Ragnarök
Ragnarök (altnordisch Ragnarǫk, 'Schicksal der Götter', oft missverstanden als Ragnarøkkr, 'Götterdämmerung') ist die endzeitliche kosmische Schlacht der nordischen Mythologie, bei der Götter, Riesen, Menschen und Ungeheuer einander gegenseitig vernichten, die Welt versinkt und aus dem Chaos eine erneuerte Welt aufsteigt. Wagner machte den Begriff als Götterdämmerung weltberühmt, und Tolkien gestaltete daraus seine eigene Endzeit-Vision.
Mythos und Ursprung
Die wichtigste Quelle für Ragnarök ist das eddische Gedicht Völuspá ('Weissagung der Seherin'), eines der ältesten und tiefsten Werke der nordischen Literatur, verfasst vermutlich um 1000 n. Chr. in Island. Eine namenlose Völva (Seherin) erzählt darin Odin die ganze Weltgeschichte von der Schöpfung bis zum Untergang und der Wiedergeburt. Snorri Sturluson fasste den Mythos in seiner Prosa-Edda (um 1220) systematisch zusammen. Ergänzende Quellen sind die Vafthrudnismal und einzelne Skaldengedichte. Das Wort ragnarǫk bedeutet wörtlich 'Schicksal der Mächte' (regin = Mächte, Götter; rǫk = Schicksal, Ursprung), während ragnarøkkr ('Dämmerung der Mächte') vermutlich auf eine Verlesung Snorris zurückgeht.
Religionsgeschichtlich ist Ragnarök eine eschatologische Vision, die Parallelen zur iranischen Zoroastrik (Frashokereti), zur jüdisch-christlichen Apokalypse und zum hinduistischen Kali Yuga aufweist. Manche Forscher (Axel Olrik, 1902) sahen christliche Einflüsse, andere (Georges Dumézil, 1959) verteidigten die indogermanische Eigenständigkeit des Mythos. Die Schöpfungs- und Untergangsvision in der Völuspá hat eine außergewöhnliche dichterische Kraft und gehört zu den großen religiösen Texten der Menschheit. Im modernen Bewusstsein ist Ragnarök zum Symbol jeder zivilisatorischen Krise geworden - vom Atomkrieg über Klimakatastrophen bis zur persönlichen Lebensschwelle.
Vorzeichen und Schlachtverlauf
Ragnarök kündigt sich durch eine Reihe von Vorzeichen an, die in der Völuspá in dichter Folge geschildert werden. Zuerst kommt der Fimbulwinter: drei aufeinanderfolgende Winter ohne Sommer dazwischen, eine eiskalte, finstere Zeit. Familien zerbrechen, Brüder bekämpfen einander, alle Bande zerreißen - 'Zeit der Beile, Zeit der Schwerter, Zeit der Wölfe, ehe die Welt versinkt'. Die Sonnenwölfe Sköll und Hati verschlingen Sonne und Mond. Yggdrasil bebt. Loki reißt seine Fesseln, sein Sohn Fenrir auch. Die Midgardschlange Jörmungandr wälzt sich an Land und vergiftet Luft und Meer. Das Schiff Naglfar, aus den Nägeln der Toten gebaut, sticht in See. Heimdall bläst das Gjallarhorn.
Die Schlacht auf der Ebene Vígríðr ist ein gewaltiges Sterben: Odin kämpft mit Fenrir und wird verschlungen - sein Sohn Vidar rächt ihn, indem er dem Wolf das Maul aufreißt. Thor tötet Jörmungandr, geht neun Schritte und stirbt am Gift. Tyr kämpft gegen den Höllenhund Garm - beide fallen. Heimdall und Loki vernichten einander. Freyr stirbt vom Feuerschwert des Surtr, weil er sein eigenes Schwert einst Skirnir geschenkt hatte. Schließlich entfacht der Riese Surtr das Weltenfeuer, das alles verzehrt. Die Erde versinkt im Meer. Aber dies ist nicht das Ende: Aus dem Wasser steigt eine neue Erde, grün und schön, das überlebende Menschenpaar Líf und Lífþrasir tritt aus Yggdrasil, Baldr kehrt aus Helheim zurück, und die jungen Götter (Vidar, Vali, Modi, Magni) bevölkern Asgard neu. Mehr unter Yggdrasil.
Im modernen Kontext
Ragnarök ist eines der einflussreichsten apokalyptischen Bilder der modernen Kultur. Richard Wagners Götterdämmerung (1876), Teil der Tetralogie Ring des Nibelungen, kulminiert in einer Götterdämmerung, die Wagner aus der Völuspá und dem Nibelungenlied destillierte. J. R. R. Tolkiens Schlacht der fünf Heere und der gesamte Kosmos seiner Mythologie sind tief von Ragnarök inspiriert. Im Marvel Cinematic Universe wurde Thor: Ragnarök (2017) ein Welterfolg. Die Comicfiguren der Bücher von Joanne Harris (Runemarks) und Neil Gaiman (Nordische Mythen) reanimieren den Stoff. In der modernen Asatru ist Ragnarök umstritten - manche deuten es buchstäblich als kommende Krise, andere als kosmischen Zyklus, andere als persönliche Initiation.
Astrologisch entspricht Ragnarök den großen Transiten von Pluto (Tod und Wiedergeburt), Uranus (Umsturz, Schock) und Saturn (Endlichkeit, Strenge), insbesondere ihren Konjunktionen und Quadraten. Die Pluto-Saturn-Konjunktion 2020 wurde von vielen astrologischen Autoren als 'Ragnarök-Moment' der modernen Welt interpretiert. Der Übergang ins Wassermann-Zeitalter wird in ähnlicher Sprache beschrieben. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Ragnarök-Energien zugewiesen bekommt, lebt oft an Schwellen, in zyklischen Umbrüchen, und erkennt Krisen als initiatische Tore zur Wiedergeburt.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Ragnarök Der Turm (Arkanum XVI) durch den katastrophischen Zusammenbruch alter Strukturen; Das Gericht (XX) durch Heimdalls Hornruf und die kosmische Abrechnung; Der Tod (XIII) durch die unausweichliche Transformation; und schließlich Die Welt (XXI) durch die erneuerte, geheilte Wirklichkeit, die aus der Asche aufsteigt. Die Ragnarök-Sequenz spiegelt damit die letzten Karten des Tarot-Hauptweges.
Jungianisch ist Ragnarök ein Symbol der kollektiven Individuation, der Auflösung überholter Ego-Strukturen, damit das Selbst sich erneuern kann. C. G. Jung sah in seinem Aufsatz Wotan (1936) und in Aion (1951) die archetypische Wiederkehr solcher Phasen voraus. Mircea Eliade analysierte den 'ewigen Wiederkehr'-Mythos als universellen religiösen Topos: Die Welt muss zyklisch zerstört werden, um ihre Ursprungskraft zurückzugewinnen. Kabbalistisch entspricht Ragnarök dem Schevirat ha-Kelim, dem Bruch der Gefäße in der lurianischen Kabbala - dem kosmischen Trauma, das paradoxerweise die Schöpfung erst vollendet. Mehr Verbindungen unter Glossar-Hub und Apokalypse.
Auch bekannt als
- Ragnarǫk
- Götterdämmerung
- Schicksal der Götter
- Aldar rök
- Untergang der Asen