Tarot

Kartomantie

Die Kartomantie (von griechisch kartos, Karte, und manteia, Weissagung) ist der Sammelbegriff für alle Formen der Wahrsagung mit Spielkarten. Sie umfasst das Tarot, das Lenormand, das gewöhnliche Skat- oder Pokerblatt, Engel- und Orakelkarten sowie regionale Varianten wie das spanische Naipes-Deck oder das russische Wahrsagedeck. Sie ist eine der ältesten westlichen Wahrsagepraktiken und reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück.

Ursprung der Kartomantie

Spielkarten kamen im 14. Jahrhundert aus dem islamischen Raum — wahrscheinlich aus dem mamlukischen Ägypten — nach Europa. Schon bald wurden sie nicht nur zum Spiel, sondern auch zur Weissagung genutzt. Die ersten urkundlichen Erwähnungen einer Wahrsagung mit Karten finden sich im 15. Jahrhundert. Die Kirche verbot solche Praktiken regelmäßig, sie blieben aber populär — ein Ausdruck der menschlichen Neigung, Bedeutung in zufälligen Mustern zu suchen. Der Begriff Kartomantie wurde im 19. Jahrhundert geprägt, um die Praxis wissenschaftlich-systematisch zu fassen.

Im 18. Jahrhundert wurde die Kartomantie in Frankreich eine erste Hochzeit. Etteilla (Jean-Baptiste Alliette, 1738-1791) systematisierte ab 1770 die Tarot-Wahrsagung, schuf eigene Decks und schrieb Bedeutungslisten. Mlle. Lenormand (1772-1843) wurde zur berühmtesten Wahrsagerin Europas und arbeitete mit normalen Spielkarten und einem heute verlorenen System. Im 19. Jahrhundert systematisierte Eliphas Lévi die esoterische Kartomantie, im 20. Jahrhundert A.E. Waite mit seinem Rider-Waite-Deck und Aleister Crowley mit dem Thoth-Tarot.

Spielarten der Kartomantie

Die wichtigste Form der Kartomantie ist heute das Tarot mit seinen 78 Karten — Große Arkana und Kleine Arkana. Die zweite große Tradition ist das Lenormand mit 36 Karten, das narrativ und kombinatorisch arbeitet. Daneben existieren regionale Decks: das spanische Naipes mit 40 Karten, das italienische Sicilianisches Tarot mit lokalen Symbolen, das russische Madame de Thèbes-Deck. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden zahllose Orakel-Decks: Engel-Karten, Tier-Karten, Göttinnen-Karten.

Auch das gewöhnliche Spielkartendeck mit 52 Karten plus Joker wird zur Wahrsagung verwendet. Diese Form, oft cartomancie classique genannt, weist jeder Spielfarbe und jedem Wert eine Bedeutung zu — Herz für Liebe, Karo für Geld, Kreuz für Arbeit, Pik für Konflikt. Sie ist die Form, die im 18. und 19. Jahrhundert am weitesten verbreitet war und auch heute noch in Frankreich und Russland praktiziert wird. Die Methoden der Kartomantie variieren: Manche legen Karten in festen Spreads, andere ziehen einzelne Karten zu Fragen, dritte lesen die Große Tafel.

In der Praxis

Wer Kartomantie lernen will, beginnt am besten mit einem klaren System. Das Rider-Waite-Tarot ist der zugänglichste Einstieg, das Lenormand die konkreteste Schule für Alltagsfragen. Wer Sehnsucht nach archaischer Strenge hat, findet sie im Marseille-Tarot. Wer hermetisch arbeiten will, im Thoth-Tarot. Beginne mit einer einfachen Form — der Tageskarte oder einer Drei-Karten-Legung.

Übe regelmäßig. Halte ein Tagebuch deiner Lesungen. Achte darauf, dass du nicht jede Frage hundertmal stellst — Kartomantie funktioniert nicht durch Wiederholung, sondern durch ehrliche Aufmerksamkeit. Vermeide Lesungen aus akuter Angst oder Verliebtheit; die Karten spiegeln dann oft nur deinen Zustand. Eine erfahrene Kartomantin entwickelt mit der Zeit ein Gespür für ihre Karten. Apps wie Rider-Waite-Tarot antwortet, Marseille-Tarot antwortet oder Lenormand-Tarot antwortet bieten begleitende Übung.

Symbolische Tiefe

Die Kartomantie steht in einer langen Reihe der Klero-Mantie — der Wahrsagung durch Lose, durch zufällige Zeichen. Schon das I Ching im alten China nutzte Münzen oder Schafgarbenstängel, die Geomantie zufällige Punktmuster, die Astragalomantie Knöchelchenwürfe. Allen gemeinsam ist: Der Zufall wird als Sprache eines unsichtbaren Sinnzusammenhangs gelesen. Carl Gustav Jung nannte diese Idee Synchronizität — sinnvolle akausale Zusammenhänge, die sich der mechanischen Erklärung entziehen.

Skeptiker sehen in der Kartomantie einen Barnum-Effekt — vage Aussagen, in die der Frager seine eigene Wahrheit hineinliest. Praktizierende sehen darin ein kontemplatives Werkzeug: Die Karte zwingt zur Reflexion, eröffnet Perspektiven, bringt Unbewusstes ans Licht. Beide Sichten haben Recht — der Wert der Kartomantie liegt nicht in der Vorhersage, sondern in der Begegnung mit sich selbst, vermittelt durch ein Bild. Wer sie ernsthaft betreibt, lernt nicht die Zukunft, aber sich selbst. Siehe auch Glossar und Tarot-Übersicht.

Auch bekannt als

  • Cartomancy
  • Cartomancie
  • Cartomanzia
  • Cartomancia
  • Kartenwahrsagen

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