Mythologie

Yggdrasil

Yggdrasil (altnordisch Yggdrasill) ist die kosmische Weltenesche der nordischen Mythologie - der Weltbaum, der mit drei Wurzeln und unermesslicher Krone die neun Welten verbindet und das gesamte Universum durchwirkt. Sein Name bedeutet wörtlich 'Pferd des Yggr', wobei Yggr ('der Schreckliche') ein Beiname Odins ist - der Baum war Odins Galgen, als er sich neun Nächte lang opferte, um die Runen zu erlangen.

Mythos und Ursprung

Die Vorstellung eines Weltbaums ist nicht spezifisch nordisch, sondern ein Universaltyp der eurasischen Mythologien - vergleichbar mit dem hinduistischen Aśvattha-Baum in der Bhagavad Gita, dem mesopotamischen Kiskanu, dem sibirischen Schamanenbaum, dem keltischen Bile, dem hebräischen Etz Chayim. Die spezifisch germanische Form Yggdrasils ist in den Lieder-Edda-Texten Völuspá, Grímnismál, Hávamál und in der Prosa-Edda Snorri Sturlusons (um 1220) ausführlich beschrieben. Schon Tacitus erwähnt um 98 n. Chr. heilige Bäume und Haine der Germanen, und der Missionar Bonifatius fällte 723 die berühmte Donareiche von Geismar - ein Vorgängerritual gegen den heidnischen Weltbaumkult.

Yggdrasil wird in der Grímnismál als immergrüne Esche beschrieben (manche Forscher vermuten allerdings eine Eibe, da Eschen keine immergrünen Bäume sind). Sein Wipfel reicht in den Himmel über Asgard, seine drei Wurzeln führen in drei verschiedene Welten: Eine zu den Asen (oder zur Quelle der Schicksalsnornen Urd), eine zu den Reifriesen (zur Brunnen Mimirs, der Weisheitsquelle), eine nach Hel-Helheim (zur Quelle Hvergelmir, wo die Drache Nidhögg an den Wurzeln nagt). Der Baum trägt vier Hirsche, einen Adler in der Krone, ein Eichhörnchen Ratatöskr, das zwischen Adler und Drache Streitbotschaften überträgt, und eine Schlange unten.

Attribute und Geschichten

Yggdrasil verbindet die neun Welten der nordischen Kosmologie. Sie sind: Asgard (Welt der Asen, der Hauptgötter); Vanaheim (Welt der Wanen, der Fruchtbarkeitsgötter); Alfheim (Welt der Lichtelben); Midgard (Welt der Menschen); Jötunheim (Welt der Riesen); Svartalfheim oder Nidavellir (Welt der Schwarzelben und Zwerge); Niflheim (Welt des Nebels und Eises); Muspellsheim (Welt des Feuers, vor der Schöpfung); Helheim (Welt der Toten). Verbunden werden manche durch die Regenbogenbrücke Bifröst, die Heimdall bewacht. An den Wurzeln sitzen die drei Nornen Urd (Vergangenheit), Verdandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft) und weben die Schicksalsfäden, sie begießen den Baum täglich mit Wasser und weißem Lehm.

Yggdrasils wichtigste Geschichten: In der Hávamál erzählt Odin selbst, wie er neun Nächte am vom Wind durchwehten Baum hing, sich mit dem Speer verwundete, sich Odin selbst opferte - bis er nach unten in den Abgrund blickte, die Runen aufnahm und mit einem Schrei zurückfiel. Dies ist eine der tiefsten Selbstopferungsmythen der Weltmythologie und ähnelt der Kreuzigung. Im Vorfeld von Ragnarök erbebt Yggdrasil und ächzt - der Baum stirbt fast, doch er übersteht die Endschlacht. Aus seinem Stamm bergen sich das Menschenpaar Líf und Lífþrasir und überleben Ragnarök, um die erneuerte Welt zu bevölkern. Der Baum ist somit auch Garant der kosmischen Kontinuität.

Im modernen Kontext

Yggdrasil ist zu einem der ikonischsten Symbole der nordischen Mythologie geworden. In Wagners Ring ist die Weltesche, aus deren Holz Wotan seinen Speer schnitt, ein zentrales Symbol. J. R. R. Tolkien verarbeitete den Weltbaumtyp in den Zwei Bäumen von Valinor und im Weißen Baum von Gondor. Marvel zeigt Yggdrasil als kosmischen Hintergrund Asgards. In der modernen Esoterik, im germanischen Neopaganismus und in der Naturspiritualität ist Yggdrasil ein zentrales Meditationssymbol. Praktizierende der Seiðr-Magie und schamanischen Trance reisen mental entlang des Baumes durch die Welten. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit mit Yggdrasil-Symbolen arbeitet, sucht oft die Verbindung zu allen Lebensebenen und ein kosmisches Zentrum.

Astrologisch wird Yggdrasil mit der vertikalen Weltachse, der Axis Mundi, identifiziert und damit symbolisch mit dem Medium Coeli verbunden, der Vertikalen des Horoskops. Sein dreifaches Wurzelsystem entspricht den drei astrologischen Kreuzen (kardinal, fix, beweglich) oder den drei Welten der hermetischen Tradition. Die Runen Eihwaz (Eibe) und Berkano (Birke) sind als Baum-Runen mit ihm verknüpft. In der Wicca- und Druiden-Bewegung wird Yggdrasil oft mit dem keltischen Weltenbaum (Bile) und dem kabbalistischen Etz Chayim (Lebensbaum) parallelisiert. Mehr unter Lebensbaum.

Symbolische Tiefe

Im Tarot entspricht Yggdrasil Die Welt (Arkanum XXI) als kosmischer Ganzheit und Vollendung; Der Gehängte (XII) durch Odins Selbstopfer am Baum; Das Rad des Schicksals (X) durch die Nornen, die an seinen Wurzeln weben; und teilweise Die Sterne (XVII) durch die kosmische Verbindung aller Welten. Yggdrasil ist nicht eine einzelne Karte, sondern eher die Struktur des gesamten Tarot, dessen 22 Großen Arkana eine Reise durch die Welten beschreiben.

Jungianisch ist Yggdrasil eines der reinsten Mandala-Symbole - die Axis Mundi, das Selbst, das alle Gegensätze enthält. C. G. Jung widmete dem Baum-Archetyp eine ganze Studie (Der philosophische Baum, 1945). Mircea Eliade analysierte ihn in Schamanismus und archaische Ekstasetechnik (1951) als universelles Schamanen-Symbol. Kabbalistisch entspricht Yggdrasil dem Etz Chayim, dem Baum des Lebens mit seinen zehn Sephiroth und 22 Pfaden - die Parallelen sind frappierend: drei Wurzeln, drei Säulen, neun Welten, neun Sephiroth (ohne Daath), Selbstopferung am Baum (Christus), Schlange unten, Adler oben. Mehr unter Glossar-Hub und Axis Mundi.

Auch bekannt als

  • Yggdrasill
  • Weltenesche
  • Lärad
  • Mimameid
  • Weltbaum

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