Esoterik

Samsara

Das Samsara (Sanskrit संसार, „Wanderung", „beständiges Fließen") bezeichnet im Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus den endlosen Kreislauf aus Geburt, Tod und Wiedergeburt, in dem die Seele oder das Bewusstsein gefangen ist. Solange ein Wesen an Begierde, Hass und Unwissenheit haftet, wird es immer wieder neu geboren — in der Welt der Menschen, der Tiere, der Götter oder der Höllen. Samsara ist nicht „die Welt" an sich, sondern der Zustand des Verstricktseins in sie. Die Befreiung aus Samsara heißt Moksha oder, im Buddhismus, Nirvana — beide Wege gehen über das Erkennen des wahren Selbst.

Ursprung

Das Wort stammt von der Sanskrit-Wurzel sam-sṛ- („zusammenfließen", „durchwandern") und taucht erstmals in den Upanishaden (ab ca. 800 v. Chr.) auf — besonders in der Brihadaranyaka und der Chandogya Upanishad. Im frühen vedischen Denken war die Idee einer Wiedergeburt noch nicht ausgeprägt: man hoffte auf ein gutes Jenseits bei den Vorfahren. Erst die Upanishaden machten Samsara zum Problem, das gelöst werden muss. Das Konzept ist eng mit Karma verbunden: die Taten eines Lebens bestimmen, in welcher Form das nächste beginnt.

Im Buddhismus wurde Samsara zum Zentrum der Lehre. Buddha erklärte, dass das Erkennen der drei Daseinsmerkmale (Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit, Nicht-Selbst) und das Aussteigen aus der Begierde der Weg aus dem Kreislauf sind. Das berühmte Tibetische Lebensrad (Bhavachakra) zeigt Samsara als großes Rad mit sechs Welten, gehalten von Mara, dem Herrn des Todes. Im Westen wurde der Begriff durch die theosophische Bewegung und die Übersetzungen buddhistischer Texte im 20. Jahrhundert bekannt — Hermann Hesses Siddhartha (1922) prägte ihn literarisch.

Sechs Welten und drei Wurzeln

Das buddhistische Samsara unterscheidet sechs Daseinsbereiche: die Welt der Götter (Devas, voll Genuss, aber vergänglich), der Halbgötter (Asuras, voll Eifersucht), der Menschen (Manushya, einzig hier ist Befreiung möglich), der Tiere (Tiryak, gekennzeichnet von Unwissenheit), der Hungergeister (Pretas, voll unstillbarem Verlangen) und der Höllenwesen (Naraka, voll Leid). Jeder dieser Bereiche entspricht einem psychologischen Zustand, in dem auch wir Menschen uns immer wieder befinden — Samsara ist also nicht nur „nächstes Leben", sondern auch innere Verfassung im Hier und Jetzt.

Im Zentrum des tibetischen Lebensrads stehen drei Tiere — Schwein, Schlange und Hahn — die die drei Geistesgifte (Klesha) repräsentieren: Unwissenheit (Moha), Hass (Dvesha) und Begierde (Raga). Sie sind die Wurzel von Samsara. Solange diese drei wirken, dreht sich das Rad weiter. Die Vier Edlen Wahrheiten Buddhas beschreiben den Ausweg: das Leiden erkennen, seine Ursache (Begierde) erkennen, das Aufhören erkennen, den Weg dorthin gehen (der Edle Achtfache Pfad). Im Hinduismus geht der Weg über Dharma, Hingabe (Bhakti) und Selbsterkenntnis (Jnana).

In der Praxis

In der Praxis arbeitet man mit Samsara durch Meditation, in der das Aufsteigen und Vergehen der Gedanken beobachtet wird, ohne ihnen anzuhaften. Das ist Samsara im Mikrokosmos — und seine Befreiung beginnt mit dem schlichten Erkennen. Viele Schulen empfehlen das Studium von Vergänglichkeit (Anicca): die bewusste Wahrnehmung, dass alles, was kommt, auch geht. Im Tantra wird Samsara nicht abgelehnt, sondern als Manifestation des Göttlichen verstanden: das Rad ist nicht das Problem — die Anhaftung an es ist es.

Auch westliche Methoden berühren Samsara: in der Rückführungstherapie werden „frühere Leben" als symbolische Erfahrung genutzt, um aktuelle Muster zu verstehen. In der Astrologie zeigt der Süd-Mondknoten oft Themen, die aus Samsara mitgebracht wurden — vertraute Verhaltensweisen, die zu verlassen sind. Im Tarot symbolisieren Das Rad des Schicksals, Der Tod und Das Gericht die zyklischen Aspekte von Samsara. Mehr im Glossar.

Symbolische Tiefe

Symbolisch ist Samsara das endlose Rad, das sich dreht, solange wir nicht wach werden. Es ist das Bild jeder Sucht, jedes Musters, jeder Wiederholung: wir glauben, etwas Neues zu tun, und tun doch wieder dasselbe. Das mythische Bild dazu ist das Labyrinth — man geht und geht und kommt doch wieder am gleichen Punkt vorbei. Erst der Faden der Ariadne (die Erkenntnis) führt hinaus. Im Tarot ist Das Rad des Schicksals (X) die direkte Verkörperung dieses Prinzips: oben sitzt die Sphinx, unbewegt im Drehen — sie ist das stille Zentrum jenseits des Rads.

In der Kabbala entspricht Samsara dem Olam ha-Asija, der Welt des Tuns und der Wiederholungen, in der die Seele Erfahrung sammelt. Bei C.G. Jung erscheint Samsara im Wiederholungszwang: die Tendenz der Psyche, ungelöste Konflikte immer wieder neu in Szene zu setzen. Erst das Bewusstwerden eines Musters bricht den Bann. Damit ist Samsara nicht eine ferne mystische Idee, sondern eine sehr konkrete psychologische Beschreibung. Jede Beziehung, in der wir das gleiche Drama spielen, ist ein Samsara im Kleinen. Die spirituelle Aufgabe ist nicht, das Rad zu zerstören, sondern es bewusst zu betrachten — bis es von selbst still wird. Siehe auch Reinkarnation.

Auch bekannt als

  • Wiedergeburtskreis
  • Daseinsrad
  • Bhavachakra
  • Wanderung der Seele
  • Lebensrad

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