Königin
Die Königin (Queen) ist die dritte der vier Hofkarten jeder Farbe der Kleinen Arkana. Es gibt vier Königinnen — der Stäbe, der Kelche, der Schwerter und der Münzen. Sie repräsentieren die reife, verinnerlichte Meisterschaft ihrer Farbe — die innere Souveränität, die nicht mehr beweisen muss. Wo der König nach außen herrscht, herrscht die Königin im Innenraum. Sie hält das Element in sich gesammelt und gibt es nach Bedarf weiter.
Ursprung der Figur
Die Königin ist eine europäische Erfindung. Im mamlukischen Vorbild aus dem 14. Jahrhundert gab es nur drei männliche Hofkarten — der König und zwei Stellvertreter. Im italienischen Visconti-Sforza-Tarocchi um 1450 wurde erstmals die Königin als vierte Hofkarte eingeführt. Dies war eine kulturelle Anpassung an die höfische Kultur Italiens und Frankreichs der Renaissance, in der Frauen — etwa Bianca Maria Visconti, für die diese Karten teilweise gemalt wurden — eine reale Macht innehatten.
Pamela Colman Smith illustrierte 1909 die vier Königinnen mit deutlich unterschiedlichen Charakteren. Die Königin der Stäbe sitzt mit gespreizten Knien, eine schwarze Katze zu Füßen — die Karte einer feurigen, freien Frau. Die Königin der Kelche hält einen geschlossenen, verzierten Kelch — Hüterin der Innenwelt. Die Königin der Schwerter sitzt streng mit erhobenem Schwert. Die Königin der Münzen sitzt im Garten, ein Hase neben ihr. Im Thoth-Tarot Crowleys werden die Königinnen besonders machtvoll und elementar dargestellt.
Bedeutung und Funktion
Die Königin ist die Karte der Reife in ihrer Farbe. Die Königin der Stäbe ist die feurig-charismatische Frau, die ihre Energie nicht mehr verschwendet, sondern strahlen lässt. Die Königin der Kelche ist die einfühlsame Heilerin, Therapeutin, Mutter, Vertraute — sie hält Gefühle, ohne von ihnen überschwemmt zu werden. Die Königin der Schwerter ist die scharfe, kluge, oft verwitwete oder allein lebende Frau — sie hat Schmerz erfahren und in Klarheit verwandelt. Die Königin der Münzen ist die häuslich-pragmatische Frau, die Wohlstand verwaltet und ein Zuhause schenkt.
In personaler Lesart ist die Königin eine reife Frau im Leben des Fragers — eine Mutter, eine Mentorin, eine Partnerin, eine Freundin. Sie kann auch ein Mann mit ausgeprägt empfangender, hütender Energie sein. Energetisch ist die Königin die innere Reife, die Anteile in dir, die nicht mehr nach Bestätigung suchen. In Carl Gustav Jungs Sprache ist sie die Anima in ihrer reifen Form — die innere Frau, die das Außen empfängt, prüft und transformiert. Wenn die Königin fällt, geht es um Souveränität ohne Lärm.
In der Praxis
Wenn eine Königin in einer Lesung fällt, frage: Welche reife Energie wird gefragt? Wer in meinem Leben hält für mich Raum? Wo darf ich selbst Königin sein? Königinnen sind selten Anlass-Karten — sie sind Zustandskarten, die einen längeren Modus zeigen. In Liebesfragen kann die Königin der Kelche auf eine reife, geliebte Partnerin deuten, im Beruflichen die Königin der Münzen auf eine Vorgesetzte oder eine Mentorin mit handfester Erfahrung.
Achte auf die Position: Eine Königin als Ratgeberin ist meist eine innere Energie, eine Königin als äußerer Einfluss meist eine Person. Wenn mehrere Königinnen zusammen fallen, deuten sie auf einen weiblichen Kreis — Schwestern, Freundinnen, Mentorinnen. Im Rider-Waite-Tarot sind die Königinnen sehr charaktervoll dargestellt; im Marseille-Tarot formaler. Für die Beziehungslegung sind sie zentrale Karten, im Liebes-Tarot oft ausschlaggebend.
Symbolische Tiefe
In der Goldenen Dämmerung trägt die Königin das Element Wasser innerhalb ihrer Farbe — sie ist die wässrige, empfangende, formgebende Form der Energie. Die Königin der Kelche ist Wasser von Wasser: reine Empfänglichkeit. Die Königin der Schwerter ist Wasser von Luft: das Gefühl, das durch den Verstand geklärt wurde. Diese elementare Doppelung erklärt, warum jede Königin etwas Mütterliches trägt — selbst die strenge Königin der Schwerter ist eine Mutter der Klarheit.
Mythologisch ist die Königin die Demeter, die Erdmutter, oder Hera, die Hüterin des Hauses, oder Athene, die kluge Tochter. Sie ist die Sophia der Gnostiker, die Weisheit, die im Verborgenen lebt. In der christlichen Mystik ist sie Maria, die das Wort empfängt und es austrägt. Im Tarot kondensiert die Königin all diese Bilder: die Frau, die nicht handelt, indem sie tut, sondern indem sie hält. Wer die Königinnen lesen lernt, lernt die Würde der Innenarbeit. Siehe auch Glossar.
Auch bekannt als
- Queen
- Reine
- Regina
- Reina
- Herrscherin