Heimdall
Heimdall (altnordisch Heimdallr) ist der Wächter der Götter, Hüter der Regenbogenbrücke Bifröst und Stammvater der menschlichen Stände. Er hat ein schärferes Auge als alle anderen Götter, hört das Gras wachsen und die Wolle auf den Schafen, schläft weniger als ein Vogel und besitzt das goldene Horn Gjallarhorn, dessen Ruf am Ende der Zeit Ragnarök einleitet.
Mythos und Ursprung
Heimdalls Etymologie ist umstritten - vielleicht aus altnordisch heimr (Welt) und dallr (leuchtend), also 'Welt-Strahler', was ihn als Sonnengott und Lichtwesen kennzeichnen würde. Die wichtigsten Quellen sind die Lieder-Edda (vor allem Rígsþula, Þrymskviða, Völuspá) und die Prosa-Edda Snorri Sturlusons (um 1220). In der Völuspá wird er als 'heiliger Spross' bezeichnet. Snorri nennt ihn 'der weiße Ase', 'der größte und heiligste' und beschreibt seine geheimnisvolle Geburt: Heimdall wurde von neun Müttern geboren - neun Riesinnen, die nach gängiger Deutung die Wellen des Meeres oder die Wogen des Urmeeres verkörpern.
Heimdalls Wohnsitz ist Himinbjörg ('Himmelsberge'), eine Halle am Ende der Regenbogenbrücke Bifröst, die Asgard mit Midgard verbindet. Sein Vater ist Odin, seine Mütter sind die Töchter Aegirs - oder so wird es interpretiert. In der euhemeristischen Lesart der Rígsþula wandert Heimdall unter dem Namen Ríg durch Midgard und zeugt mit drei Frauen die drei Stände der menschlichen Gesellschaft: mit der alten Edda den Knechtsstand (Þræll), mit der mittleren Amma den Bauernstand (Karl), mit der edlen Móðir den Adelsstand (Jarl), aus dem schließlich der König entspringt. Damit ist Heimdall Stammvater der gesamten menschlichen Sozialordnung.
Attribute und Geschichten
Heimdalls wichtigste Attribute sind das Gjallarhorn ('lautes Horn'), dessen Ton in allen neun Welten zu hören ist und Ragnarök einleitet; sein Schwert, das im Kenningar oft 'Heimdalls Haupt' genannt wird, weil ein dunkler Mythos überliefert ist, demzufolge er einst von einem Mannskopf erschlagen wurde; sein Pferd Gulltoppr ('Goldmähne'); und seine geheimnisvollen Sinne: Er kann das Wachstum der Pflanzen und Wolle hören, weiter und schärfer sehen als alle anderen, Tag und Nacht gleich gut wachen. Seine goldenen Zähne haben ihm den Beinamen Gullintanni eingebracht. Er ist ein Lichtwesen mit weißer Aura.
Berühmte Geschichten: In der Þrymskviða ist es Heimdall, der den klugen Vorschlag macht, Thor als Braut zu verkleiden, um Mjölnir zurückzuholen. Heimdall gilt damit als Ratgeber der Asen. Im Skáldskaparmál wird ein verlorener Mythos angedeutet, in dem Heimdall und Loki in Robbengestalt um das geraubte Brisingamen Freyas kämpfen - daher heißen sich beide bittere Feinde. Bei Ragnarök bläst Heimdall das Gjallarhorn, das die Götter zum letzten Kampf weckt. Im Endkampf stehen sich Heimdall und Loki gegenüber - beide töten einander. Mit Heimdalls Tod endet die alte Weltordnung, doch sein Erbe lebt in den Menschen weiter, die er gezeugt hat.
Im modernen Kontext
In der modernen Rezeption ist Heimdall durch das Marvel Cinematic Universe stark bekannt: Idris Elba verkörpert ihn seit 2011 als allsehenden Wächter Asgards. In Wagners Ring hat er keine direkte Entsprechung, doch der Wächter-Topos taucht in mehreren Figuren auf. In Ásatrú wird er als Schutzpatron der Grenzwächter, Türsteher, Wachleute, aber auch der Soziologen und Genealogen angerufen. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Heimdall zugewiesen bekommt, hat oft besondere Sinneswahrnehmung, ist hellsichtig, hellhörig, lebt an Schwellen und bewacht Grenzen - im physischen wie im seelischen Sinne.
Astrologisch verbindet sich Heimdall mit Merkur (Bote, Wächter zwischen Welten) und der Sonne (Lichtwesen, Strahler). Der Planet Saturn findet wegen seiner Wächter-Funktion ebenfalls Anklang. Sein Zeichen ist die Jungfrau (Wachsamkeit, Präzision der Sinne) oder die Waage (Stand zwischen Welten). Bei den Runen wird er besonders mit Mannaz (Mensch, soziale Ordnung) verbunden, weil er die menschlichen Stände zeugte, und mit Dagaz (Tag, Licht). Auch in der modernen Schutzmagie wird sein Name in Schwellenritualen am Hauseingang angerufen.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Heimdall am ehesten Der Hierophant (Arkanum V) als Hüter heiliger Schwellen und Vermittler zwischen göttlicher und menschlicher Welt; Die Hohepriesterin (II) durch sein übersinnliches Wahrnehmen; Der Eremit (IX) durch seine wachsame Einsamkeit am Tor; und teilweise Das Gericht (XX), denn sein Horn bläst das Endgericht aller Welten ein.
Jungianisch ist Heimdall der Archetypus des Wächters der Schwelle, eine Figur, die in C. G. Jungs Psychologie und in den Tiefenmythen vieler Kulturen erscheint - der Cerberus der Griechen, der Anubis der Ägypter, der Erzengel an den Toren. Er repräsentiert die liminale Bewusstseinsfunktion, die Achtsamkeit, die Welten unterscheidet, ohne sie zu trennen. Kabbalistisch lässt sich Heimdall der Sephira Yesod (Fundament, Schwelle, Mond) zuordnen, mit Anklängen an Daath (verborgener Übergang). Sein Horn ist verwandt mit dem jüdischen Schofar - beide kündigen das Ende und den Neuanfang an. Mehr Verbindungen unter Glossar-Hub und Schwelle.
Auch bekannt als
- Heimdallr
- Rígr
- Gullintanni
- Hallinskíði
- Weißer Ase