Karma
Das Karma (Sanskrit कर्म, „Handlung", „Tat") ist das spirituelle Gesetz von Ursache und Wirkung, das den Lauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bestimmt. Jede bewusste Handlung, jedes Wort und jeder Gedanke hinterlassen eine energetische Spur, die früher oder später ins Leben des Handelnden zurückkehrt — in diesem oder einem zukünftigen Leben. Karma ist kein moralisches Strafsystem, sondern eine geistige Naturkraft, vergleichbar mit der Schwerkraft. Es bildet zusammen mit Dharma, Samsara und Moksha das Grundgerüst der indischen Spiritualität.
Ursprung
Karma ist eines der Kernkonzepte des Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus. Die Wurzel kṛ- bedeutet „tun", „machen", „wirken". Die Idee taucht erstmals in den Upanishaden (ab ca. 800 v. Chr.) auf — besonders die Brihadaranyaka Upanishad formuliert, dass der Mensch wird, was er tut. In der Bhagavad Gita wird Karma systematisch entfaltet: Krishna lehrt Arjuna, dass nicht das Tun selbst, sondern die Anhaftung an die Frucht der Handlung Karma erzeugt. Im Jainismus ist Karma eine feinstoffliche Substanz, die an der Seele haftet.
Im westlichen Sprachgebrauch wurde der Begriff Ende des 19. Jahrhunderts durch die theosophische Bewegung populär — vor allem durch Helena Petrowna Blawatsky und ihre Geheimlehre (1888). In den 1960er- und 1970er-Jahren übernahm die New-Age-Bewegung den Begriff endgültig. Heute hat er sich auch außerhalb spiritueller Kreise als Synonym für „was du gibst, kommt zurück" etabliert. Diese Popularisierung hat den Begriff allerdings stark vereinfacht — die ursprüngliche Tiefe geht oft verloren.
Drei Arten von Karma
Die hinduistische Tradition unterscheidet drei Schichten: Sanchita Karma ist die Gesamtheit aller noch nicht erlebten Folgen vergangener Handlungen — ein Speicher, der mehrere Inkarnationen überspannt und nur durch Erleuchtung aufgelöst werden kann. Prarabdha Karma ist der Teil davon, der in diesem Leben aktiv wird: jene Bedingungen, mit denen wir geboren werden (Familie, Körper, Begabungen, Hindernisse) und denen wir uns nicht entziehen können. Kriyamana Karma ist das Karma, das wir in jedem Moment durch unsere gegenwärtigen Entscheidungen erzeugen — der einzige Teil, über den wir aktive Kontrolle haben.
Im Buddhismus ist Karma enger mit der Intention (cetanā) verknüpft: nicht die Handlung allein zählt, sondern der innere Antrieb. Ein gut gemeintes Tun mit unreiner Absicht kann negatives Karma erzeugen — und umgekehrt. Buddha unterscheidet heilsame (kusala) und unheilsame (akusala) Handlungen. Im tibetischen Buddhismus wird Karma außerdem in Beziehung zu Bardo-Zuständen und Wiedergeburt gesetzt. Der Westen hat all diese Schichten oft auf ein simples „Ursache-Wirkung" reduziert.
In der Praxis
Karma zu „berechnen" ist nicht möglich — es ist kein Strafsystem, sondern ein Naturgesetz. In der Praxis arbeitet man mit Karma durch bewusste Handlungswahl, durch Meditation und durch Karma-Yoga: dem Weg des selbstlosen Tuns, in dem die Frucht der Handlung Gott oder dem Ganzen geweiht wird. Im Rad des Schicksals, in Der Gehängte, Das Gericht und Die Gerechtigkeit zeigen sich karmische Themen besonders deutlich.
Die karmische Numerologie identifiziert wiederkehrende Muster anhand sogenannter Karma-Zahlen (13, 14, 16, 19) im Geburtsdatum. In der westlichen Astrologie weist das Mondknotenpaar (Mondknoten) auf karmische Aufgaben hin: der Süd-Knoten zeigt mitgebrachte Muster, der Nord-Knoten die Lernrichtung dieses Lebens. Auch Saturn-Stellungen werden oft als karmisch gelesen. Mehr im Glossar.
Symbolische Tiefe
Symbolisch ist Karma die Erinnerung der Seele — die Tatsache, dass nichts wirklich verloren geht. Jede Handlung wird zur Spur, jede Spur zur Tendenz, jede Tendenz zum Schicksal. In diesem Sinn ist Karma weniger eine Strafe als eine Schule: das Universum gibt uns immer wieder Situationen, bis wir die Lektion verstanden haben. Im Tarot zeigt sich dies in der Wiederkehr bestimmter Karten — wer immer wieder Der Turm oder Der Teufel zieht, hat eine karmische Aufgabe zu erkennen. Karma ist damit auch ein Werkzeug der Selbsterkenntnis.
In der Kabbala entspricht dem Karma das Konzept des Tikkun — der Wiederherstellung der gebrochenen Gefäße. Jede Seele kommt mit einer spezifischen Aufgabe zur Welt, ihren Teil des kosmischen Lichts zurück an seinen Ort zu bringen. Bei C.G. Jung erscheint Karma im Konzept des kollektiven Unbewussten und des persönlichen Schattens: was nicht integriert wird, kehrt als Schicksal zurück. Karma ist damit kein religiöses Märchen, sondern eine psychologisch wirksame Beschreibung der Tatsache, dass wir Erbe unserer eigenen Geschichte sind — und zugleich frei, jeden Moment neu zu wählen. Siehe auch Lebenszahl.
Auch bekannt als
- Tatfolge
- Schicksalsgesetz
- spirituelles Gesetz von Ursache und Wirkung
- Kriya
- kosmische Buchführung