Tarot

Der Teufel

Der Teufel (Schlüssel XV) ist die Karte der Bindung, der Schattenarbeit und der bewussten Auseinandersetzung mit Trieb, Material und Sucht. Eine geflügelte, gehörnte Figur thront auf einem schwarzen Block, an dem ein nackter Mann und eine nackte Frau angekettet sind. Die Ketten hängen jedoch lose um ihren Hals — sie könnten sie abnehmen. Die Karte spricht weniger vom Bösen als von freiwilliger Selbsteinschränkung.

Ursprung und Ikonographie

Im Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450 ist die Teufelskarte nicht erhalten — möglicherweise wurde sie aus religiösen Gründen entfernt oder zerstört. Im Tarot de Marseille des 17. Jahrhunderts erscheint Le Diable mit Hörnern, Fledermausflügeln, Frauenbrüsten und einem Phallus — ein bewusst hybrides Wesen, das aus mittelalterlichen Sünden-Allegorien und alchemistischer Sinnbildlichkeit zusammengesetzt ist. Zwei kleinere Teufelchen sind an ihm angekettet. Die Bildsprache verweist auf die vices, die Laster, doch die Komposition ist bereits deutlich strukturiert wie eine Spiegelung der Liebenden-Karte.

A.E. Waite und Pamela Colman Smith verfeinerten 1909 diese Spiegelung. Die zwei Figuren unten sind klar als Adam und Eva nach dem Sündenfall lesbar, mit Schwänzen — der eine endet in einer Flamme, der andere in Trauben. Auf der Stirn des Teufels prangt ein umgekehrtes Pentagramm, in der linken Hand hält er eine brennende Fackel, die rechte ist im Geste des Magiers nach oben gerichtet — eine bewusste Karikatur. Crowley nannte die Karte 1944 im Thoth-Tarot ebenfalls The Devil und ordnete sie dem Steinbock zu, dem Tier des Pan, der lebensbejahenden Naturkraft.

Aufrechte und umgekehrte Bedeutung

Aufrecht steht der Teufel für Bindungen, die durch Begehren, Angst oder Materielles entstehen. Er ist die Karte der Sucht, der Obsession, der Co-Abhängigkeit, aber auch der gesunden Anerkennung der eigenen Triebnatur. Die lockeren Ketten zeigen: Du bleibst, weil du noch nicht hingesehen hast — nicht, weil du müsstest. Er ist nicht moralisch verurteilend; er macht sichtbar, was sonst verdrängt wird. In dieser Form ist er ein wichtiger Lehrer: Erst was wir sehen, können wir entscheiden. Er kann auch Sinnlichkeit, Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Schatten oder kreative Schwarzkraft bedeuten.

Umgekehrt zeigt die Karte den Beginn der Befreiung — oder die Tieflage einer Bindung, die langsam erkannt wird. Die umgekehrte Karte deutet auf das Lockern einer Sucht, auf Bewusstwerdung über manipulative Beziehungen oder darauf, dass jemand seine eigene Macht zurückgewinnt. Sie kann aber auch eine besonders verfestigte, unbewusste Struktur anzeigen, in der Befreiung erst beginnt. Die Einladung beider Lagen ist dieselbe: nicht zu kämpfen, sondern hinzusehen — die Ketten verschwinden nicht durch Anstrengung, sondern durch Erkennen.

In Lesungen

Erscheint der Teufel, lädt er zu unbestechlicher Selbstprüfung ein. In Liebesfragen kann er auf eine Beziehung deuten, die durch Sehnsucht, Sex oder Angst gehalten wird, oder umgekehrt auf eine starke, ehrliche körperliche Verbindung — der Kontext entscheidet. Beruflich verweist er auf finanzielle Abhängigkeiten, Verträge, die binden, oder auf Karrieren, die mehr aus Sicherheit als aus Berufung geführt werden. Spirituell zeigt er die Schattenseite, die nicht weggemeditiert werden kann, sondern integriert werden will.

In Selbsterkenntnis-Spreads gehört er häufig in die Position der „Schatten" oder der „verborgenen Dynamik". Lies ihn neben Die Liebenden, dessen ikonographische Spiegelung er ist, oder neben Der Turm, der oft auf ihn folgt, wenn die Bindung nicht freiwillig gelöst wird. Für ehrliche, gründliche Selbstarbeit eignet sich das Rider-Waite-Tarot; bei Beziehungsfragen mit Schattenanteilen das Liebes-Tarot. Verwandte Themen finden sich in der großen Arkana-Reihe.

Symbolische Tiefe

Numerologisch ist die Fünfzehn die Verdichtung der Sechs (1+5=6) — die Liebenden-Energie in ihrer schweren, materiellen Form. Astrologisch wird der Teufel dem Steinbock zugeordnet, einem Erdzeichen, das von Saturn regiert wird; er verkörpert die strenge Materie und das Lehrer-Gesicht der Begrenzung. Im kabbalistischen Lebensbaum trägt er den Pfad Ayin, der Tiphareth mit Hod verbindet — das Auge, das hinsieht, wo der Verstand sich abwenden möchte.

Carl Gustav Jung war einer der wenigen, die deutlich aussprachen, dass das Verdrängen des Schattens gefährlicher ist als seine Anerkennung. Der Teufel der Tarot-Tradition ist näher an seinem Schattenbegriff als an christlicher Dämonologie — er ist die Summe dessen, was nicht ins Selbstbild passt und gerade darum integriert werden muss. In Joseph Campbells Heldenreise entspricht er dem „Verführer", der Schwelle zur tiefsten inneren Konfrontation. Innerhalb der Großen Arkana ist er Voraussetzung für den befreienden Bruch des Turms.

Auch bekannt als

  • Le Diable
  • Il Diavolo
  • The Devil
  • Schlüssel XV
  • Der Schatten

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