Traditionen

Taoismus

Der Taoismus (auch Daoismus, chin. dào jiā) ist eine der drei grossen Weisheitslehren Chinas, neben dem Konfuzianismus und dem Buddhismus. Sein Grundbegriff ist das Tao (Dao), der „Weg", die unfassbare Quelle aller Wirklichkeit. Sein Hauptklassiker ist das Daodejing des halb-legendären Laozi (6. Jh. v. Chr.). Zentrale Begriffe sind Wu Wei (nicht-erzwingendes Handeln), die Polarität von Yin und Yang und die Spontaneität (ziran).

Ursprung

Die Anfänge des Taoismus liegen in den Schriften des 6. bis 4. Jahrhunderts v. Chr., in der Zeit der „Streitenden Reiche" Chinas. Das erste und wichtigste Werk ist das Daodejing (auch Tao Te King), zugeschrieben dem halb-legendären Weisen Laozi (Lao Tse, „der Alte Meister"), der nach der Tradition ein Archivar am Hof der Zhou gewesen sein soll und beim Verlassen des Reiches dem Grenzwächter Yinxi seine 81 kurzen Kapitel hinterliess. Die Datierung des Werks ist umstritten, wahrscheinlich entstand es zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. in mehreren Schichten. Das zweite klassische Werk ist das Zhuangzi (Tschuang Tse, 4.-3. Jh. v. Chr.), eine geistreich-paradoxe Sammlung von Geschichten, Träumen und Argumenten.

Im 2. Jahrhundert n. Chr. entwickelte sich aus der philosophischen Lehre eine organisierte religiöse Bewegung. Zhang Daoling (34-156) gründete die Weg der Himmlischen Meister, die erste taoistische Kirche mit eigenen Riten, Priestern und einer hierarchischen Struktur. Während der Tang-Dynastie (618-907) war der Taoismus eine der drei offiziellen Religionen des Reiches; die kaiserliche Familie behauptete eine Abstammung von Laozi. Es entstanden zahlreiche Schulen, Klöster und mystische Schriften. Die wichtigste spätere Schule ist die Quanzhen-Schule, gegründet von Wang Chongyang (1113-1170), die bis heute die führende Form des klösterlichen Taoismus in China ist. Im 20. und 21. Jahrhundert hat der Taoismus sich auch im Westen verbreitet, vor allem durch Übersetzungen wie Richard Wilhelms Tao Te King (1911).

Lehre und Praxis

Das Tao ist nach dem ersten Satz des Daodejing das, „das nicht ausgesprochen werden kann". Es ist nicht ein Wesen oder eine Gottheit, sondern der hintergründige Weg, dem alle Dinge folgen. Aus dem Tao geht die Polarität von Yin und Yang hervor, aus dieser die zehntausend Wesen. Die Aufgabe des Weisen besteht darin, sich dem Tao anzupassen, indem er Wu Wei übt, das nicht-erzwingende, dem natürlichen Verlauf folgende Handeln. Dies ist nicht Passivität, sondern eine feine Wahrnehmung des rechten Zeitpunkts und der rechten Geste. Der weise Mensch ist wie Wasser: weich, anpassungsfähig, doch unwiderstehlich auf lange Sicht.

Der religiöse Taoismus entwickelte eine reiche Praxis, die als innere Alchemie (neidan) bezeichnet wird. Sie nutzt Meditation, Atemübungen, Visualisierungen und körperliche Übungen, um die Lebensenergie (Qi) zu verfeinern und das geistige Wesen zu kultivieren. Aus diesen Übungen entwickelten sich später das Qigong und das Tai Chi Chuan, die heute weltweit verbreitet sind. Das taoistische Pantheon umfasst die Drei Reinen (Sanqing) und viele Götter, Unsterbliche (Xian) und Geister. Auch die Acht Unsterblichen (Baxian) sind beliebte Figuren der chinesischen Volksreligion. Das I Ging, obwohl ursprünglich vorhanden, ist im Taoismus zu einer zentralen Quelle der Weltdeutung geworden. Mehr unter Glossar.

In der Praxis

Der Taoismus existiert heute in zwei Hauptformen: dem philosophischen Taoismus (Laozi, Zhuangzi), der weltweit gelesen und meditiert wird, und dem religiösen Taoismus, der vor allem in China, Taiwan, Hongkong, Vietnam und Singapur als organisierte Religion lebendig ist. Der philosophische Taoismus benötigt keine besondere institutionelle Mitgliedschaft. Du beginnst, indem du das Daodejing in einer guten Übersetzung liest (Richard Wilhelm, Lin Yutang, Stephen Mitchell), seine 81 Kapitel meditierst und versuchst, ihre Bilder in deinem Alltag wirken zu lassen. Eine Eintagsfliege im Sommer, ein Bach, der einen Stein umfliesst, ein Baum, der sich im Wind biegt – diese Bilder lehren das Tao.

Praktisch kannst du auch Tai Chi oder Qigong lernen. Beide sind körperliche Übungen, die das taoistische Verständnis von Qi, Yin-Yang und Wu Wei in Bewegung übersetzen. Sie schulen die Wahrnehmung, die Balance und die innere Ruhe. Lehrer findest du in fast jeder Stadt der Welt. Das I Ging kann als tägliche Begleiterin dienen, die dich in das taoistische Denken einführt. Werkzeuge wie das Tarot oder die Runen spielen im Taoismus traditionell keine Rolle, sind aber mit ihm verträglich, sofern du sie in der taoistischen Haltung verwendest: ohne Erzwingen, ohne starren Glauben, in offener Achtsamkeit. Die Kristallkugel hat in der chinesischen Tradition Verwandte in den glänzenden Bronze-Spiegeln und in den Wasserschüsseln der frühen Schau.

Symbolische Tiefe

Der Taoismus ist die wahrscheinlich tiefste Schule der Weltvertrauens, die die Menschheit hervorgebracht hat. Er lehrt, dass das Universum nicht von einem strafenden Gott regiert wird, der durch Gehorsam besänftigt werden muss, sondern von einem hintergründigen Weg, der bereits richtig und gut ist und dem wir uns nur anzuschliessen brauchen. Dies ist keine Quietistik: der Taoist handelt, aber er handelt aus einem tiefen Vertrauen heraus, dass das Leben selbst weiss, was es tut. Im Bild des Wassers, das immer den niedrigsten Weg findet und doch alle Hindernisse überwindet, ist diese Weisheit verdichtet.

Der Taoismus hat den modernen Westen tief beeinflusst, viel tiefer als seine vergleichsweise geringe institutionelle Präsenz vermuten liesse. Carl Gustav Jung schrieb das Vorwort zu Richard Wilhelms Übersetzung des Geheimnisses der Goldenen Blüte (1929) und sah darin die östliche Entsprechung seiner eigenen Individuationslehre. Heideggers spätes Denken, die Ökobewegung, die ganze westliche Wahrnehmung von Achtsamkeit und Präsenz sind ohne den taoistischen Einfluss kaum denkbar. Der Taoismus zeigt, dass die tiefste Weisheit oft die einfachste ist. Lao Tse soll gesagt haben: „Wer spricht, weiss nicht; wer weiss, spricht nicht." Diese Bescheidenheit der höchsten Erkenntnis ist eine seiner schönsten Gaben. Mehr unter Yin und Yang und I Ging.

Auch bekannt als

  • Daoismus
  • Dao Jia
  • Tao-Lehre
  • Weg-Lehre
  • Lao-Tse-Schule

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