Esoterik

Nirvana

Das Nirvana (Sanskrit निर्वाण, Pali Nibbāna, „Verlöschen", „Auslöschen") ist im Buddhismus der höchste anzustrebende Zustand — das endgültige Erlöschen von Begierde, Hass und Unwissenheit und damit die Befreiung aus Samsara, dem Kreislauf der Wiedergeburten. Anders als das hinduistische Moksha, das oft als Vereinigung mit dem Absoluten verstanden wird, beschreibt Nirvana eher das, was aufhört: das Verlöschen der „drei Flammen" Gier, Hass und Verblendung. Es ist kein Ort, kein Himmel, keine Substanz — sondern der frei gewordene Geist selbst, der nicht mehr an der Welt anhaftet, aber auch nicht von ihr flieht.

Ursprung

Der Begriff stammt von der Sanskrit-Wurzel nir-vā- („auswehen", „verlöschen") — wörtlich das Erlöschen einer Flamme, wenn der Brennstoff aufgebraucht ist. Buddha (ca. 563–483 v. Chr.) machte den Begriff zum Kern seiner Lehre: in seiner ersten Predigt im Hirschpark von Sarnath sprach er von Nirvana als dem Ziel des Edlen Achtfachen Pfades. Die ältesten Texte (Pali-Kanon) beschreiben Nirvana negativ — als das, was nicht ist: kein Werden, kein Vergehen, keine Geburt, kein Tod. Buddha selbst lehnte es ab, Nirvana positiv zu definieren, weil jede Definition es bereits verfehlt.

Im Mahayana-Buddhismus (ab ca. 1. Jh.) wurde der Begriff erweitert. Hier wird zwischen Nirvana (individuelle Befreiung) und Bodhi (Erleuchtung zum Wohl aller Wesen) unterschieden. Im Zen heißt der erleuchtete Zustand Satori oder Kensho. Im Westen wurde der Begriff durch Schopenhauer (Anfang 19. Jh.) und später durch die Theosophie und die Beat-Generation populär — heute ist „Nirvana" in der westlichen Alltagssprache fast ein Synonym für „höchstes Glück", was die Tradition nur teilweise trifft.

Zwei Stufen und vier Wahrheiten

Der Buddhismus unterscheidet zwei Stufen: Sopadisesa-Nibbana ist das Nirvana zu Lebzeiten — der Erleuchtete (Arhat) lebt weiter im Körper, hat aber die drei Geistesgifte ausgelöscht. Buddha selbst war nach seiner Erleuchtung in diesem Zustand für 45 Jahre als Lehrer aktiv. Parinirvana ist das „endgültige Verlöschen" — der Zustand nach dem Tod eines Erleuchteten, der nicht mehr wiedergeboren wird. Buddhas Tod heißt deshalb Mahaparinirvana, „großes endgültiges Verlöschen". Beide Stufen sind ein und dasselbe Nirvana, nur in unterschiedlichen Beziehungen zum Körper.

Der Weg zum Nirvana ist in den Vier Edlen Wahrheiten umrissen: erstens, dass alle bedingte Existenz Leid ist (Dukkha); zweitens, dass die Ursache des Leids die Begierde ist (Tanha); drittens, dass das Aufhören der Begierde Nirvana ist; viertens, dass der Edle Achtfache Pfad dorthin führt. Dieser Pfad besteht aus rechter Ansicht, Absicht, Rede, Handlung, Lebensführung, Anstrengung, Achtsamkeit und Sammlung. Im Mahayana kommt hinzu das Ideal des Bodhisattva — der freiwillig im Samsara bleibt, bis alle Wesen befreit sind. Siehe auch Karma.

In der Praxis

In der Praxis arbeitet man auf Nirvana hin durch Meditation — vor allem durch Vipassana (Einsichtsmeditation), Samatha (Sammlung) und Metta (liebende Güte). In der Vipassana-Praxis lernt man, die drei Daseinsmerkmale direkt wahrzunehmen: Anicca (Vergänglichkeit), Dukkha (Leidhaftigkeit) und Anatta (Nicht-Selbst). Diese drei Einsichten lösen allmählich die Anhaftung an „ich", „mein" und „dauernd" — und damit die Wurzel des Leidens.

Ethik (Sila) ist im Buddhismus die Grundlage jeder Praxis: die fünf Grundregeln (nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, kein sexuelles Fehlverhalten, keine berauschenden Mittel) reinigen das Bewusstsein für die Meditation. Auch im Westen ist Nirvana zugänglich — der Zen-Buddhismus etwa hat in Europa und den USA seit den 1950ern feste Wurzeln geschlagen. Im Tarot symbolisieren Die Welt, Die Sonne und Der Eremit Aspekte des erleuchteten Zustands. Mehr im Glossar.

Symbolische Tiefe

Symbolisch ist Nirvana das Verlöschen der Flamme, die uns selbst verbrennt. Begierde und Hass sind wie ein Feuer: sie verzehren ihren Träger. Wenn der Brennstoff (das Festhalten am Ich) aufgebraucht ist, erlischt das Feuer von selbst — und übrig bleibt nicht Leere im Sinn von Mangel, sondern eine ganz andere Art von Sein, die im Pali-Kanon mit Worten wie frei, kühl, still, unerschütterlich beschrieben wird. Es ist das Bild des Mondes am klaren Himmel, nachdem die Wolken sich verzogen haben.

In der Kabbala entspricht Nirvana dem Ein Sof, dem Unendlichen jenseits aller Eigenschaften — dem Punkt, wo Begriffe versagen. Bei C.G. Jung erscheint Nirvana im Konzept der vollendeten Individuation, in der das Ich nicht mehr im Zentrum der Psyche steht, sondern als Diener des Selbst wirkt. Im Tarot ist die letzte Karte Die Welt (XXI) das nächste Bild für Nirvana: der nackte Tänzer im Kranz, alle Elemente versammelt, kein Außen, kein Innen mehr. Tiefer betrachtet ist Nirvana keine ferne mystische Idee, sondern ein Geheimnis im Hier und Jetzt: jeder Atemzug ohne Anhaftung, jeder Moment ohne Widerstand ist ein kleiner Vorgeschmack davon. Die Schule des Nirvana ist die Schule des Loslassens. Siehe auch Moksha.

Auch bekannt als

  • Nibbana
  • Verlöschen
  • Erleuchtung
  • Bodhi
  • Satori
  • Befreiung

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