Osiris
Osiris (ägyptisch Wesir) ist der ägyptische Gott des Todes, der Auferstehung, der Vegetation und des Königtums. Als Herr der Unterwelt (Duat) richtet er die Toten und gewährt den Gerechten ewiges Leben. Sein Mythos vom gewaltsamen Tod und der wundersamen Wiederbelebung durch Isis wurde zum Urbild aller Auferstehungsreligionen.
Mythos und Ursprung
Osiris erscheint bereits in den Pyramidentexten (etwa 2400 bis 2300 v. Chr.) als König der Toten und wird mit dem verstorbenen Pharao identifiziert: 'Du bist gegangen lebendig hervor, du bist nicht tot hervorgegangen' (Spruch 213). Er ist Sohn des Geb (Erde) und der Nut (Himmel), Bruder und Gemahl der Isis, Bruder von Seth und Nephthys. Nach der mythischen Königsliste regierte er als vierter göttlicher Pharao Ägyptens, lehrte die Menschen Ackerbau, Wein, Gesetz und Religion.
Plutarch hat in Über Isis und Osiris die vollständigste Fassung überliefert: Sein Bruder Seth, neidisch auf Osiris' Beliebtheit, ließ einen prächtigen Sarg anfertigen, der genau auf Osiris' Maße passte. Bei einem Gastmahl bot er den Sarg jenem als Geschenk an, dem er passte. Als Osiris hineinstieg, schlugen Seth und seine Verschwörer den Deckel zu und warfen den Sarg in den Nil. Isis fand ihn in Byblos und brachte ihn zurück, doch Seth zerstückelte den Leichnam in vierzehn Teile, die er über Ägypten verstreute. Isis sammelte sie alle bis auf den vom Nilbarsch verschluckten Phallus. Das Totenbuch (etwa 1550 v. Chr.) und der Papyrus Bremner-Rhind bezeugen diesen Mythos vielfach.
Attribute und Geschichten
Osiris' Attribute sind die Atef-Krone mit zwei hohen Federn und Widderhörnern, der Heqa-Krummstab (königliches Hirtensymbol) und die Nechacha-Geißel, die er gekreuzt vor der Brust hält. Seine Haut ist grün (Vegetation, Wiedergeburt) oder schwarz (fruchtbarer Nilschlamm, Tod). Der Djed-Pfeiler, der seine Wirbelsäule symbolisiert, war ein zentrales Amulett und Festsymbol. Sein Hauptkultort war Abydos in Oberägypten, wo jährlich die Passion und Wiederauferstehung in heiligen Spielen aufgeführt wurde.
Nach seinem Tod wurde Osiris zum Herrn der Duat. Im Totengericht sitzt er auf dem Thron, während Anubis das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Maat wiegt und Thoth das Ergebnis aufzeichnet. Sprüche 30, 64 und 125 des Totenbuchs beschreiben diese Szene ausführlich. Die Gerechten wurden zu 'Osiris N.N.' und durften die Aaru-Felder bewohnen. Sein Sohn Horus rächte seinen Tod im langen Streit mit Seth und wurde der lebende Pharao, während Osiris als toter Pharao herrschte: zwei Aspekte einer einzigen königlichen Macht.
Im modernen Kontext
James Frazer sah in Osiris in The Golden Bough (1890) den Urtyp des sterbenden und auferstehenden Gottes, in einer Reihe mit Tammuz, Adonis, Attis und Christus - eine These, die bis heute religionswissenschaftlich kontrovers, aber kulturhistorisch einflussreich diskutiert wird. Jung deutete Osiris als Archetyp des Selbst, das durch Zerstückelung und Wiederzusammensetzung zur Ganzheit gelangt - das gleiche Muster wie in der Alchemie (solve et coagula).
In der hermetischen Tradition und in der Freimaurerei ist Osiris zentral: die Hiramslegende ist eine direkte Adaption seines Mythos. Astrologisch wird er mit dem Sternbild Orion verbunden, das die Ägypter Sah nannten und als sein Sternbild verehrten. Wer im Test Entdecke deine mythologische Gottheit Osiris zugewiesen bekommt, durchläuft oft tiefgreifende Transformationsprozesse und trägt eine königlich-würdige Tiefe, die durch erlebte Verluste gereift ist.
Symbolische Tiefe
Im Tarot entspricht Osiris vor allem Der Gehängte (Arkanum XII) als sterbender Gott in der Schwebe zwischen den Welten und Der Tod (XIII) als König der Wandlung, sowie Das Gericht (XX), das direkt vom ägyptischen Totengericht inspiriert ist. Der Herrscher (IV) trägt seinen Krummstab und seine Geißel.
Esoterisch ordnet die hermetische Kabbala Osiris der Sephira Tiphareth (Sonne, Herz, opfertodbringender und auferstehender Gott) zu. Symbolisch lehrt Osiris, dass das, was zerbrochen wird, in höherer Form wiedererstehen kann und dass das wahre Königtum nicht im Beherrschen, sondern im Hingehen durch den Tod liegt. Weitere Verbindungen findest du im Glossar-Hub und unter Sephiroth.
Auch bekannt als
- Wesir
- Unnefer
- Chentamenti
- Herr von Abydos
- Auferstandener Gott