Tarot

Der Turm

Der Turm (Schlüssel XVI) ist die Karte des plötzlichen Einbruchs, der notwendigen Zerstörung falscher Strukturen und der Befreiung durch Schock. Im Rider-Waite-Smith-Deck schlägt ein Blitz in einen hohen Turm auf einem Felsen, eine Krone wird abgesprengt, zwei Figuren stürzen kopfüber heraus. Aus den Wolken regnen Yod-Funken — die zehn Sephiroth des kabbalistischen Lebensbaums. Was fällt, war nicht stabil; was bleibt, ist tragend.

Ursprung und Ikonographie

Im Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450 ist der Turm — wie der Teufel — nicht erhalten und möglicherweise später hinzugefügt. Im Tarot de Marseille des 17. Jahrhunderts heißt die Karte La Maison Dieu, „das Haus Gottes" — ein paradoxer Titel: Was fällt, ist eben das, was sich für ein Haus Gottes hielt. Ein Blitz aus heiterem Himmel zerbricht die Spitze eines Turms, zwei Figuren stürzen, bunte Tropfen regnen. Die Bildsprache verbindet sich historisch mit dem Turmbau zu Babel sowie mit mittelalterlichen Darstellungen der Höllenpforte.

A.E. Waite und Pamela Colman Smith behielten 1909 die Grundkomposition bei und intensivierten sie. Der Turm steht auf einer kahlen Felsspitze — er hat keine Verbindung zur Erde. Eine Krone wird durch den Blitz vom Dach gerissen, ein Hinweis darauf, dass eine falsche Autorität gestürzt wird. Die fallenden Figuren tragen königliche Kleidung. Die 22 Yod-Funken in der Luft entsprechen den 22 Großen Arkana selbst und den hebräischen Buchstaben. Crowley nannte die Karte 1944 im Thoth-Tarot The Tower und ergänzte das Auge des Horus über der Szene — die Beobachtung eines höheren Bewusstseins.

Aufrechte und umgekehrte Bedeutung

Aufrecht steht der Turm für plötzliche Erschütterungen, die etwas einreißen, was auf falschem Fundament gebaut war. Er ist nicht freundlich, aber er ist ehrlich. Er deutet auf Krisen, in denen ein lange überfälliger Zusammenbruch geschieht — eine Ehe, die nur noch durch Routine bestand, eine Karriere, die nicht zur Person passte, ein Selbstbild, das schon lange brüchig war. Was er zerstört, hätte ohnehin nicht getragen. Sein Geschenk ist die Klarheit nach dem Schlag — der Boden, der danach sichtbar wird, ist real.

Umgekehrt verschiebt sich die Energie ins Verzögerte oder ins innerlich Erlebte. Der umgekehrte Turm zeigt entweder eine Krise, die sich anbahnt, aber noch nicht ausgebrochen ist, oder einen inneren Zusammenbruch, der nach außen unsichtbar bleibt. Er kann auf eine vermiedene Wahrheit hinweisen oder auf jemanden, der noch versucht, einen einsturzgefährdeten Turm zu stützen. Die Einladung der Umkehrung ist, freiwillig zu lösen, was zu lösen ist — der Turm fällt entweder durch Bewusstsein oder durch Blitz, aber er fällt.

In Lesungen

Erscheint der Turm, ist eine Erschütterung im Spiel — oder bereits geschehen. In Liebesfragen kann er das plötzliche Ende einer Beziehung anzeigen oder eine Krise, durch die eine Verbindung sich grundlegend wandelt. Beruflich deutet er auf Kündigungen, Insolvenzen, Skandale oder unvorhergesehene Wendungen, die einen ganzen Lebensentwurf in Frage stellen. Spirituell verweist er auf den Moment, in dem ein lange gehegtes Glaubenssystem zusammenbricht und etwas Wahreres an seine Stelle tritt. Er fragt nicht nach Einverständnis — er fragt, ob du fähig bist, danach aufzustehen.

In Krisen-Spreads markiert er häufig den zentralen Wendepunkt. Lies ihn neben Der Teufel, dem er oft folgt, wenn freiwilliges Lösen versäumt wurde, oder neben Der Stern, der die Heilung nach dem Einsturz zeigt. Für Lebensumbrüche ist das Rider-Waite-Tarot wegen seiner präzisen Symbolik dicht; das Marseille-Tarot bewahrt mit dem Titel La Maison Dieu die theologische Dimension. Verwandte Übergangsthemen finden sich in der großen Arkana-Reihe.

Symbolische Tiefe

Numerologisch ist die Sechzehn die Reduktion zur Sieben (1+6=7) — der Turm ist somit eine erschütterte Form des Wagens; was der Wagen aufgebaut hat, prüft der Turm auf seine Wahrhaftigkeit. Astrologisch wird er Mars zugeordnet, dem Planeten der Aktion, der Energie und der Konfrontation. Im kabbalistischen Lebensbaum trägt er den Pfad Peh, der Netzach mit Hod verbindet — der Mund, der spricht und den Kelch der Selbsttäuschung umstößt.

Im biblischen Bildgedächtnis verbindet sich die Karte mit dem Turmbau zu Babel — der Hybris, die durch das Eingreifen einer höheren Ordnung gestürzt wird. Carl Gustav Jung sah in solchen plötzlichen Einbrüchen das Eintreten des Selbst in das Bewusstsein — meist als schmerzliche Erfahrung, die jedoch unausweichlich ist, wenn das Ich zu starr geworden ist. In Joseph Campbells Heldenreise entspricht der Turm der „Apotheose" oder dem ultimativen Test, der den Helden aus seinen letzten Verteidigungen herausreißt. Innerhalb der Großen Arkana öffnet er den Weg zu den drei Lichtkarten Stern, Mond und Sonne.

Auch bekannt als

  • La Maison Dieu
  • La Tour
  • The Tower
  • Schlüssel XVI
  • Das Haus Gottes

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