva. Trotz ihres furchterregenden Aussehens ist sie für ihre Devotees die liebende Mutter Ma Kali.

Mythos und Ursprung

Kalis Wurzeln reichen tief in die vorvedische und außerveidische Indien-Tradition zurück. Möglicherweise haben sich ihr Kult und der einer dravidischen Muttergöttin der Industal-Kultur verbunden. Im Atharvaveda (etwa 1000 v. Chr.) erscheint Kali noch als personifizierte Flammenzunge des Feueropfers. Erst im Devi Mahatmya (etwa 5.-6. Jahrhundert n. Chr.), Teil der Markandeya Purana, erhält Kali ihre klassische Form: Aus der Stirn der Göttin Durga in der Schlacht gegen die Dämonen Chanda und Munda entspringt sie als furchtbare Verkörperung des Zorns. Weitere wichtige Quellen sind die Mahabhagavata Purana, das Kalika Purana und die zahlreichen tantrischen Texte des Bengalen-Tantra und der Shaktas.

Kali ist im Shaktismus eine der zehn Mahavidyas ('Großen Weisheiten') und gilt als höchste Form der weiblichen göttlichen Energie. Ihr Hauptkultort ist der berühmte Kalighat-Tempel in Kalkutta (Kolkata), nach dem die Stadt ihren Namen erhielt - eine der 51 Shaktipithas, der heiligen Orte, an denen Stücke von Satis (Shivas erster Frau) Leichnam fielen, als Shiva sie in seiner Trauer durch die Welten trug. Andere wichtige Kali-Tempel sind Dakshineswar bei Kolkata (wo der berühmte Mystiker Ramakrishna im 19. Jahrhundert lebte) und Kamakhya in Assam. In Bengalen ist sie die populärste Göttin überhaupt - mit jährlichen Kali Puja-Festen, oft am Neumondtag der Diwali-Zeit.

Attribute und Geschichten

Kalis Attribute sind voll von Symbolik: ihre schwarze Haut ist die Unendlichkeit jenseits aller Farben (wie das All vor der Schöpfung); ihre heraushängende Zunge drückt sowohl Scham nach dem Verzehr eines Dämonen-Sohns als auch ihren Blutdurst aus; ihre Halskette aus 50 Köpfen repräsentiert die 50 Buchstaben des Sanskrit-Alphabets - sie ist auch Göttin der Sprache, die Form auf das Bewusstsein aufbringt; ihr Rock aus abgetrennten Armen symbolisiert die Karma-Bindungen, die sie zerschneidet; ihre vier Arme halten ein Schwert (Vidya, das Karma-Bande durchtrennt), einen abgeschlagenen Dämonenkopf (das überwundene Ego), eine Schale für Blut, und eine segnende Geste (Abhaya-Mudra, Furchtlosigkeit).

Die berühmteste Geschichte: Im Kampf gegen den Dämon Raktabija ('Bluttropfen-Same') stellt sich heraus, dass aus jedem Tropfen seines Blutes, der zu Boden fällt, ein neuer Raktabija entsteht. Die Götter sind verzweifelt. Kali entsteht aus Durgas Zorn, fängt jeden Bluttropfen mit ihrer Zunge auf, verschlingt die ungezählten Raktabijas und beendet den Krieg. Im Rausch des Sieges tanzt sie dann so wild auf den Schlachtleichen, dass die Welt zu zerbrechen droht. Um sie zu beruhigen, legt sich Shiva ihr in den Weg. Als sie auf ihn tritt und seine erstarrte Schönheit erkennt, hängt sie beschämt die Zunge heraus - die ikonische Pose. Diese Geschichte erklärt sowohl ihre Wildheit als auch ihre Verbundenheit mit Shiva als ihrem Bewusstseinspol.

Im modernen Kontext

Kali ist in der modernen Welt eine der dynamischsten religiösen Figuren. Sri Ramakrishna Paramahamsa (1836-1886), der bengalische Mystiker, lebte sein ganzes Leben in tiefer Hingabe an Ma Kali und sah in ihr die liebende Mutter. Sein Schüler Vivekananda brachte den Kult nach 1893 in den Westen. Im 20. Jahrhundert wurde Kali zu einer Ikone des spirituellen Feminismus: Sie ist die unzähmbare, autonome, machtvolle Göttin, die nicht in patriarchale Strukturen passt. Mary Daly, Carol Christ und andere feministische Theologinnen haben sie aufgegriffen. In der zeitgenössischen Tantra-Bewegung, in der westlichen Wicca-Strömung der 'Dunklen Göttin', und auch in der Popkultur (etwa M.I.A.s Album Kala 2007) erscheint sie. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Kali zugewiesen bekommt, lebt oft eine Intensität des Wandels, der radikalen Befreiung, der Konfrontation mit dem Schatten.

Astrologisch verbindet sich Kali mit Pluto (Tod, Wandel, Tabu), Saturn (Zeit, Strenge, Schwarz), dem Skorpion (Tod, Sexualität, Transformation) und dem Ketu (Südknoten, spirituelle Befreiung). Ihr Bija-Mantra ist Krim oder das ausführlichere Om Krim Kalikaye Namaha. Ihr Tag ist die Amavasya (Neumond). Im modernen Bhakti-Yoga und in tantrischen Praktiken wird sie als Zerstörerin der Ego-Anhaftungen angerufen, als Mutter, die ihr Kind aus seinen Verstrickungen befreit, indem sie alles Falsche tötet. Die Kali-Yantra mit fünf konzentrischen Dreiecken ist eines der wichtigsten Meditationssymbole.

Symbolische Tiefe

Im Tarot entspricht Kali sehr klar Der Tod (Arkanum XIII) in seiner ursprünglichsten, unbeschönigten Form; Der Turm (XVI) durch ihre alles zertrümmernde Macht; Die Kraft (XI/VIII) durch ihre rohe weibliche Urkraft; und teilweise Die Hohepriesterin (II) als Hüterin geheimer Tantras. Manche Tarot-Decks (Daughters of the Moon, Motherpeace) zeigen Kali ausdrücklich auf der Tod-Karte oder einer ihr gewidmeten Karte.

Jungianisch ist Kali eine perfekte Verkörperung der terriblen Mutter (Erich Neumann, Die Große Mutter, 1956) - jene Seite des Mutterarchetypus, die zugleich verschlingt und gebärt, tötet und nährt. Sie zwingt das Bewusstsein, die Schatten und die Vergänglichkeit zu integrieren, die das oberflächliche Ego verdrängt. Marie-Louise von Franz arbeitete an Kali-Symbolen im Kontext von Märcheninterpretation und alchemistischer Nigredo. Kabbalistisch entspricht Kali der dunklen Seite von Binah (Saturn, Mutter, schwarzer Raum) oder den Qliphoth ('Schalen', dunkle Gegenwelt). Doch in den Shakta-Traditionen ist sie das absolute Höchste, jenseits aller Polaritäten von Licht und Schatten. Mehr Verbindungen unter Glossar-Hub und Dunkle Göttin.

Auch bekannt als

  • Kālī
  • Mahakali
  • Bhadrakali
  • Chamunda
  • Dakshina Kali

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