Esoterik

Reinkarnation

Die Reinkarnation (lateinisch re-incarnare, „wieder Fleisch werden") ist die Vorstellung, dass die Seele eines Menschen nach dem Tod in einem neuen Körper erneut zur Welt kommt. Sie ist ein Kernkonzept der indischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Sikhismus), war aber auch in der griechischen Antike bei Pythagoras und Platon präsent. Im Westen erlebte die Reinkarnationslehre durch die Theosophie und später durch die New-Age-Bewegung ein starkes Wiederaufleben. Sie steht in engem Zusammenhang mit Karma (welche Taten welche Wiedergeburt bedingen) und Samsara (dem Kreislauf, aus dem die Befreiung — Moksha oder Nirvana — angestrebt wird).

Ursprung

Die Idee der Seelenwanderung ist sehr alt und taucht in vielen Kulturen unabhängig auf. In Indien wird sie erstmals in den Upanishaden (ab ca. 800 v. Chr.) klar formuliert. In Griechenland lehrte Pythagoras (6. Jh. v. Chr.) die Wiedergeburt — er soll behauptet haben, sich an frühere Leben zu erinnern. Auch Platon beschreibt in Phaidon und im Schlussmythos der Politeia die Wahl eines neuen Lebens durch die Seele nach dem Tod. In den orphischen Mysterien war die Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburten ein zentrales Anliegen.

Im Westen geriet die Reinkarnationslehre durch die Verurteilung des Origenes auf dem 5. ökumenischen Konzil (553 n. Chr.) ins Abseits. Erst Ende des 19. Jahrhunderts brachte die Theosophie Helena Petrowna Blawatskys (gegr. 1875) sie nach Europa zurück. Rudolf Steiner und die Anthroposophie machten sie zum festen Bestandteil ihrer Lehre. Ab den 1960er Jahren popularisierten Bücher wie Ian Stevensons Fallsammlungen, Edgar Cayces Channelings und Brian Weiss' Rückführungstherapie das Thema. Heute glaubt laut Umfragen ein erheblicher Teil der westlichen Bevölkerung an irgendeine Form von Wiedergeburt.

Verschiedene Modelle

Die Konzepte unterscheiden sich erheblich. Im Hinduismus reinkarniert die individuelle Seele (Jiva) bis zur Befreiung; sie behält durch alle Leben ihre Identität. Im Buddhismus ist es nicht eine „Seele", die wandert — der Buddhismus lehnt das Konzept einer dauerhaften Seele (Atman) ab. Stattdessen geht ein Bewusstseinsstrom über, getrieben durch unausgelöschte karmische Tendenzen. Das Bild ist die Flamme, die von einer Kerze zur nächsten weitergegeben wird: dieselbe Flamme — und doch nicht.

Im Jainismus wird die Seele als feinstoffliche Substanz verstanden, an der materielles Karma haftet wie Staub. Erst die völlige Reinigung erlaubt der Seele, aus dem Rad zu steigen. In der Theosophie und Anthroposophie werden meist sieben „Leiber" oder Bewusstseinsschichten unterschieden — nur die höheren reinkarnieren, während Astralleib und Ätherleib nach dem Tod allmählich aufgelöst werden. Auch ein Geschlechterwechsel zwischen Inkarnationen wird hier oft angenommen. Mehr unter Akasha.

In der Praxis

In der Praxis arbeitet man mit der Reinkarnationsidee vor allem durch Rückführungstherapie, in der unter Hypnose oder tiefer Entspannung „frühere Leben" erinnert werden. Ob es sich dabei um echte Erinnerungen, archetypische Bilder oder symbolische Konstruktionen handelt, ist umstritten — therapeutisch wirksam ist die Methode dennoch oft. Auch in der spirituellen Selbstbetrachtung spielen Reinkarnationsfragen eine Rolle: „Welche Aufgaben habe ich aus früheren Leben mitgebracht? Welche Beziehungen sind alt?"

In der Astrologie ist der Mondknoten der wichtigste Indikator für karmische Themen: der Süd-Knoten zeigt das, was die Seele aus früheren Leben mitbringt — vertraute Muster, an die sie sich klammert. Der Nord-Knoten zeigt das, wohin sich die Seele in diesem Leben entwickeln will. Auch Pluto-Stellungen, das zwölfte Haus und Saturn werden oft karmisch gelesen. Im Tarot deuten Karten wie Das Rad des Schicksals, Der Gehängte und Das Gericht auf Reinkarnationsthemen hin. Mehr im Glossar.

Symbolische Tiefe

Symbolisch ist die Reinkarnation das Versprechen der Wiederkehr: nichts ist endgültig verloren, kein Lernen geht verloren, keine Liebe verschwindet. Auch wer in diesem Leben scheitert, hat einen neuen Versuch. Diese Vorstellung gibt vielen Menschen Trost — und zugleich eine Verantwortung: wir sind nicht zufällig hier, sondern haben uns dieses Leben mit seinen Bedingungen „ausgesucht". Das mythische Bild dazu ist der Phönix, der aus seiner Asche wieder aufsteigt. Das psychologische Bild ist der Lebenslauf einer Seele über viele Stationen — wie ein Schauspieler, der viele Rollen spielt und doch immer derselbe bleibt.

In der Kabbala heißt Reinkarnation Gilgul — wörtlich „Rad", „Drehung". Die Seele kommt wieder, um Tikkun zu vollbringen (Reparatur, Wiederherstellung). Auch hier wird gelehrt, dass Seelen in Familien, Liebespaaren und Lehrer-Schüler-Beziehungen über Inkarnationen hinweg verbunden bleiben. Bei C.G. Jung erscheint die Reinkarnation eher als psychologisches Phänomen: das kollektive Unbewusste enthält die Erinnerungen der gesamten Menschheit — was als „eigenes früheres Leben" erscheint, kann archetypisches Erbgut sein. Ob wörtlich oder symbolisch — die Idee der Wiedergeburt antwortet auf die Frage, warum manche Begegnungen sich anfühlen wie Heimkehr und manche Aufgaben wie alte Bekannte. Siehe auch Samsara.

Auch bekannt als

  • Wiedergeburt
  • Seelenwanderung
  • Metempsychose
  • Gilgul
  • Palingenesie

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