Tyr
Tyr (altnordisch Týr, althochdeutsch Ziu, angelsächsisch Tīw) ist der nordische Gott des Rechts, des gerechten Krieges, des Eids, der Versammlung (Thing) und des Mutes. Er opferte seine rechte Hand, um den Wolf Fenrir zu fesseln - eine Tat, die ihn zum Inbegriff des selbstlosen Heroismus und der unbedingten Wahrhaftigkeit machte. Der Wochentag Dienstag (englisch Tuesday) trägt seinen Namen, lateinisch dies Martis.
Mythos und Ursprung
Tyrs Wurzeln liegen ungewöhnlich tief: Er ist sprachlich identisch mit dem griechischen Zeus, dem römischen Jupiter, dem vedischen Dyaus Pitar - alle gehen auf das indoeuropäische *Dyeus ('leuchtender Himmel, Vater') zurück. Damit war Tyr ursprünglich vermutlich der höchste Himmelsvater der Germanen, bevor Odin in der späteren Wikingerzeit (ab dem 6. Jahrhundert) seine Stellung übernahm. Tacitus identifiziert ihn um 98 n. Chr. mit Mars Thingsus, dem Versammlungs-Mars. Die zentrale Quelle ist Snorri Sturlusons Prosa-Edda (um 1220), ergänzt durch die Lieder-Edda (Hymiskviða, Lokasenna).
Snorri beschreibt Tyr als 'kühnsten und tapfersten' der Asen, der den Sieg im Kampf entscheidet, und nennt ihn auch 'einhändigen Ase'. Über Tyrs Herkunft schwanken die Quellen: In der Hymiskviða ist sein Vater der Riese Hymir, in anderen Texten Odin selbst. Sein Heiligtum war das öffentliche Thing, die germanische Volksversammlung - er war damit Schutzgott des Rechtswesens und der Eidleistung. Sein Name lebt fort im Namen vieler germanischer Orte (Dienstedt, Ziolling, Tysnes in Norwegen, Tisvilde in Dänemark). Die Rune Tiwaz (T) ist ihm geweiht und steht für Gerechtigkeit, Mut und siegreichen Kampf.
Attribute und Geschichten
Tyrs wichtigstes Attribut ist seine fehlende rechte Hand, die er beim Binden des Fenrirwolfs verlor. Die Geschichte wird in Snorris Gylfaginning erzählt: Die Asen wollten den heranwachsenden Wolf, der eines Tages Odin verschlingen sollte, fesseln. Zweimal entkam er normalen Ketten. Schließlich schmiedeten die Zwerge die magische Fessel Gleipnir aus dem Geräusch der Katzenpfoten, dem Bart der Frauen, den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel - sechs unmögliche Dinge. Fenrir misstraute der zarten Schnur und verlangte, dass einer der Götter seine Hand als Pfand in seinen Rachen lege. Nur Tyr wagte es. Als der Wolf merkte, dass er gefesselt war, biss er Tyrs Hand ab.
Weitere Geschichten: In der Hymiskviða fährt Tyr mit Thor zu seinem Vater Hymir, um den großen Braukessel zu holen. In Lokasenna beleidigt Loki Tyr als 'einhändig', worauf Tyr ruhig erwidert: 'Ich habe eine Hand verloren, du den lobenswerten Hrodvitnir (Fenrir).' Tyrs Selbstbeherrschung wird hier ikonisch. Bei Ragnarök kämpft Tyr gegen den Höllenhund Garm, der vor der Höhle Gnipahellir bellt - beide töten sich gegenseitig. Tyr verkörpert das Prinzip, dass wahre Gerechtigkeit immer ein Opfer fordert: Wer den Wolf binden will, muss bereit sein, einen Teil von sich zu geben.
Im modernen Kontext
In der modernen Asatru und im germanischen Neopaganismus ist Tyr der Gott, der von Juristen, Soldaten, Polizisten, Schiedsrichtern und allen Berufen angerufen wird, die Gerechtigkeit, Eidestreue und Mut erfordern. Auch in der Runenmagie ist seine Rune Tiwaz eine der häufigsten Bind-Runen für Sieg, klares Urteil und ehrenhaften Streit. In Wagners Ring taucht er nicht direkt auf, doch viele Tyr-Motive (Eidbruch, Vertragsstrenge) sind in Wotan eingeflossen. Der Komponist Richard Wagner kannte den Mythos durch die Eddaforschung des 19. Jahrhunderts. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Tyr zugewiesen bekommt, ist meist ein Mensch der Prinzipien, der Verträge, der Gerechtigkeit - bereit, dafür einen Preis zu zahlen.
Astrologisch entspricht Tyr dem Mars in seiner edlen, gerechten Dimension (nicht im Sinne blinder Aggression, sondern als ritterlicher Schutz und gerechte Strenge). Sein Tag ist der Dienstag - Mardi auf Französisch, Tuesday auf Englisch, beides aus seinem Namen abgeleitet. Astrologisch verbindet er sich mit dem Widder (Kampfmut) und der Waage (Gerechtigkeit). Auch das Zeichen Jupiter-Saturn-Konjunktion (Gesetz und Strenge) trägt seine Signatur. Im Tarot-Workshop für mutige Entscheidungen ist Tyr eine wichtige meditative Figur. Mehr unter Glossar-Hub.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Tyr eindeutig Die Gerechtigkeit (Arkanum XI oder VIII, je nach Tradition) durch sein Eintreten für Recht, Eid und gerechtes Urteil. Daneben verkörpert er Der Gehängte (XII) im Sinne des freiwilligen Opfers für ein höheres Ziel und teilweise Die Kraft (XI/VIII) durch die innere Beherrschung, die sein Handeln auszeichnet. Sein fehlende Hand erinnert an viele alte Mythen vom geopferten Körperteil (Odins Auge, Bran der Gesegnete, der heilige Lugh), das ein höheres Wissen oder eine höhere Bindung ermöglicht.
Jungianisch ist Tyr der Archetypus des edlen Helden oder des Senex in seiner gerechten Strenge. Er steht für das integre Erwachsenenbewusstsein, das bereit ist, persönliche Bequemlichkeit für das Gemeinwohl zu opfern. Sein Mythos lehrt: Ohne Verlust kein Gewinn, ohne Opfer keine Bindung des Chaos. Kabbalistisch entspricht er der Sephira Geburah (Mars, Strenge, Gericht). In der modernen männlichen Initiationsarbeit (Robert Bly, James Hillman) ist Tyr der Gott, der die schwierige Reife des Opfers lehrt. Mehr Verbindungen unter Initiation und Glossar-Hub.
Auch bekannt als
- Ziu
- Tiw
- Tiwaz
- Einhändiger Ase
- Mars Thingsus