Odin
Odin (altnordisch Óðinn, althochdeutsch Wuotan, angelsächsisch Wōden) ist der Allvater und höchste Gott der nordischen Mythologie, Herr der Asen, Gott der Weisheit, der Dichtkunst, der Magie, des Krieges und der Toten. Er reitet das achtbeinige Pferd Sleipnir, trägt den Speer Gungnir und sitzt auf dem Thron Hlidskjalf, von dem aus er alle neun Welten der Weltenesche Yggdrasil überblickt.
Mythos und Ursprung
Odins Wurzeln reichen bis in die germanische Vorzeit. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus identifiziert ihn um 98 n. Chr. in seiner Germania mit Merkur als höchsten Gott der germanischen Stämme. Aus dem westgermanischen Wōdanaz entwickelten sich Wotan, Woden und Odin. Die wichtigsten Quellen sind die Lieder-Edda (Sammlung anonymer Götterlieder, niedergeschrieben um 1270 in Island) und die Prosa-Edda des isländischen Gelehrten Snorri Sturluson (um 1220). Ergänzt werden sie durch die Ynglinga-Saga, in der Snorri Odin euhemeristisch als legendären Stammvater der schwedischen Könige darstellt.
Der Mythos erzählt, dass Odin gemeinsam mit seinen Brüdern Vili und Ve den Urriesen Ymir tötete und aus dessen Körper die Welt erschuf: aus Fleisch die Erde, aus Knochen die Berge, aus Blut die Meere, aus Schädel den Himmel. Odin opferte sich selbst, indem er neun Nächte mit seinem Speer durchbohrt am Weltenbaum hing, um die Runen zu empfangen - ein Mythos, der in den Hávamál (Sprüche des Hohen) überliefert ist und tiefe schamanische Wurzeln verrät. Mehr zur Schrift findest du unter Runen.
Attribute und Geschichten
Odins Attribute sind Gungnir, der nie sein Ziel verfehlende Speer, der Goldring Draupnir, aus dem jede neunte Nacht acht weitere Ringe tropfen, das achtbeinige Ross Sleipnir, das er von Loki als Fohlen erhielt, sowie die zwei Raben Huginn (Gedanke) und Muninn (Erinnerung), die täglich um die Welt fliegen und Nachrichten bringen. Die Wölfe Geri und Freki begleiten ihn. Er trägt einen breiten Hut und einen blauen Mantel und ist einäugig, weil er sein zweites Auge in den Brunnen Mimirs opferte, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken.
Berühmte Geschichten: Odin stiehlt in Adlergestalt den Skaldenmet, den Honigwein der Dichtkunst, vom Riesen Suttung und schenkt ihn den Menschen. Er wandert oft inkognito als grauer Pilger durch die Welt und stellt Helden Rätsel - so im Vafthrudnismal. Er gründet Walhalla, wo seine Walküren die im Kampf gefallenen Krieger (Einherjar) sammeln, die zu seinem Heer für die Endzeitschlacht Ragnarök ausgebildet werden. Bei dieser kosmischen Schlacht wird Odin vom Wolf Fenrir verschlungen - sein Sohn Vidar rächt ihn. Seine Gemahlin ist Frigg, seine Söhne sind Thor, Baldr, Vidar und Vali.
Im modernen Kontext
Die moderne Rezeption Odins ist überwältigend: Richard Wagners Ring des Nibelungen (1876) machte ihn als Wotan zur Hauptfigur der Operndichtung. J. R. R. Tolkien gestaltete Gandalf nach dem wandernden Odin als grauen Pilger mit Stab, Hut und Mantel. Im Marvel Cinematic Universe verkörpert Anthony Hopkins seit 2011 einen majestätischen Allvater. Auch in der germanisch-heidnischen Neureligion (Ásatrú, anerkannt in Island seit 1973) ist Odin Hauptgottheit. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Odin zugewiesen bekommt, sucht oft Weisheit durch Opfer, Erkenntnis durch Wandel und Erfahrung durch Grenzgang.
Astrologisch wird Odin traditionell mit Merkur (Bote, Wanderer, Magier) verbunden - daher der Wochentag Wednesday (Wodans Tag, lateinisch dies Mercurii). Zugleich trägt er jupiterhafte und saturnische Züge: Königswürde, Tiefe, Tod. Der Mittwoch ist sein Tag. Der Asteroid Odin (Nr. 3989) wurde 1986 entdeckt. In der schamanischen Praxis ist sein neuntägiges Selbstopfer ein Modell der initiatischen Reise durch Krisen, Schmerz und Wiedergeburt zur Erkenntnis.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Odin mehreren Karten: Der Gehängte (Arkanum XII) durch sein Hängen am Weltenbaum als Bild des freiwilligen Opfers und initiatischen Stillstands; Der Eremit (IX) als wandernder Weiser mit Stab; Der Magier (I) durch seine Beherrschung der Runen und Galdr-Lieder. Sein einziges Auge erinnert an das Symbol der höheren Schau.
Esoterisch sah C. G. Jung in Odin den Archetypus des deutschen kollektiven Unbewussten - in seinem berühmten Aufsatz Wotan (1936) warnte er vor dessen Wiedererwachen. Jungian gesehen ist Odin der weise alte Mann, doch zugleich der ekstatische Schamane und der Trickster - eine Spannung, die ihn psychologisch faszinierend macht. Kabbalistisch lässt er sich der Sephira Chokmah (Weisheit) zuordnen oder dem oberen Daath als Brücke zwischen Bewusstsein und Abgrund. Mehr unter Glossar-Hub und Schamanismus.
Auch bekannt als
- Wotan
- Wuotan
- Wōden
- Allvater
- Hangagud