Moksha
Das Moksha (Sanskrit मोक्ष, „Befreiung", „Erlösung") ist im Hinduismus, Jainismus und Sikhismus das höchste Lebensziel — die endgültige Befreiung der Seele aus dem Kreislauf von Samsara, dem Rad von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Moksha ist nicht ein Ort wie das christliche Paradies, sondern ein Bewusstseinszustand: die Auflösung der Illusion der Getrenntheit und das Erkennen der Einheit des individuellen Selbst (Atman) mit dem absoluten Sein (Brahman). Im Buddhismus entspricht ihm der Begriff Nirvana. Moksha ist das vierte und höchste der vier Lebensziele (Purusharthas) neben Dharma, Artha und Kama.
Ursprung
Der Begriff stammt von der Sanskrit-Wurzel muc- („loslassen", „befreien", „entlassen") und taucht erstmals in den Upanishaden (ab ca. 800 v. Chr.) auf. Frühe Texte sprechen auch von Mukti (mit derselben Wurzel). Die Bhagavad Gita (ca. 200 v. Chr.) macht Moksha zum Zentrum der religiösen Praxis: Krishna lehrt Arjuna drei Wege dorthin — den Weg des Wissens (Jnana-Yoga), den Weg der Hingabe (Bhakti-Yoga) und den Weg der selbstlosen Handlung (Karma-Yoga). Jeder dieser Wege endet in der gleichen Befreiung, je nach Temperament des Suchenden.
In den klassischen indischen Philosophie-Schulen wurde Moksha unterschiedlich gedeutet. Die Advaita Vedanta Shankaras (8. Jh.) versteht Moksha als Atman = Brahman — vollständige Identität von Seele und Absolutem. Die Vishishtadvaita Ramanujas (12. Jh.) sieht Moksha als Vereinigung mit, aber nicht Auflösung in Gott. Im Westen wurde der Begriff durch die Theosophie und später durch Vivekananda und die Vedanta-Bewegung (ab ca. 1893) bekannt. Heute ist Moksha in der spirituellen Bewegung des Westens fast ein Synonym für „Erleuchtung".
Vier Wege und zwei Zustände
Die hinduistische Tradition kennt vier Yogas als Wege zu Moksha: Jnana-Yoga (Erkenntnis durch Selbsterforschung — „Wer bin ich?"), Bhakti-Yoga (Hingabe an eine personale Gottheit — Krishna, Shiva, die Göttin), Karma-Yoga (selbstloses Handeln ohne Anhaftung an die Frucht) und Raja-Yoga (königlicher Weg der Meditation, klassisch in Patanjalis Yogasutras beschrieben). Jeder Weg führt zum gleichen Ziel — Moksha ist nicht exklusiv, sondern offen für alle Temperamente.
Es gibt zwei Stufen: Jivanmukti ist die Befreiung zu Lebzeiten — der Erleuchtete lebt weiter im Körper, ist aber innerlich frei von Anhaftung. Videhamukti ist die endgültige Befreiung nach dem Körpertod, ohne erneute Wiedergeburt. Im Jainismus wird Moksha als das Aufsteigen der völlig gereinigten Seele in die höchste Region des Universums beschrieben — sie verlässt das materielle Karma endgültig. Auch die buddhistische Lehre vom Nirvana ist verwandt, betont aber stärker die Aufhebung des Selbst-Begriffs. Siehe auch Dharma.
In der Praxis
In der Praxis arbeitet man auf Moksha hin durch Sadhana — die tägliche spirituelle Übung. Das beinhaltet Meditation (besonders Dhyana und Selbsterforschung im Stil Ramana Maharshis), das Studium heiliger Texte (Svadhyaya), Gebete und Mantren, ethisches Verhalten (Yama und Niyama) und in vielen Schulen die Beziehung zu einem Lehrer (Guru). Die Yogasutras Patanjalis beschreiben einen achtfachen Pfad (Ashtanga Yoga), der über äußere Disziplin zur inneren Schau führt.
Im modernen Westen wird Moksha oft mit „Erleuchtung" gleichgesetzt — eine Vereinfachung, die der Tradition nicht ganz gerecht wird. Es geht nicht um ein spektakuläres Erlebnis, sondern um eine stille, dauerhafte Veränderung der Selbstwahrnehmung. In der Astrologie wird das zwölfte Haus (Zwölftes Haus) als „Moksha-Haus" bezeichnet — es regiert Auflösung, Mystik und das Transzendieren des Ich. Im Tarot symbolisieren Die Welt und Das Gericht Aspekte der Befreiung. Mehr unter Glossar.
Symbolische Tiefe
Symbolisch ist Moksha das Aufwachen aus dem Traum. Die indische Philosophie vergleicht Samsara mit einem Traum: er fühlt sich real an, solange er dauert — aber im Erwachen erkennt man, dass das Träumende immer schon wach war. Moksha ist nicht etwas, das man erreicht, sondern etwas, das man erkennt: dass man es immer schon war. Diese Idee findet sich auch in der christlichen Mystik (Meister Eckhart: „das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist das gleiche Auge, mit dem Gott mich sieht") und im Sufismus (fana — Auslöschung des Ich in Gott).
In der Kabbala entspricht Moksha dem Aufstieg durch den Lebensbaum bis zu Keter, der Krone — der vollständigen Rückkehr der Funke zur Quelle. Im Tarot ist die letzte Karte der Großen Arkana, Die Welt (XXI), das Bild von Moksha: der Tänzer im Kranz, umgeben von den vier Lebewesen, im Gleichgewicht aller Elemente, frei und doch ganz im Sein. Bei C.G. Jung entspricht Moksha der vollendeten Individuation — dem Zustand, in dem das Selbst (die Ganzheit der Psyche) bewusst geworden ist. Moksha ist damit kein flüchtiges Spitzenerlebnis, sondern die endgültige Reife einer Seele. Wer Moksha verwirklicht, lebt nicht jenseits der Welt, sondern ganz in ihr, ohne von ihr gefangen zu sein. Siehe auch Nirvana.
Auch bekannt als
- Mukti
- Befreiung
- Erlösung
- Erleuchtung
- Selbstverwirklichung
- Kaivalya