Mythologie

Ma'at

Ma'at ist die ägyptische Göttin und zugleich das kosmische Prinzip der Wahrheit, Gerechtigkeit, Harmonie und Weltordnung. Sie ist die Tochter des Ra und die Feder, gegen die im Totengericht das Herz des Verstorbenen gewogen wird. Ohne sie würde das Universum ins Chaos (Isfet) zurückfallen. Jeder Pharao regierte mit dem Versprechen, Ma'at aufrechtzuerhalten.

Mythos und Ursprung

Ma'at ist bereits in den Pyramidentexten (etwa 2400 bis 2300 v. Chr.) als kosmisches Prinzip präsent. Ihr Name (m3ʿt) bedeutet wörtlich 'Wahrheit', 'Recht', 'Ordnung', 'Gleichmaß'. Sie wurde aus dem ersten Atem des Ra geboren, als er sich aus den Wassern des Urozeans Nun erhob. Mit ihrer Geburt wurde der Kosmos vom Chaos geschieden. Ihr Gemahl ist Thoth, mit dem sie zusammen in der Sonnenbarke fährt: er als Wort und Wissen, sie als Wahrheit und Ordnung.

Im Totenbuch (etwa 1550 v. Chr.) erscheint Ma'at vor allem im Kapitel 125, dem berühmten negativen Beichtspiegel (auch Bekenntnis vor den 42 Richtern). Der Verstorbene tritt in die Halle der zwei Wahrheiten und spricht zu jedem der 42 Richter: 'Ich habe nicht gemordet, ich habe nicht gestohlen, ich habe nicht gelogen, ich habe nicht das Maß gefälscht, ich habe nicht den Hungernden das Brot verweigert...' Auf der Waage liegt sein Herz auf der einen Schale, die Feder der Ma'at auf der anderen. Wenn das Herz nicht schwerer als die Feder ist, gilt der Verstorbene als gerechtfertigt (maa-cheru) und darf in die Aaru-Felder eingehen.

Attribute und Geschichten

Ma'ats Attribute sind die Straußenfeder auf ihrem Kopf, das Anch-Zeichen, das Was-Zepter und die Waage. Sie wird als schlanke Frau mit ausgestreckten geflügelten Armen dargestellt. Kleine Ma'at-Figürchen mit der Feder wurden in den Händen der Mumien hochgehoben oder als Hieroglyphe (eine flache Bank, auf der die Götter sitzen) in königlichen Inschriften verwendet. Jeder Pharao trug auf seinen Schultern symbolisch das Gewicht der Ma'at und musste sie täglich 'Ra darreichen' - eine Schlüsselszene in unzähligen Tempelreliefs zeigt den König, der eine kleine Ma'at-Statue zum Sonnengott hochhält.

Ma'at war keine bloße abstrakte Idee, sondern das täglich gelebte Ethos der ägyptischen Hochkultur. Die Weisheitslehre des Ptahhotep (Altes Reich, etwa 2400 v. Chr.) und andere Lehrschriften (Merikare, Amenemope) lehrten Beamte und Schreiber, nach Ma'at zu handeln: Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit, Mildtätigkeit, Gerechtigkeit gegenüber Witwen, Waisen und Armen, das richtige Maß (weni) in allen Dingen. Wer gegen Ma'at handelt, bringt Isfet (Chaos, Lüge, Unordnung) in die Welt und untergräbt die kosmische Stabilität. Die Pharaonen rühmten sich auf ihren Inschriften: 'Ich habe Ma'at gegeben dem, der nach ihr verlangte'. Ma'at hat im alten Ägypten eine Bedeutung, die mit dem indischen Dharma oder dem chinesischen Dao vergleichbar ist.

Im modernen Kontext

Der Ägyptologe Jan Assmann hat in Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten (1990) die Bedeutung dieses Konzepts als eines der ältesten universal-ethischen Systeme der Menschheit herausgearbeitet. Ma'at ist nicht göttliche Willkür, sondern eine objektive Ordnung, die mit dem rechten menschlichen Handeln zusammenfällt. In der zeitgenössischen afrozentrischen Spiritualität (besonders in der Tradition von Maulana Karenga und seinem Maat-Ethos) ist sie zentral.

Astrologisch wird Ma'at mit der Waage identifiziert (das einzige Tierkreiszeichen, das ein Gegenstand und keine Lebewesen darstellt, mit direkter Wurzel in der Ma'at-Waage), sowie mit Saturn als Hüter der kosmischen Gesetze. Der Asteroid Maat (Nr. 12296) trägt ihren Namen. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Ma'at zugewiesen bekommt, lebt aus einem starken Sinn für Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Maß und Wahrhaftigkeit und ist häufig in Berufungen des Rechts, der Ethik, der Vermittlung oder der Lehre tätig.

Symbolische Tiefe

Im Tarot entspricht Ma'at eindeutig Die Gerechtigkeit (Arkanum XI oder VIII), die die Waage hält - dieses Bild stammt direkt aus dem ägyptischen Totengericht. Auch Die Welt (XXI) trägt ihre Ordnung als vollendete kosmische Harmonie, und Das Gericht (XX) ruft den Verstorbenen vor ihre Waage.

Esoterisch ordnet die Kabbala Ma'at den Sephiroth Geburah (Strenge, Gerechtigkeit) und teilweise Tiphareth (Harmonie, Schönheit) zu. Symbolisch lehrt Ma'at, dass die wahre Religion das richtige Handeln ist und dass die kosmische Ordnung in jedem ehrlichen Wort, jedem fairen Tausch, jedem geschützten Schwächeren neu errichtet wird. Wer Ma'at lebt, wird selbst zum Pfeiler der Schöpfung. Weitere Verbindungen findest du im Glossar-Hub und unter Sephiroth.

Auch bekannt als

  • Maat
  • Maet
  • Herrin der Wahrheit
  • Feder der Wahrheit
  • Tochter des Ra

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