Der Wagen
Der Wagen (Schlüssel VII) ist die Karte des entschlossenen Aufbruchs, der gesteuerten Kraft und des Sieges durch innere Disziplin. Ein gepanzerter Wagenlenker führt zwei Sphinxe — eine schwarze und eine weiße — die in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Über ihm ein Sternenhimmel als Baldachin. Die Karte spricht von der Fähigkeit, gegenläufige Kräfte zu bündeln und in eine gewählte Richtung zu lenken.
Ursprung und Ikonographie
Im Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450 erscheint der Wagen als triumphaler Streitwagen, gezogen von zwei weißen Pferden, mit einer gekrönten weiblichen Figur als Lenkerin. Die Bildsprache greift römische Triumphzüge und Petrarcas Allegorien der Trionfi auf — daher auch der italienische Name Il Carro. Im Tarot de Marseille des 17. Jahrhunderts wird die Lenkerin zum männlichen Krieger mit Krone und Zepter, gezogen von zwei Pferden, deren Köpfe in unterschiedliche Richtungen blicken — ein erstes Bild der inneren Spannung, die zu meistern ist.
A.E. Waite und Pamela Colman Smith ersetzten 1909 die Pferde durch zwei Sphinxe und fügten zahlreiche kabbalistische Details hinzu. Der Wagenlenker trägt eine sternenbekrönte Stirn, einen Halbmond an jeder Schulter — die Urim und Thummim — und ein Brustpanzer mit dem Quadrat als Symbol der Erde. Über dem Wagen schwebt ein Sternenbaldachin, an seiner Vorderseite ein geflügeltes Sonnensymbol. Crowley benannte die Karte 1944 ebenfalls The Chariot und ordnete sie dem Krebs zu. Die Sphinx-Symbolik verweist auf das Rätsel, das nur durch Wille und Wissen zugleich gelöst werden kann.
Aufrechte und umgekehrte Bedeutung
Aufrecht steht der Wagen für Sieg durch Konzentration, für die Fähigkeit, gegenläufige Impulse in eine gewählte Richtung zu lenken. Er ist die Karte des Reisens — buchstäblich, wenn ein Umzug oder eine Reise ansteht, und symbolisch, wenn ein Lebensabschnitt eindeutig vorangetrieben werden muss. Er bedeutet Selbstdisziplin ohne Härte, Klarheit über das eigene Ziel und das Vertrauen, dass Gegenkräfte nicht gebrochen, sondern eingespannt werden können. Häufig kommt er nach einer Phase der Entscheidung, in der nun gehandelt werden muss.
Umgekehrt verliert der Wagen seine Spur. Die umgekehrte Karte zeigt Kontrollverlust, übertriebene Aggression oder das Gegenteil — Lähmung, weil die inneren Sphinxe in unterschiedliche Richtungen ziehen und niemand sie hält. Sie kann auf eine Reise hinweisen, die unterbrochen wird, oder auf den Versuch, mit Willenskraft etwas zu erzwingen, das nicht erzwungen werden kann. Die Einladung dieser Lage ist, kurz anzuhalten und zu prüfen, ob das Ziel noch deines ist oder ob du nur in Bewegung bleibst, weil das Stillstehen unerträglich wäre.
In Lesungen
Erscheint der Wagen, geht es um Bewegung mit Richtung. In Liebesfragen kann er einen Partner anzeigen, der weiß, wohin er will, oder die Phase, in der eine Beziehung einen klaren Schritt nach vorn machen muss. Beruflich verweist er auf erfolgreiche Projekte, Beförderungen, Geschäftsreisen oder die Fähigkeit, ein Team zu bündeln. Spirituell zeigt er die Phase, in der spirituelle Praxis aus der Stille in die Welt hinaustritt. Er fragt: Was willst du wirklich erreichen — und welche inneren Pferde musst du dafür zügeln?
In Lebensentscheidungs-Spreads steht er häufig in der Position der Aktion oder des Ergebnisses. Lies ihn neben Die Liebenden, wenn nach einer Wahl die Umsetzung ansteht, oder neben Die Kraft, wenn beide Karten zusammen das Verhältnis von äußerer und innerer Stärke beleuchten. Für Fragen, in denen Mut und Richtung gebraucht werden, eignet sich das Rider-Waite-Tarot; in der großen Arkana-Reihe markiert er einen wichtigen Übergang.
Symbolische Tiefe
Numerologisch ist die Sieben eine Zahl der Reife und des Übergangs — sie folgt auf die Harmonie der Sechs und führt in eine neue Ebene. Astrologisch wird der Wagen dem Krebs zugeordnet, einem Wasserzeichen, das vom Mond regiert wird; das mag zunächst widersprüchlich wirken, doch es deutet darauf hin, dass die wahre Stärke des Wagenlenkers seine emotionale Verankerung ist. Im kabbalistischen Lebensbaum trägt er den Pfad Cheth, der Binah mit Geburah verbindet — den Pfad der Mauer, die zugleich schützt und einschließt.
Im archetypischen Sinn ist der Wagen die erste Bewährung des reifenden Ich. Carl Gustav Jung sähe in ihm den Moment, in dem das bewusste Selbst die widerstreitenden Kräfte des Unbewussten nicht mehr unterdrückt, sondern führt. In Joseph Campbells Heldenreise entspricht er dem ersten Test nach dem Aufbruch — der Aufgabe, im offenen Gelände die Kontrolle über die eigene Energie zu behalten. Innerhalb der Großen Arkana markiert er das Ende des ersten Septenars, der Reise des äußeren Ichs.
Auch bekannt als
- Il Carro
- Le Chariot
- The Chariot
- Schlüssel VII
- Der Triumphwagen